Rossos Flüchtigkeit verzieht sich bald aus dem Kunstmuseum Basel  |  | in der Ausstellung „Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur“ | |
„Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur“, unter diesem Titel versucht das Kunstmuseum Basel, mit einem gelungen Auftritt die künstlerische Praxis der Schwellenfigur Rosso in allen Facetten zu erfassen. Noch bis Anfang August ist die grandiose Auswahl von fast 400 Exponaten zu besichtigen, die das Kuratorinnenduo Elena Filipovic und Heike Eipeldauer für die Retrospektive zusammengetragen hat. Allein über 300 Werke stammen von Rosso, darunter rund 50 Plastiken, die von 250 Fotografien und Zeichnungen ergänzt werden. Hinzu kommen rund 80 Arbeiten von 65 Künstlerinnen und Künstlern aus den letzten 150 Jahren, die die Wirkungskraft des italienischen Bildhauers im Kontext ästhetischer Erkundungen im 20. und 21. Jahrhundert erschließen. Viele jener Werke konnte das Kunstmuseum aus dem erstklassigen Fundus örtlicher Museen zusammenstellen, was der zweiten Station der Schau nach dem Wiener MUMOK eine eigene Note verleiht.
International bekannt wurde der 1858 in Turin geborene Medardo Rosso mit Wachsplastiken ohne feste Kontur und bewegten unscharfen Rändern, mit denen er überkommene Vorstellungen modernisierte und sich gegen eine in Dignität und Monumentalität erstarrte Skulptur wehrte. Sein künstlerisches Debüt gab er 1883 mit der lachenden alten Frau „La Ruffiana“, die Kupplerin, die neben der verschwommenen Oberfläche auch Rossos Realismus in sozialen Belangen durchblicken lässt. Ab 1889 lebte Rosso für 30 Jahre in Paris, bevor er wenige Jahre vor seinem Ableben 1928 in Mailand wieder in seine italienische Heimat zurückkehrte. In Paris wirkte er nicht nur als Plastiker, sondern auch als Proto-Installationskünstler, Verfasser polemischer kunsttheoretischer Schriften und Meister öffentlichkeitswirksamer Selbstinszenierungen. Er wurde als Exzentriker beschrieben, der sich künstlerisch zwischen Futurismus, Impressionismus und Symbolismus mit Anklängen an den Dadaismus und Surrealismus bewegte.
Medardo Rosso unterlief mit Varianten und Abgüssen die Hierarchien von Original und Kopie, Produktion und Reproduktion, womit er der Logik des Kunstmarkts trotzte. Seine vergänglichen, damals üblicherweise nur als Hilfsmittel verwendeten Materialien Wachs und Gips befördern in ihrer Weichheit und Formbarkeit das Ephemere, weshalb seine Plastiken als skulpturale Variante des Impressionismus gelten. Ab 1900 bezog er die Fotografie in den Gestaltungsprozess mit ein. Mit seinen Figuren, Kopien aus anderen Epochen und Werken von Kollegen inszenierte er sie zu gesamtheitlichen Ensembles. Den affektiv wirksamen Moment festzuhalten und mit der Umwelt in Beziehung zu treten, waren wesentliche Merkmale seines Schaffens. Entlang dieser Aspekte treten in der Ausstellung historische und zeitgenössische Positionen in einen Dialog mit Rossos Arbeiten, darunter Werke von Francis Bacon, Louise Bourgeois, Alberto Giacometti, Robert Gober, Bruce Nauman, Richard Serra, Georges Seurat, Rosemarie Trockel, Giorgio de Chirico oder Henry Moore.
Die Ausstellung „Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur“ ist noch bis zum 10. August zu besichtigen. Das Kunstmuseum Basel hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 30 Franken, ermäßigt 24, 20 oder 12 Franken. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog in deutscher und englischer Sprache erschienen, der im Museum 58 Franken kostet.
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