 |  | Ausstellung „21 x 21. Die RuhrKunstMuseen auf dem Hügel“ | |
Vorwiegend mit Industrie und Sport wird das Ruhrgebiet heute in Verbindung gebracht. Im Schatten stehen dabei Impulse, die von hier aus in die bildende Kunst ausgingen. Martin Kippenberger, der in Dortmund geborene Sohn eines Zechendirektors, wuchs in Essen auf, wo er 1984 auch seine erste Museumsausstellung bestritt. Josef Albers wurde in der Zechenstadt Bottrop geboren, wo er über Jahre hinweg als Lehrer wirkte. Wilhelm Lehmbruck erblickte im heute zu Duisburg gehörenden Ort Meiderich das Licht der Welt und musste als Kind erleben, wie sein Vater als Tagelöhner im Bergbau ein Zubrot verdiente. Auch andere Künstler waren von der Montanindustrie geprägt, was sich mehr oder minder in ihrem Schaffen niederschlug.
Die Geschichte der Kunst im Ruhrgebiet ist auch eine Geschichte von Institutionen. Die Offenheit für Experimente der hier lebenden Menschen und ihre Unbefangenheit innovativen Positionen gegenüber spiegeln sich in zahlreichen Kunstprojekten im öffentlichen Raum, etwa in Werner Ruhnaus Theaterbau in Gelsenkirchen, oder in etlichen Museumsgründungen speziell nach dem Zweiten Weltkrieg. Der wirtschaftliche Aufschwung motivierte Stifter, Mäzene, Bürgerbewegungen oder politische Gremien zu Neugründungen von Museen. Diese prägen nun das kulturelle Selbstverständnis der Region mit über fünf Millionen Menschen. Alle hier ansässigen Kunstmuseen verwalten zusammen einen Fundus von über 500.000 Werken verschiedenster Gattungen.
Welches herausragende Potential sich dahinter verbirgt, zeigt aktuell die über vier Jahre vorbereitete Schau mit einem exemplarischen Sammlungsextrakt unter dem Titel „21 x 21“ in der Essener Villa Hügel. Anlass ist das fünfzehnjährige Jubiläum des im Kulturhauptstadtjahr 2010 gegründeten Netzwerks der 21 „RuhrKunstMuseen“. Mit jährlich über 150 Ausstellungen auf 45.000 Quadratmetern in sechzehn Städten ist dies die weltweit größte Ballung von Kultureinrichtungen, auch „wenn dies nicht so offensiv propagiert wird wie im Süden der Republik“, wie die nordrhein-westfälische Kulturministerin Ina Brandes während der Ausstellungseröffnung kundtat. Dabei spielt die Villa Hügel, einst privates Wohnhaus der Familie Krupp, als Symbol für Transformation eine bedeutende Rolle. Im Jahr 1953 öffneten sich erstmals die Tore der palastartigen „Wohnmaschine“ mit einer ersten Ausstellung zum Essener Münsterschatz für die Öffentlichkeit. Jetzt wendet man sich mit der 60. Schau erneut heimatlichen Gefilden zu.
Hierzu ersann sich das kuratorische Team aus den Netzwerksprechern Regina Selter und Peter Gorschlüter mitsamt der Projektleiterin Sarah Bockting eine spezielle Herangehensweise: Alle 21 Museen wurden aufgefordert, ein für ihre Sammlung aussagekräftiges hochkarätiges Kunstwerk auszuwählen, das jeweils mit einem Spiegel unterlegt oder gerahmt vorgestellt wird. Darauf sollten nun die anderen Häuser mit je einem Objekt aus ihren Beständen reagieren, so dass insgesamt 441 Kunstwerke zusammengekommen wären. Aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse konnte das Kuratorenteam aber nur 120 Exponate auswählen und arrangierte sie in zehn spielerisch-assoziativen Themenräumen. In diesen „Salons“ sind nahezu alle künstlerischen Gattungen von Malerei, Fotografie, Grafik, Skulptur bis hin zu Multimedia-Installationen vertreten. Die Bandbreite reicht von Werken der Klassischen Moderne bis hin zu Positionen der unmittelbaren Gegenwart. International renommierte Künstler*innen treffen auf regionale Positionen und Künstlergruppen, die eng mit dem Ruhrgebiet verbunden sind.
Schon im Auftaktraum wird dies eindrucksvoll vor Augen geführt, wo man auf das dominierende Impulswerk zuläuft, der von Wilhelm Lehmbruck im Jahr 1913 geschaffenen „Großen Sinnenden“. Der langgestreckte bronzene Frauenakt aus dem Duisburger Lehmbruck Museum gilt als Schlüsselwerk expressiver Bildhauerei. Direkt daneben platzierten die Kuratoren eine kritische Position von Rosemarie Trockel: Sieben schwarze Kochplatten montierte sie 1993 auf weißes Stahlblech. Dieses abstrakte minimalistische „Herdbild“ versteht sich als feministische Auseinandersetzung mit dem Thema Weiblichkeit. Die Frau, oft nackt dargestellt, galt lange als klassisches Motiv etablierter Künstler; die eigene Sicht auf die Weiblichkeit konnten Künstlerinnen in größerem Umfang erst ab den 1960er Jahren in die Kunstwelt einführen. Zur Seite gestellt sind das Portrait „Bäuerin mit Kind“ von Lehmbrucks Zeitgenossin Paula Modersohn-Becker sowie ein großformatiges Frauen-Doppelporträt von Gerhard Richter aus den 1960er Jahren, das zum Bestand der Oberhausener Ludwig Galerie gehört.
Ausgehend von František Kupkas Gemälde „Der Traum“ aus dem Kunstmuseum Bochum, widmet sich ein weiterer Strang danach surrealen traumhaften Bildwelten unter der Überschrift „Sein und Traum“. Im Anschluss weckt der Parcours die „Kauflust“. Aus dem Museum Folkwang der ehemals als „Einkaufsstadt“ firmierenden Metropole Essen stammt August Mackes Gemälde „Modes: Frau mit Sonnenschirm vor dem Hutladen“ von 1914. Diesem frühen Zeugnis der aufblühenden Konsumkultur in kräftigen kontrastierenden Farben stehen unter anderem Fotografien von Tata Ronkholz zur Seite, die Schaufensteransichten und das Flanieren in Einkaufsstraßen festhielt. Auch drei sogenannte „Horten Waben“ aus Keramik sind zugegen, die bis Ende der 1970er Jahre für Fassaden der Kaufhauskette Horten verwendet wurden. Der von Egon Eiermann entworfene Formstein steht für das Stadtbild der Nachkriegszeit und den Wandel der Innenstädte.
Danach läuft man auf einen Stahltisch des Beuys-Schülers Anatol Herzfeld zu. Im Salon der „Umbrüche“ ist er ein aus dem Museum Ostwall im Dortmunder U entliehenes Relikt der Aktion „Dramas Tisch“ von 1968. Die Arbeit, bei der an einem Stahltisch fixierte Personen nur auf Kommando sprechen durften, ist in ihrem Bezug zu Meinungsfreiheit und Zensur hochaktuell. Der Weg hinab über eine Treppe in die alte Bildergalerie der Familie Krupp führt sinnbildlich in die Tiefe des Bergbaus. Im langgestreckten Saal der „Arbeit und Struktur“ dominiert Denise Ritters dreiteilige Klanginstallation „mono/industriell“. Kurz vor Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet hielt die Künstlerin die Geräusche der strukturierten Arbeitsabläufe fest und fügte sie in trapezförmige Rahmen ein, in deren Ausschnitte sich der Besucher zum Hören hineinbeugen muss. Struktur und deren Auflösung beschäftigte viele Künstler des 20. Jahrhunderts. Emil Schumachers großes Ölgemälde „Pinatubo“ steht für die Auseinandersetzung mit Aktion und Reaktion. Eine dominierende Farbigkeit zeichnet gleichfalls Jessica Stockholders Objekte aus; entrückt vom Gebrauch hinterfragen ihre alltäglichen Gegenstände Mechanismen der Massenproduktion. In fünf Kabinetten schließen sich „Lebenszeichen“ an. Timm Ulrichs’ 50teilige Fotoserie „Die Welt im Wohnzimmer“ führt in Sphären des privaten Rückzugs, während László Moholy-Nagy mit seinen Fotografien und abstrakten Kompositionen die moderne Lebensdynamik zwischen Transparenz und Abgrenzung einzufangen versuchte.
In den letzten vier Salons, den ehemaligen Schlaf- und Ankleidezimmern der Krupps, laden zunächst Landschaften von Gabriele Münter, Ernst Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky und Kurt Schwitters unter dem Titel „Fenster der Welt“ dazu ein, den Alltag zu vergessen. Eine von Ulrich Möckel kreierte und frei im Raum schwebende „Konturenwolke“ aus Hartschaum verbindet unter dem Oberbegriff „Atmosphäre“ Werke, die zum Nachdenken anregen und Melancholie verbreiten. Atmosphäre steht sowohl für die gasförmige Erdhülle, in deren unterer Schicht die Wolkenbildung vonstattengeht, als auch für subjektive Stimmungen. Diese vermittelt ein in Anlehnung an George Minnes Büste „Melancholie“ gestalteter, auf einer Fotomontage basierender Offsetdruck von Gerhard Richter, der wie Wilhelm Morgners Gemälde vom „Mann auf dem Hügel“ einen wolkenverhangenen Himmel zeigt.
Bewegt, monumental und bedrohlich geht es im anschließenden einstigen Schlafzimmer zu. In Untersicht aufgenommen, vermittelt Hans-Christian Schinks Großfoto von der Autobahnbrücke „A9/A38 Autobahnkreuz Rippachtal 1“ ein eher schaurig-beängstigendes Gefühl, während Michael Sailstorfers stetig rotierender Autoreifen samt Gummiabrieb hier in anderer Form menschliche Seelen bewegt und eine weitere Seite von kraftvoller „Dynamik“ vorstellt. „Tradition im Wandel“ heißt der Obertitel im letzten Salon, in dem eine lebensgroße Bronzefigur Physiognomie und Gestalt der Porträtierten unter einem Umhang verbirgt. Das „Selbstporträt als Geist“ der Künstlerin Alicja Kwade fragt nach dem Verborgenen unter der Hülle. Entgegen der Tradition des Selbstporträts sind der Person jedwede Charakteristika entzogen. Wie werden gängige Gepflogenheiten weiter entwickelt?
Die an medialen Positionen breit aufgefächerte Schau lädt dazu ein, durch das Ruhrgebiet zu reisen, bislang weniger wahrgenommene Schätze zu entdecken und kaum im Rampenlicht großer Ausstellungen stehende Häuser wie das Museum Haus Opherdicke in Holzwickede oder das Museum DKM in Duisburg zu besuchen. Wer die gesamte Bandbreite der 441 Kunstwerke erfahren möchte, sei auf die umfassendere Präsentation der Webseite www.21x21.de verwiesen. Die Schau beweist einmal mehr: Innovation und Tradition, Kunst und Kumpel gehören seit langem im einstigen „Kohlenpott“ als identitätsstiftende Verbindung zusammen.
Die Ausstellung „21 x 21. Die RuhrKunstMuseen auf dem Hügel“ ist bis zum 27. Juli zu besichtigen. Die Villa Hügel hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 5 Euro; für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er kostenlos. Zur Ausstellung liegt ein Magazin für 7 Euro vor. |