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Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert in Düsseldorf eine große Überblickschau zu Marc Chagall. Seine Werke sind im Zeitgeschehen und dem religiösen wie heimatlichen Umfeld tief verwurzelt

Bilder entlang des Lebensweges



Unter den Künstlern, die im 20. Jahrhundert eine betont individuelle Handschrift entwickelten, gehört Marc Chagall zu den bekanntesten, und dies, obgleich das Ausnahmetalent, bedingt durch wechselnde Lebenssituationen, seinen künstlerischen Ausdruck immer wieder angepasst hat. Aufs engste sind damit politische Umstände, Migration, Heimatlosigkeit und persönliche Schicksale verbunden. Womit begründet sich der Erfolg? Er lässt in der einzigartigen Verschmelzung von Elementen der westeuropäischen Avantgarde mit Facetten der jüdischen Tradition und der osteuropäischen Heimat finden. Über 70 Jahre hinweg, vom beginnenden 20. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre, schuf Chagall ein faszinierendes und facettenreiches Œuvre, das nun im Rahmen einer großen Schau mit Schlüsselwerken aus allen Schaffensperioden in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen aufgerollt wird.


120 Arbeiten, darunter 67 Gemälde und eine Plastik, konnte die Kuratorin Susanne Meyer-Büser für die Schau in K20 am Grabbeplatz vereinen. Anders als in der ersten Station in der Wiener Albertina liegt in Düsseldorf der Fokus auf dem Frühwerk. Dies hängt damit zusammen, dass sich drei vor dem Ersten Weltkrieg in Paris entstandene, allesamt von Werner Schmalenbach erworbene Gemälde im Besitz der Kunstsammlung NRW befinden. Dazu gehört das 1909 gefertigte „Selbstbildnis mit Pinseln“, eines seiner frühesten Werke, mit dem sich Marc Chagall in der chronologisch in sieben Abschnitten gegliederten Schau einleitend vorstellt. Geboren 1887 in der damals im russischen Zarenreich gelegenen, zur Hälfte von Juden bewohnten Kleinstadt Witebsk, wuchs der zunächst nur der jiddischen Sprache mächtige Chagall in einem stark religiös geprägten Umfeld auf. Nach dem Schulbesuch ohne Abschluss zog es ihn nach St. Petersburg, wo er an mehreren Kunstschulen eine Malereiausbildung absolvierte, bevor er 1911 dank eines Mäzens nach Paris ziehen konnte. Als wollte er der Mitte ausweichen, rückte er auf dem frühen, im dunklen Kolorit gehaltenen Brustbild von 1909 seinen frontalen Oberkörper ausschnitthaft nach rechts, wobei ihn die Pinsel als Maler ausweisen. In einer dunklen Farbwolke erscheinen oben rechts weiße Blumen als Reminiszenz an die russische Volkskunst.

Doch schon bald zeigt sich der Einfluss künstlerischer Tendenzen im avantgardistischen Paris. Beeinflusst von Vincent van Gogh und den Fauves, beseelt vom Licht, der Freiheit und Heiterkeit der französischen Metropole, hält ein leuchtendes Kolorit Einzug in Chagalls Schaffen, begleitet von einer kubistischen Formzersplitterung und orphischen Farbzerlegungen à la Robert Delaunay. „Der Geiger“ aus dem Jahr 1911 vermittelt dies symptomatisch. Dem alten geigenden Straßenmusikanten steht ein um Almosen bittender Junge zur Seite. Trotz bitterer Armut schmunzeln die beiden ebenso wie die am Ende des geschwungenen Weges im Hintergrund stehenden, karg gekleideten Personen. Die ärmlichen Verhältnisse in Chagalls Heimat, die schiefen Holzhäuser dort, Folklore und das jüdische Milieu verschmelzen hier wie auch in weiteren Interieur- oder Personendarstellungen mit progressiven künstlerischen Trends.

Als Marc Chagall 1912 erstmals im „Salon des Indépendants“ drei Bilder ausstellen darf, darunter auch das aus New York ausgeliehene Gemälde „Golgatha“, erzielt er einen beachtlichen Erfolg. Die Verbindung von Traditionellem und Gegenwärtigem, ein folkloristisches Kolorit, jüdisch-christliche Symbole, eine kubistisch-abstrakte Kompositionsfindung und fantastisch-mythologische Motive machen Chagall über Nacht bekannt. Hinzu kommen traumhaft-surreale Konstellationen von Köpfen und Körpern, wie sie speziell im großformatigen Gemälde „Hommage à Apollinaire“ illustriert sind. Im Zentrum dieses ungewöhnlichen, zu Chagalls Hauptwerken zählenden Bilds steht ein androgynes Wesen, vom Unterkörper aufwärts in Mann und Frau gespalten und umgeben von einer an Delaunay erinnernden Farbkreisform. Ein von einem Pfeil durchbohrtes Herz im unteren Teil wird unter anderem vom Namen Herwarth Waldens gerahmt.

Der Berliner Galerist Walden präsentiert Marc Chagall im Ersten Deutschen Herbstsalon 1913 und veranstaltet 1914 in seiner Galerie „Der Sturm“ die erste Soloschau des Malers. Mit seiner immer weiter perfektionierten Kombination von Kubismus und burlesker Drastik russischer Volkskunst kann sich Chagall der breiten Aufmerksamkeit des Berliner Kunstpublikums erfreuen. Über Berlin reist er 1914 nach Russland zurück. „Rabbiner mit Zitrone (Festtag)“, so der Titel des hauseigenen Aushängeschilds, entsteht unmittelbar danach. Die streng reduzierte Einzelfigur eines frommen Juden mit Gebetsschal, eine Zitrone und Dattelpalme in den Händen haltend, ist in Weiß und Schwarz gefasst, umgeben von eigenartigen, vom Kult abgeleiteten grau-violetten Farbklängen. Das Böse im Judentum karikiert die Doppelfigur auf dem Kopf.

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges an der Rückkehr nach Paris gehindert, bleibt Marc Chagall acht Jahre in seiner russischen Heimat. Er begrüßt die revolutionäre Entwicklung, leitet die Witebsker Kunsthochschule und experimentiert mit dem Suprematismus. In Zeichnungen führt er seine Sujets bis an die Grenze zur Ungegenständlichkeit – eine bislang unentdeckte Seite des Malers. Doch dies entspricht nicht seinen poetischen Bildwelten, in denen das Dargestellte und Farben in schwebender Leichtigkeit aufgehen. Im September 1923 kehrt er nach Paris zurück. Feinsinniges, ein transparenter Farbauftrag und das von ihm kreierte „Chagall-Blau“ bestimmen nun sein Schaffen. Schwebende Blumensträuße, Menschen, Fabelwesen, Tiere oder einfache Gegenstände fügen sich in kosmischen Sphären zu einer Einheit zusammen und spiegeln sein unbeschwertes, glückliches Leben in den 1920er Jahren. Themen und Motive wiederholen sich.

1944 muss Marc Chagall nach New York fliehen und kann erst 1948 nach Frankreich zurückkehren. Seine-Brücken oder die Kirche Notre-Dame verbinden sich von nun an mit Motiven aus jüdischen Siedlungen oder Paardarstellungen. Die Liebe als höchstes Gut des Menschen und als Symbol der Überwindung von Gegensätzen taucht nun in vielen Bildern auf. Chagall thematisiert dunkle und glückselige Seiten des Lebens. Mit schwebenden Blumensträußen spielt er auf die Liebe wie auch auf die Natur und Vergänglichkeit an. In lebendiger, hell strahlender Palette malt er die Welt im Zirkus, androgyne Wesen, Clowns und Tänzerinnen in traumhafter Anmutung; Fische erinnern an die Arbeit seines Vaters in einer Heringsfabrik. Biblische Sujets gewinnen in den letzten Schaffensjahren des 1985 in Südfrankreich mit 97 Jahren verstorbenen Künstlers an Bedeutung. Christus, der gekreuzigte Jude, und das Martyrium des jüdischen Volkes begleiten sein Schaffen besonders in jener Zeit. Chagall will sie als universelles Sinnbild des Leidens der Menschheit verstanden wissen und gültige Botschaften wie Vergebung, Versöhnung und Liebe vermitteln.

Die Ausstellung „Chagall“ ist bis zum 10. August zu sehen. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 16 Euro, ermäßigt 14 Euro. Schüler, Studenten und Auszubildende zahlen 5 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Prestel Verlag erschienen, der im Museumsshop 39,90 Euro kostet.

Kontakt:

K20 - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Grabbeplatz 5

DE-40213 Düsseldorf

Telefon:+49 (0211) 83 81 0

Telefax:+49 (0211) 83 81 201

Startseite: www.kunstsammlung.de



17.03.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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