 |  | Pietro Testa, Die Allegorie der Malerei (Der Triumph der Malerei), um 1644/48 | |
Da ist einiges los. Die drei Grazien und die neun Musen sind in einem Hain zusammengekommen, dazu noch antike Philosophen, Nymphen, Satyrn, Reptilien und wildes Getier, sogar der Flussgott Tiber. Sie alle sind da, um der Malerei zu huldigen, die als allegorische Frauengestalt auf einem von zwei Pferden gezogenen Wagen sitzt und von helfenden Putten umringt wird. Über ihr schwebt schützend und an einen Regenbogen gelehnt Fama und verkündet ihren Ruhm in der Welt. So sah in den 1640er Jahren Pietro Testa seinen „Triumph der Malerei“. Vielleicht war das eine Wunschvorstellung. Denn der 1612 im toskanischen Lucca geborene Künstler, der mit 16 Jahren nach Rom aufbrach und dort bei Domenico Zampieri in die Lehre ging, hatte als Maler wiederholt mit Misserfolgen und mangelnder Wertschätzung zu kämpfen. Von Schwermut geplagt, nahm sich Testa 1650 durch Selbstmord im Fluss Tiber sein Leben. Daher ist seine malerische Ausbeute nicht sehr hoch. Außerdem spielte die Radierkunst ab den 1630er Jahren in seinem Schaffen eine große Rolle. Der über 70 Zentimeter breite „Triumph der Malerei“ gilt dabei als sein programmatisches Hauptblatt, das Testa zu einer virtuosen Komposition ausbaute, die von seiner technischen Experimentierlust, der Komplexität seiner Erfindungsgabe und dem hohen Gehalt seiner humanistischen Bildung zeugt. Bei Bassenge liegt nun ein harmonischer und lebendiger Abzug vor, der 7.500 Euro verlangt.
Mit seiner Auswahl beweist das Berliner Auktionshaus wieder einmal seine herausragende Stellung bei der Druckgrafik Alter und Neuerer Meister in Deutschland. Vom späten Mittelalter, darunter etwa Martin Schongauers feinen spätgotischen Kupferstich „Der Heiland krönt die heilige Jungfrau“ (Taxe 12.000 EUR), bis zum beginnenden 20. Jahrhundert reicht das mit über 700 Positionen üppig bestückte Angebot und offeriert neben den bekannten Namen, kaum geläufige Künstlerinnen und Künstler, wie die Breslauer Malerin und Grafikerin Helene Tüpke-Grande, die ihren Farbholzschnitt mit Segelbooten „Am Müggelsee“ ganz im Sinne des Jugendstils flächig und kraftvoll ausgearbeitet hat (Taxe 400 EUR). Erste Höhepunkte gibt es in der Renaissance. Hier tut sich der Nürnberger Großmeister Albrecht Dürer allein mit dreißig Blättern hervor und offeriert unter anderem die liebevolle Darstellung „Die Jungfrau mit der Birne“ von 1511 (Taxe 15.000 EUR), die rätselhafte mythologische Paraphrase „Die Eifersucht oder auch: Herkules genannt“ (Taxe 18.000 EUR), einen unbeschriebenen Zustandsdruck seines gleichfalls enigmatischen Kupferstichs „Die Hexe“ um 1505 (Taxe 7.500 EUR) oder zu gleichen Preisen die beiden Holzschnitte „Christus am Ölberg“, Blatt 3 der „Großen Holzschnittpassion“ in einer Ausgabe nach 1511, und „Vier Engel, die Winde aufhaltend“ aus der „Apokalypse“.
In Nürnberger Kunstkreisen bleibt es mit dem gebürtigen Schweizer Jost Amman, der 1583 die „Icones Ducum Bavariae“ mit Darstellungen der Wittelsbacher Herrscher herausgab. Daraus ist nun der Kupferstich mit dem Doppelportrait von Rudolf II., Herzog von Bayern und Pfalzgraf bei Rhein, und seiner zweiten Frau Margarete von Sizilien-Aragon zu haben, den Georg Mack d.Ä., ein Nürnberger Kollege Ammans, aufwendig und detailreich kolorierte (Taxe 2.400 EUR). Der um 1520 in Bamberg geborene Hanns Lautensack, der sich 1554 in Wien niederließ und dort um 1565 auch starb, schuf fantasievolle Landschaften im Stil der Donauschule, so auch 1553 seine Radierung „Landschaft mit einer Burg“ (Taxe 3.500 EUR). In die italienische Renaissance geht es dann mit Domenico Beccafumi, der aus seinem kleinen grafischen Œuvre die um 1537 entstandene Radierung „Zwei männliche Akte in einer Landschaft“ beisteuert (Taxe 18.000 EUR). Andrea Andreani griff auf eine Idee des Manieristen Alessandro Casolani zurück und gestaltete daraus seinen Clair-Obscur-Holzschnitt „Junge Frau, einen Totenkopf betrachtend“ mit Vanitas-Anklängen (Taxe 4.500 EUR).
Die Unvollendete
Auch der namentlich nicht bekannte Meister NDB, der in den 1540er Jahren in Bologna und wohl auch in Fontainebleau tätig war, nutzte die aufwändige Technik des Clair-Obscur-Holzschnitts für seine biblische Auslegung „Der Bethlehemitische Kindermord“ und berief sich dabei auf einen Wandteppich von Raffael (Taxe 12.000 EUR). Ebenso selten ist eine weitere unvollständige Variante des Blattes, bei der nur der Linienblock gedruckt wurde, nicht aber die beiden Tonplatten in Hell- und Dunkelbraun (Taxe 4.500 EUR). Mit den beiden manieristischen Radierungen „Madonna mit Kind an der Wiege“ samt kecker Katze und der vielfigurigen „Auferweckung des Lazarus“ ist der Franzose Jacques Bellange diesmal bei Bassenge vertreten. Sie sollen 8.000 Euro und 2.400 Euro einspielen. Sein niederländischer Kollege Hendrick Goltzius mischt mit fünf Grafiken mit, darunter der Rückenansicht des muskulösen „Marcus Valerius Corvus“ aus der Folge der „Römischen Helden“ von 1586 und dem zehn Jahre jüngeren „Heiligen Hieronymus“ bei Bibelstudium in der Einöde (Taxe je 3.500 EUR). Eine Rarität ist der in Farbe gedruckte Kupferstich „Der Narr mit der Schellenkappe“, bei dem sich Jan Saenredam einer Vorlage von Goltzius bediente (Taxe 3.500 EUR).
Im Kreis um Hendrick Goltzius verkehrte zudem Gerrit Pietersz Sweelink. Seine Radiertechnik, die er 1593 auch bei der Darstellung der orgelspielenden „Sancta Cecilia“ anwandte, erinnert mit ihrem freien und spontanen Linienspiel aber eher an Bartholomäus Spranger (Taxe 2.500 EUR). Einer der großen Künstler dieser Epoche in den Südlichen Niederlanden war Pieter Bruegel d.Ä., der selbst keine Druckgrafik ausführte, aber mit mehreren Stechern zusammenarbeitete, die seine zeichnerischen Vorlagen dann umsetzten, so etwa Pieter van der Heyden, der 1570 mit dem regen Tätigkeit mehrerer Leute im Garten ein Sinnbild für den Frühling bearbeitete. Bruegels Zeichnung zu dem Kupferstich „Ver“ liegt heute in der Albertina in Wien (Taxe 6.000 EUR). Ein weiterer Großmeister der grafischen Kunst war Rembrandt, der seine Blätter aber selbst radierte. 26 seiner Grafiken listet der Katalog, darunter die Petitessen „Der Bettler mit der Glutpfanne“ um 1630 (Taxe 2.400 EUR) oder „Kahlkopf nach rechts gewendet“ (Taxe 4.500 EUR), aber auch ausgefeiltere Kompositionen, wie den „Flötenspieler“, der am Ufer eines Baches seiner angebeteten Hirtin eben ein Ständchen bringt (Taxe 12.000 EUR). Das teuerste Los der Auktion hat Rembrandt ebenfalls zu bieten: es ist das Bildnis „Der große Coppenol“ in einem samtigen Druck mit effektvollem Hell-Dunkel-Spiel für 28.000 Euro.
Daran kommt Adriaen van Ostade nicht heran, der die Nachfrage nach Grafiken bei den damaligen Sammlern desgleichen rege mit seinen Genreszenen bediente. Davon liegen unter anderem die Radierungen „Der Familienvater“ beim Füttern seines Kleinen von 1648 für 4.000 Euro, „Die Bezahlung der Zeche“ in einem seltenen frühen Druckzustand für 4.500 Euro und „Der buckelige Geiger“ für 6.000 Euro vor, der eben einer Bauernfamilie vor deren Haus aufspielt. Auch Rembrandts Lehrer Pieter Lastman ist mit von der Partie und stellt von seinen lediglich drei Radierungen die alttestamentliche Verführungsszene „Judah und Tamar“ zur Verfügung (Taxe 1.800 EUR). Für den italienischen Barock stehen dann etwa der dramatische Schiffsbruch „Le Naufrage“ von Claude Lorrain um 1638/41, Giovanni Pietro Possentis locker schraffierte Mythologie „Herkules tötet den Kentaur Nessus“ (Taxe je 3.500 EUR) oder Elisabetta Siranis zärtliche Schilderungen „Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben“ von 1659 (Taxe 900 EUR) und „Die Heilige Familie mit der heiligen Elisabeth und dem Johannesknaben“ (Taxe 1.200 EUR).
Stadtansichten aus Sachsen und Italien
Von Venedig aus machte sich Bernardo Bellotto an den kurfürstlichen Hof nach Dresden auf und wurde zum wichtigsten Maler der Stadt und seines Umlandes im 18. Jahrhundert. Davon zeugen auch seine Stiche, wie „Perspective de la Facade de la Gallerie Roiale avec une partie de l’Eglise nôtre Dame…“ von 1749 (Taxe 6.000 EUR), „Vue de la Place de la ville-neuve de Dresden, de la grande Allée qui aboutit à la porte noire…“ von 1750 (Taxe 4.000 EUR) und „Vue de la Ville de Pirne devant la porte nommée Dohnaisch Thor avec la fortesse Sonnenstein“ (Taxe 3.500 EUR). Zuvor war Bellotto bei seinem Onkel Giovanni Antonio Canal, die sich bei Canaletto nannten, in die Lehre gegangen. Auch Canal war ein berühmter Vedutenmaler, von dem die beiden zusammengehörigen Ansichten des großen Platzes „S. Giustina in Prà della Valle“ und „Prà della Valle“ in Padua für zusammen 6.000 Euro vorliegen. Ein weiterer Könner der italienischen Vedutenkunst auf grafischem Gebiet war Giovanni Battista Piranesi, der mit seiner ab etwa 1746 begonnenen Serie von römischen Sehenswürdigkeiten, den „Vedute di Roma“, in Europa zahlreiche Liebhaber fand. Neben einzelnen Blättern ist diesmal das um 1748 entstandene Frontispiz zu diesem Radierwerk, aufgeteilt auf zwei separaten Bögen, zu haben. In dem wilden Durcheinander an antiken Überresten verherrlicht Piranesi einerseits die Kunst der Antike, zeigt aber auch ihre Vergänglichkeit auf und lässt sie von einem reichen Pflanzenwerk überwuchern (Taxe 6.000 EUR).
Ein anderer Franzose, der wie Lorrain nach Rom zog, war Pierre Subleyras. Als sein druckgrafisches Hauptwerk gilt die vielfigurige, bewegte Bibelszene „Das Gastmahl im Hause des Simon“ von 1738, in dem Subleyras seine eigene, ein Jahr zuvor für das Refektorium eines Klosters in Asti vollendete, annähernd sieben Meter breite Schöpfung seitenverkehrt wiederholte (Taxe 2.400 EUR). Nach dem heute verlorenen Gemälde „The Gipsies“ aus der Mitte der 1750er Jahre schuf Thomas Gainsborough seine Radierung mit Rastenden um ein Lagerfeuer unter einem knorrigen Baum am Rande eines Waldes (Taxe 1.500 EUR). Landschaftlich bleibt es mit zwei heiteren Pastoralen von Gerhardt Janssen, in die der nach Wien ausgewanderte Niederländer 1722 neben den Hirten mit ihren Herden auch antike Ruinen integrierte (Taxe 4.500 EUR). In die menschlichen Abgründe schaute dagegen Francisco de Goya, der mit seiner Radierung „El Agarrotado“ einem zur Hinrichtung bereiteten Menschen ein schauderhaftes Denkmal setzte (Taxe 7.500 EUR).
Ein Rarissimum
Fast schon humorvoll nehmen sich dagegen die dämonischen Wesen aus, die auf James Ensors Radierung „Démons me turlupinant“ von 1895 den kaum erschreckten Künstler bedrängen (Taxe 2.400 EUR). Auf den „Carnavale 1785“ bezog sich Johann Gottfried Schadow 1823 bei seiner Kreidelithografie zweier karikaturhaft gezeichneter unmaskierter Männerpaare in Karnevalkostümen der Zeit, von der in der Literatur ledig ein weiteres Exemplar im Schlossmuseum Weimar verzeichnet ist (Taxe 2.400 EUR). Einen eigenen Abschnitt hat Bassenge den Radierungen und Schabkunstblättern Peter Ilsteds gewidmet, der vor allem für seine stillen, oftmals kaum bevölkerten Interieurs bekannt ist, wie es „Der weiße Stuhl“ von 1915 exemplarisch vorführt (Taxe 2.400 EUR). Aber auch seine Portraitkunst kommt mit dem Probedruck „Der Samaritaner“ von 1893 (Taxe 450 EUR) oder dem „Bildnis von Vilhelm Hammershøi“ aus dem Jahr 1900 zu Zug (Taxe 3.000 EUR), ebenso seine Stillleben auf den zurückhaltend farbigen Mezzotintoblättern „Gebäck“ (Taxe 800 EUR) und „Gelbe Champignons“ von 1913 (Taxe 1.500 EUR).
Bei dem Schweden Anders Zorn stehen mit der jungen „Kesti, einer Bäuerin aus Mora“ (Taxe 1.200 EUR), „Dem neuen Hausmädchen“ (Taxe 2.400 EUR) und dem Doppelportrait „Zorn mit seiner Frau“ dann nur Bildnisse im Mittelpunkt (Taxe 3.500 EUR). Den Abschluss der Auktion hat Bassenge dann wieder mit „Druckgraphik des Fin de Siècle“ zusammengefasst, wobei hier der Symbolismus überwiegt und etwa Leopold Blauensteiners Farbholzschnitt „Turmgespräch“ mit mehreren Totengerippen, die auf einem Balken in einer Turmstube traulich nebeneinander sitzen und die sich langsam herabsenkenden steinernen Gewichte des Uhrwerks verfolgen (Taxe 2.400 EUR), Max Klingers dichtes Blatt „Raub des Lichtes“ aus seiner berühmten „Brahms-Phantasie“ von 1890 (Taxe 1.500 EUR), Karl Stauffer-Berns ausgezehrten schlafenden oder gar toten „Männlichen Akt“ (Taxe 600 EUR) oder Hermann Wöhlers kosmische Erscheinung „Traumschloss“ präsentiert (Taxe 1.200 EUR). Es gibt aber auch eine verträumt blickende Künstlerin „Im Atelier“ auf einer Farbradierung von Leonore Hiller (Taxe 350 EUR), eine luzide „Nymphe couronnée de paquerettes“ auf einer Farblithographie von Maurice Denis aus dem Jahr 1901 (Taxe 1.500 EUR) oder die sonntäglich gekleideten feinen Leute beim Lustwandeln „Im Tierpark“ auf einem kolorierten Holzschnitt von Vally Wieselthier aus der 1916 erschienen Mappe „Das Leben einer Dame“ (Taxe 900 EUR).
Die Auktion „Druckgraphik des 15. bis 19. Jahrhunderts“ beginnt am 28. Mai um 10 Uhr. Die Vorbesichtigung läuft bis zum 26. Mai täglich von 10 bis 18 Uhr, am 27. Mai von 10 bis 17 Uhr. Der Katalog ist im Internet unter www.bassenge.com abrufbar. |