Vergessenes Giorgione-Werk in München entdeckt  |  | Giorgione, Bildnis des Giovanni Borgherini und des Trifone Gabriele, 1509/10 | |
Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe der Alten Pinakothek und des Doerner Instituts in München hat ein Gemälde dem Künstler Giorgio da Castelfranco, neu zuordnen können und damit das schmale Œuvre des als Giorgione bekannten venezianischen Künstlers erweitert. Die Untersuchungen fanden im Rahmen der Erschließung der venezianischen Renaissancemalerei im Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen statt. Schon während der Ausstellung „Venezia 500<<. Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei“, die bis Februar in der Alten Pinakothek zu sehen war, hatte sich die Entdeckung bereits angedeutet und konnte nun durch kunsthistorische und kunsttechnologische Recherchen bewiesen werden. Giorgiones um 1509/10 entstandenes, bis dato rätselhaftes Doppelbildnis war seit 2011 in der Grünen Galerie der Münchner Residenz ausgestellt und soll nun seine feste Heimat in der Alten Pinakothek bekommen.
Der berühmte Florentiner Künstlerbiograf Giorgio Vasari hatte das Gemälde 1568 als Bildnis des jungen Bankierssohn Giovanni Borgherini mit seinem Lehrer aus Venedig beschrieben. Der Charakterkopf entspricht dem überlieferten Aussehen des venezianischen Universalgelehrten Trifone Gabriele, zu dessen Schülern Giovanni Borgherini zählte. Auch das Astrolabium und der Zirkel, mit denen der Humanist abgebildet ist, entsprechen den zeitgenössischen Quellen, die ihn als Gelehrten der Astronomie und Kosmologie ausweisen, was die Zuschreibung untermauert. „Giorgiones vielschichtiges Doppelbildnis bündelt alles, was die kulturelle Blüte Venedigs im frühen 16. Jahrhundert ausmacht“, so Andreas Schumacher, Sammlungsleiter für die Italienische Malerei an der Alten Pinakothek.
Die kunsttechnologischen Untersuchungen, an denen vor allem die beiden jungen Wissenschaftlerinnen Johanna Pawis und Anneliese Földes beteiligt waren, ergaben etwa noch, dass unter der sichtbaren Darstellung Kompositionen für drei weitere Gemälde liegen. Die unterste Pinselzeichnung zeigt den zwölfjährigen Jesus unter den Schriftgelehrten. Darüber findet sich eine an Giorgiones berühmtes Gemälde „La Tempesta“ erinnernde Landschaftsszene, die wiederum von einer kostbar gekleideten Figur überdeckt wurde, deren Gewand aus dem nasridischen Emirat von Granada stammen könnte. Alle Bilder folgen in ihrer Entstehung unmittelbar aufeinander.
Ermöglicht wurden die Forschungen, die die Fachbereiche der Kunstgeschichte, Restaurierung und Naturwissenschaft umschließen, durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Hubert Burda Stiftung. Die Ergebnisse können im Detail in der frei zugänglichen Publikation des internationalen Open-Access-Magazins ArtMatters eingesehen werden. Die Arbeit trägt den Titel „One Canvas, Four Ideas: A Double Portrait Attributed to Giorgione With Different Compositions Underneath“. |