Seit 1. Januar führt Ralph Gleis die Geschicke der Wiener Albertina – nach den prägenden 25 Jahren für das Museum unter Klaus Albrecht Schröder. Bereits in den ersten Monaten seiner Amtszeit konnte der frühere Direktor der Alten Nationalgalerie in Berlin die Weichen neu stellen. Neben den wichtigen Präsentationen „Leonardo – Dürer“, deren Zeichnungen auf farbigem Grund mit zahlreichen Leihgaben im Haupthaus am Albertinaplatz zu sehen waren, und „Matthew Wong – Vincent van Gogh“, die die Auseinandersetzung des jung verstorbenen Künstlers mit seinem legendären Vorbild nachzeichnete und ebenfalls noch in der Schröder-Ära konzipiert wurde, ist vor allem der Fokus des neuen Albertina-Chefs auf weiblichen Positionen bemerkenswert. Dazu gehört die erste Soloschau der 55jährigen Britin Jenny Saville in Österreich, was auch für die 1981 jung verstorbene Amerikanerin Francesca Woodman und die Fotografin Jitka Hanzlová gilt. Retrospektiven sind aktuell Brigitte Kowanz und anschließend der Fotokünstlerin Lisette Model gewidmet. Ein Querschnitt durch das west-östliche Œuvre von Leiko Ikemura ist zum Jahresabschluss ab Mitte November angesetzt.
Das Anliegen von Ralph Gleis ist es, die Albertina neu entdecken zu können. Wie erlebnisreich ihm und seiner Kuratorin Angela Stief dieses Anliegen gelungen ist, vermittelt eine Ausstellung in der Außenstelle der Albertina in Klosterneuburg im Gebäude der ehemaligen Sammlung Essl. Fast zwei Jahrzehnte lang gehörte die Sammlung Essl zu den bekanntesten Privatsammlungen Österreichs. Dank ihrer Baumarktkette „bauMax“ konnte das Ehepaar Agnes und Karlheinz Essl Malerei aus Österreich, Deutschland, zunehmend auch aus Zentral- und Osteuropa bis zu China ankaufen und ab 1999 in seinem Privatmuseum in Klosterneuburg der Öffentlichkeit präsentieren. 2014/15 geriet die Baumarktkette in finanzielle Schwierigkeiten und wurde zerschlagen, was auch die Sammlung betraf. Ein Kaufangebot an den österreichischen Staat blieb damals ergebnislos. Stattdessen erwarb der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner 60 Prozent der Sammlung plus Museum. 40 Prozent blieben im Familienbesitz der Essls, die sie 2017 zum überwiegenden Teil der Albertina als Schenkung übergaben. Zunächst war vorgesehen, dass das Museum in Klosterneuburg erhalten bleiben sollte. 2016 wurde es dann doch geschlossen und nur mehr als Lager und für Restaurierungswerkstätten der Albertina genutzt.
Nach acht Jahren erfolgte 2024 die Wiedereröffnung des Hauses, das über 2.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche in drei separaten Galerien auf zwei Stockwerken verfügt. Dabei schöpften die Kurator*innen aus einem Fundus von 65.000 Werken der Gegenwartskunst, die sich im Depot vor Ort befinden. War die Eröffnungsausstellung im vergangenen Jahr als ein Dialog zwischen Malerei, Zeichnung und Skulptur gestaltet, legen Ralph Gleis und Angela Stief den Fokus diesmal auf Skulptur, Plastik und Installation. Sie wollen den Skulpturenbegriff mit vorzugsweise zeitgenössischen Werken hinterfragen und haben die aktuelle Schau mit dem Schlagwort „De Sculptura“ versehen. Der Titel fand in Österreich bereits mehrfach Verwendung. Hierzu gehören eine Ausstellung im Salzburg Museum, die 2013 einen Blick auf die Dresdner Skulpturensammlung ermöglichte, sowie Harald Szeemanns 1986 kuratierte Präsentation anlässlich der Wiener Festwochen, die vor allem auf Klassikern der Minimal Art und Arte Povera beruhte und jüngere, damals zum Teil noch wenig bekannte Künstler umfasste.
Entsprechend der Idee dieser Wiener Schau setzt auch die aktuelle Zusammenstellung in Klosterneuburg auf eine Durchmischung von älteren, bereits etablierten Positionen mit Werken von jüngeren Künstler*innen. Die nationalen und internationalen Kunstschaffenden aus den Gegenwartskunstsammlungen der Albertina sind im Begriff, sich medial zu diversifizieren und innovative Akzente zu setzen, und verweisen damit auf die Demonstration eines erweiterten Skulpturenbegriffs. Beim Besuch des abwechslungsreichen Parcours, der über beide Flügel des Hauses sowie über zwei Stockwerke führt, wird die ideale Struktur des von Heinz Tesar entworfenen Gebäudes für die Präsentation dreidimensionaler Werke deutlich. Die Ausstellung ist ein selektives Ausloten dessen, was das Thema Skulptur und Plastik heute in der Kunst und für das Museum bedeutet: Aus Aluminium, Stahl, Draht, Beton, Holz, Pappmaché, Wolle und gefundenen Materialen gefertigt, zieht sich ein skulpturaler Schwerpunkt durch alle Ausstellungsräume. Dabei geht es nicht allein um bildhauerische Ansätze, sondern um das Zusammenspiel mit klassischen Medien wie Malerei, Zeichnung und installativen Arbeiten.
Von Martha Jungwirth, die Anfang des Jahres ihren 85. Geburtstag feierte, sind in Klosterneuburg mehrere zwischen Abstraktion und gegenständlicher Malerei changierende Gemälde und Arbeiten auf Papier versammelt und vorab in einem separaten Raum als eine kleine Hommage konzentriert. Das „In-between“, das Jungwirths Kunst auszeichnet, wird im Obergeschoss von Halle 3 in Hubert Scheibls abstrakten, zwischen Figuration und Reduktion oszillierenden Farbräumen, den „postungegenständlichen“ Gemälden von Albert Oehlen und den das Prozesshafte und den gestischen Akt thematisierenden Farbexperimenten von Herbert Brandl modifiziert. Dazwischen finden sich räumliche Interventionen: mehrere Werke von Franz West, darunter seine „Sitzskulptur“ von 2004 und sein „Sexualitätssymbol“ von 1999 sowie drei seiner Arbeiten aus Papiermaché, die 2024 aus Aluminiumguss und Swarovski-Glitzerstaub gefertigte Kreatur „I eat with my bird“ von Karl Karner und die raumgreifende, atmende Installation „Gonflés, dégonflés“ von Annette Messager aus leichter Ballonseide von 2005/06. Kennedy Yankos Wandobjekt „Wading the Storm“ von 2022, für das die in Miami lebende Künstlerin auf Schrottplätzen gesammelte Fundstücke zu einem malerischen Objekt bearbeitete, hat seinen Platz aus der vorjährigen Präsentation behalten. An der gegenüberliegenden Wand hat es mit den beiden großen hochformatigen Arbeiten „Ekliptik“ des 1951 geborenen Wieners Rudolf Polanszky, der für seine Konstruktionen bevorzugt Industriematerialien wie Aluminium, Spiegelfolie, Fiberglas und Acryl verwendet, einen neuen Partner bekommen.
Von hier aus geht es hinunter in den ersten Stock, vorbei an einer Rotunde, wo mehrere aus Wolle gestrickte und gehäkelte Bestandteile des LKWs „Silent Running“ von Claudia Märzendorfer zu sehen sind, und weiter in die Halle 2. Hier startet die Schau mit einer Gruppe deformierter Bronzeköpfe von Jonathan Meese, umringt von Gemälden von Alexandre Diop und Cecily Brown sowie einer Wandarbeit des US-amerikanischen Künstlers Basil Kincaid, der traditionelle Praktiken durch Quilten, Collagieren, Fotografie, Installation und Performance weiterentwickelt. Im folgenden Saal treffen kopflose „Box People“ von Erwin Wurm aus dem Jahr 2019 auf eine Serie von gezeichneten Portraits, auf malerische Auseinandersetzungen mit architektonischen Räumen und auf Markus Schinwalds in einem Lehnsessel sitzende lebensgroße Marionette „Otto“ von 2004, mittels derer der gebürtige Österreicher das unheimliche Potenzial, das von belebten Puppen ausgeht, einer vielschichtigen Betrachtung unterzieht. Daran schließt sich die Zusammenschau von Werken Bruno Gironcolis und der in Wien lebenden Bildhauerin Toni Schmale an. Die formalen wie inhaltlichen Korrespondenzen der beiden bildhauerischen Positionen hatte die Albertina Modern bereits 2024 an ihrem Standort am Karlsplatz in einer Gegenüberstellung deutlich gemacht. Ebenfalls überzeugend ist die Konfrontation von Maria Lassnigs „Body Awareness“-Gemälden mit den hybriden Gestalten der ungarischen und seit 1976 in Wien lebenden Künstlerin Eva Beresin, der gleichfalls im vergangenen Jahr eine Personale in der Albertina gewidmet war.
In einem Musikraum treffen Nam June Paiks Videoinstallation „Duet Memory“ von 1995 auf die Drahtskulptur „Hommage an Nam June Paik“, die Fritz Panzer 2010 für den aus Korea stammenden Begründer der Video- und Medienkunst schuf. Eine Materialcollage aus bemalten Holzplatten, Tasteninstrumenten und Rekordern des Schweizer Dichters, Aktions- und Objektkünstlers Dieter Roth ergänzt den thematischen Schwerpunkt und leitet über zu zwei starken weiblichen Positionen, die in ihren Werken ebenso das Gebräuchliche zum Außergewöhnlichen machen. Von der 1939 in Moskau geborenen und seit 1976 in Niederösterreich lebenden Künstlerin Elena Koneff hängen monochrom schwarze Arbeiten aus der Serie „Black Relief“ von 1978 an den Wänden. Parallel zur westlichen Moderne entwickelt die Künstlerin Webarbeiten, die einen Gegenentwurf zur sowjetischen Ikonografie, einer realistischen Malerei und ihren nationalistischen Paradigmen bilden. Eine aus schweren Seilen und Beton gebildete Figurengruppe der 1981 in Shiraz im Iran geboren Künstlerin Soli Kiani, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien Malerei, Animationsfilm und Tapisserie bei Christian Ludwig Attersee studierte, schließt den Rundgang mit einem eindrucksvollen Beitrag ab. Dabei griff Kiani auf Seile als zentrales Gestaltungselement zurück, wie sie bei Hinrichtungen im Iran verwendet werden. Ihre Themen sind Menschenrechte und Menschenwürde. In teils drastischen Bildern bringt sie die soziale, politische und religiöse Alltagsrealität von Menschen ans Licht, die sich dem islamistischen Mullah-Regime nicht beugen wollen. Als selbstbestimmte Frau und Künstlerin verwebt Kiani ihre Biografie mit einem breiten gesellschaftlichen Kontext und überlässt es seit mehr als zwanzig Jahren ausschließlich sich selbst und nicht anderen, wie sie ihr Werk und ihre Identität als Künstlerin darstellt.
Auch wenn „De Sculptura“ nur eine selektive Erzählung über das sein kann, was Skulptur heute ist – dazu lässt sie vom Minimalismus und Postminimalismus über Land-Art und Performance zu viel außer Acht –, gibt die Schau in Klosterneuburg eine Ahnung von den neuen Qualitäten, die durch die Konfrontation mit gestandenen Positionen noch verdeutlicht werden, und eröffnet durchaus spannende Beziehungen, die von der Malerei und Zeichnung in die Raumkunst und wieder zurückführen. Zu wünschen bleibt, dass der beliebte Kunststandort der Albertina in Klosterneuburg ganzjährig und an mehreren Wochentagen geöffnet und auch der weitläufige Innenhof und die Außenflächen bespielt werden.
Die Ausstellung „De Sculptura“ läuft bis zum 16. November. Die Albertina Klosterneuburg hat donnerstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er kostenlos. |