Möbel von Mies van der Rohe und Lilly Reich für Berliner Museum  |  | Lilly Reich, Stahlrohr-Armlehnstuhl LR 36/103 A, 1936 | |
Das Berliner Bauhaus-Archiv kann sich über einen bedeutenden Neuzugang freuen. Mithilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, Kulturstaatsministers Wolfram Weimer und der Rudolf-August Oetker-Stiftung gelang es dem Museum, 28 Stahlrohr- und Holzmöbel des Designduos Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich in seinen Fundus einzufügen. Sie stammen aus der Familie des Krefelder Textilfabrikanten Hermann Lange und wurden ab 1929 entworfen und ausgeführt. Zuordnen lassen sie sich dem von Mies van der Rohe geplanten privaten Haus Lange in Krefeld, Privatwohnungen der Familie in Berlin um 1930 und Freudenstadt im Schwarzwald um 1933 sowie dem Berliner Büro der Fachrichtung Seide um 1938 und waren Teile der von beiden Gestaltern entwickelten Innenarchitektur.
Der 1874 in Odenkirchen bei Mönchengladbach geborene Hermann Lange zog 1886 mit seiner Familie ins niederrheinische Krefeld, wo sein Vater eine Seidenweberei aufbaute. Im Jahr 1920 begründete Hermann Lange den Zusammenschluss zahlreicher Textilunternehmen zu den Vereinigten Seidenwebereien, kurz Verseidag AG, als dessen Vorstand er agierte. Der Industrielle war gleichzeitig Sammler moderner Kunst und kam über den Berliner Galeristen Karl Nierendorf um 1927 mit Mies van der Rohe in Kontakt. Beginnend mit der Gestaltung von Messeauftritten ab 1927, entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmer und dem Architekten, der zwischen 1926 und 1939 mit der Bauhäuslerin Lilly Reich liiert war. Nach der Inneneinrichtung für das private Krefelder Wohnhaus Lange um 1929 folgte 1930 die Ausstattung der Berliner Wohnung von Hermann Langes Tochter Mildred und ihrem Ehemann Carl Wilhelm Crous, die sich bis heute vollständig erhalten hat und aus dessen Bestand die meisten neu erworbenen Stücke stammen. Während die Holzmöbel individuelle Einzelanfertigungen darstellen, sind die aus Flachstahl bestehenden Objekte in Serie entstanden. Sie alle zeigen eine zeitlose ästhetische und materielle Qualität, die dazu beitrug, dass sie nicht entsorgt wurden. Zugleich stellen sie den Höhepunkt der kreativen Zusammenarbeit zwischen Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich dar und bilden einen repräsentativen Querschnitt ihres Œuvres, auch wenn im Detail der jeweilige Anteil am Entstehungsprozess oft nicht mehr ermittelbar ist.
Unter den Stücken besticht der für das Ehepaar Crous gefertigte „Dessau-Tisch“ aus zwei gekreuzten Flachstahlholmen und aufgelegter Kristallglasplatte allein aufgrund der Kombination zweier ungleicher Materialien. Eindeutig Lilly Reich zuschreiben lässt sich der auffällig geformte Stahlrohrsessel „LR 36/103 A“ aus den 1930er Jahren sowie das ebenfalls für die Wohnung der Familie Crous geschaffene Regal mit Stahlrohrstützen von 1930. Dagegen gelten der quadratische Teetisch aus Palisanderholz, der Schreibtisch sowie ein ausziehbares Tischset alle aus dem Jahr 1930 als gemeinschaftliche Werke des Künstlerpaares. Unter dem Titel „Möbel und Räume“ wurden alle Teile des neu erworbenen Mobiliars im Jahr 2007 in einer Ausstellung im Krefelder Museum Haus Lange präsentiert. So sehr die Überführung in öffentliche Hand und damit künftige Sicherung der Stücke zu begrüßen ist, so sehr bleibt der Wermutstropfen, dass sich die Krefelder Kunstmuseen nicht dazu durchringen konnten, die Haus Lange zuzuordnenden Dinge zu erwerben. |