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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Resultate: Bei Grisebachs Berliner Sommerauktionen waren nur wenige der teuren Lose heiß umkämpft, gelöst war die Stimmung am Ende aber trotzdem

Triff mich im Himmel!



Franz Marc,  Vögel über dem Dorf, 1913

Franz Marc, Vögel über dem Dorf, 1913

Über flüchtig gesetzten Dachflächen, Mauergiebeln und Bergen kreisen mehrere überdimensionierte Vögel in stilisierter Gestalt, aber dennoch lebendiger Bewegung. Alles auf der Erde scheint ein wenig aus dem Lot geraten zu sein. Eine einsame braune Kuh grast auf einer schiefen grünen Ebene. Sterne, ein mandelförmiges Auge, eine Mondsichel und Bündel von Sonnenstrahlen stehen am Himmel und verweisen auf ein kosmisches Geschehen. So sah Franz Marc 1913 die Welt. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den er selbst nicht überleben sollte, schuf der Expressionist mit seinem zart aquarellierten Blatt „Vögel über dem Dorf“ eine poetische, fast spirituell durchdrungene Landschaft, in der sich die Tiere vom irdischen Dasein lösen und zu Höherem streben. Diese berührende universelle Vorstellung vom Leben gefiel mehreren Bietern im Auktionshaus Grisebach. Aufgerufen mit 400.000 Euro, entwickelte sich das Aquarell zu einem umkämpften Highlight, bis ein Schweizer Privatsammler die Konkurrenz mit einem Gebot von 700.000 Euro aus dem Rennen warf.


Einen anderen, ungegenständlichen Zugang zum Kosmos verfolgte Marcs Kollege Wassily Kandinsky mit seiner Komposition „Hauptblau“, in der geometrische Elemente und Farbflächen in Spritztechnik die Hauptrolle spielen. Vor orange-gelbem Grund schweben mondartige Formen, links oben zieht ein exakt gezogener blauer Kreis die Aufmerksamkeit auf sich und stabilisiert die Komposition. Der Zuschlag für das musikalisch anmutende Aquarell von 1931 erfolgte bei 280.000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Ein weiterer Mitstreiter beim Blauen Reiter war Alexej von Jawlensky. Sein „Abstrakter Kopf: Komposition Nr. 10“, der sich seit etwa 1924 in harmonischen Farben mit geschlossen Augen gedankenverloren über den Karton ausbreitet, konnte sich ertragreich bei 460.000 Euro platzieren (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR). Während Paul Klee mit seiner charakteristischen Zeichnung „Wind von links unten“, der einen Ritter in grotesker Rüstung von einer Treppe zu pusten scheint, bei 280.000 Euro ebenfalls Glück hatte (Taxe 180.000 bis 240.000 EUR), konnte sich für August Mackes aquarellierte Rohrfederzeichnung „Paukenschlagender Mohr“ von 1912, der auf seinem Pferd im Zentrum steht und von einer weiteren Reitergruppe begleitet wird, bei einer Schätzung von 180.000 bis 240.000 Euro niemand begeistern.

Auch wenn die Preise nicht immer in die Höhe schossen, zeigte sich Grisebach mit seinen „Ausgewählten Werken“ vom 5. Juni durchaus zufrieden. 72 der insgesamt 86 Positionen und damit gute 83,7 Prozent fanden Käuferinnen und Käufer und verbuchten gut 16 Millionen Euro brutto in der Kasse des Berliner Versteigerers, der von einem Umsatzplus über 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sprach, was 2024 am deutlich schmaleren Angebot von nur 35 Positionen lag. Gefragt war diesmal zudem „Vollersroda III“ von Lyonel Feininger. Die dunkle Architekturlandschaft des kleinen Thüringer Dorfes, kubistisch zergliedert in Rechtecke und Rauten, die Tiefe und Struktur erzeugen, ging für 1,5 Millionen Euro an der oberen Schätzgrenze an eine internationale Sammlung und markierte den Tageshöchstpreis. Als weiterer Favorit war mit der gleichen Bewertung von 1 bis 1,5 Millionen Euro Max Beckmanns Gemälde „Orchester“ aus dem Jahr 1932 gehandelt worden. Doch das Stillleben mit den beiden nebeneinander stehenden Instrumenten, die wie abstrahierte Figuren wirken und deren Nähe eine emotionale Spannung erzeugt, konnte sich ein amerikanischer Privatmann schon bei 900.000 Euro sichern. Genauso erging es Beckmanns zweitem „Stillleben mit Skulptur“, auf dem sich eine dunkle männliche Büste mit Ohrringen, ein gelber Pferdekopf und eine Vase mit bunten Blumen vor dem Fenster seines Ateliers versammelt haben. Die Leinwand von 1942 kam nur auf 550.000 Euro (Taxe 600.000 bis 800.000 EUR).

Wenig Aufmerksamkeit für Beckmann und Nolde

Eine ähnliche Entwicklung war bei Emil Nolde zu konstatieren: Fünf seiner sieben Werke blieben unter den prognostizierten Werten, darunter die beiden Ölgemälde „Feuerlilien und Rittersporn“ von 1920 mit 680.000 Euro (Taxe 900.000 bis 1,2 Millionen EUR) und das gleichaltrige Stillleben „Kopfjäger mit Georginen“ mit 190.000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR) oder das farbintensive Aquarell „Zwei Figuren mit Blumen“ aus den 1930er Jahren mit 65.000 Euro (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Dennoch wurden sämtliche Werke Beckmanns und Noldes platziert, was die konstante Marktpräsenz beider Expressionisten unterstreicht. Anders ereilte es Otto Dix. Seine drei Arbeiten auf Papier blieben liegen, nur sein im altmeisterlichen Stil verfertigtes Ölgemälde „Sonnenaufgang am Bodensee“, das in der Zeit der Inneren Emigration mit bewaldetem Berghang, Dorf am Wasser und dem Licht des frühen Morgens scheinbar eine Idylle entwirft, wurde zur unteren Bewertung von 100.000 Euro zugeschlagen. Dafür machte sich in der nachfolgenden Tagesauktion sein genauso unwirkliches, menschenleeres und dräuendes Bergpanorama „Am Julierpass“ erst bei 200.000 Euro davon (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Der Konstruktivismus hatte mit El Lissitzky einen wichtigen Vertreter in der Auktion. Seine seltene, original erhaltene erste Kestnermappe „Proun (1919-1923)“ mit sechs Lithografien, teils farbig, teils mit Collage-Elementen auf Velinpapier aus dem Jahr 1923, übertraf mit 340.000 Euro deutlich die Schätzung von 150.000 bis 250.000 Euro. Gute Ergebnisse bei der Moderne erzielten dann noch Walter Leistikows melancholischer Reiz einer stillen, mit Kiefern umsäumten Bucht am „Schlachtensee bei Berlin“ für 75.000 Euro (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), Willy Jaeckels unbekannte Schönheit „Dame in Gelb“ mit ihrer hohen Präsenz für 55.000 Euro (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR), Conrad Felixmüllers koloristisch ungewöhnliches „Selbstbildnis, Pfeife rauchend“ von 1921 für taxkonforme 150.000 Euro, Hermann Glöckners frühe konstruktive Collage „Zwei weiße Faltungen auf Schwarz“ von 1933 für 100.000 Euro (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR) und Wilhelm Lehmbrucks aus grauem Steinmehl gegossene, innige Büste „Mutter und Kind“ von 1918 mit 260.000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR).

Skulpturale Impulse

Die zahlreichen Skulpturen der Auktion, die alle den Besitzer wechselten, sorgten häufig für hohes Interesse. Gleich zu Beginn machte eine Holzfigur von Lili Gräf auf sich aufmerksam. Das nackte sitzende Paar in enger Umarmung – die Frau lehnt ihren Kopf zwischen die Schultern des Mannes, dessen geschlossene Augen eine stille Nähe andeuten – kletterte von 15.000 Euro auf 24.000 Euro. Ihren Wert mehr als verdoppeln konnte bei 220.000 Euro Georg Kolbes dunkel patinierte Bronze „Totentanz“ mit einer weiblichen Gestalt, deren Haltung mit nach hinten geführten Armen und angewinkelten Beinen zwischen Spannung und Erlösung oszilliert (Taxe 90.000 bis 120.000 EUR). Für Karl Schmidt-Rottluffs expressive, nur in zwei Güssen vorliegende „Bronzefigur einer kniend Betenden“ mit erhobenem Blick und gefalteten Händen ging es mit 120.000 Euro ebenfalls bergauf (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Und selbst für Rudolf Bellings putziges, zu kubistisch-geometrischen Formen abstrahiertes „Fabeltier“, eine Kühlerfigur für die Autofirma Horch von 1926, blieben 26.000 Euro übrig (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Bei der Skulptur aus der Nachkriegsepoche hielt sich Karl Hartungs volumenbetonte, über zwei Meter lange „Große Liegende“ mit grüner Patina an die unteren anvisierten 200.000 Euro. Joannis Avramidis’ ebenfalls überlebensgroßer „Schreitender“ von 1966/69, von dem nur die Beine in stilisierten Formen übriggeblieben sind, marschierte bei 110.000 Euro aus dem Auktionshaus (Taxe 90.000 bis 120.000 EUR). Fritz Koenig schuf 1975 aus Kugeln, Kegelsegmenten und Kuben seine Paarbegegnung „Zwei VIII“ und nahm dafür nun 85.000 Euro ein (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). George Rickeys filigrane kinetische Edelstahlplastik „Two Lines Up Oblique“ aus dem Jahr 1977 musste bis zum Nachverkauf warten, um dann bei 120.000 Euro übernommen zu werden (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Baltasar Lobos fragmentierter, dafür weich und gerundeter Frauenkörper „Pièce d’eau sur socle“ von 1971/86 durchquerte die Zielgerade dann wieder zur unteren Schätzung von 300.000 Euro, ebenso wie Paul McCarthys verkommene, sexualisierte und treibgesteuerte Märchenfigur „White Snow Dwarf (Sneezy)“ aus dem Jahr 2010 bei 100.000 Euro oder Damien Hirsts Sterlingsilber-Skulptur „Purity – The Dream is Dead“, eine nackte Frau von 2007, bei der wie bei einem medizinischen Anschauungsexemplar die Haut teilweise abgelöst hat, bei 40.000 Euro. Während Franz Wests monumentale Außenskulptur „Flora“, ein blauer Riesenwurm von 2006, einen Abschlag von 600.000 Euro auf 450.000 Euro hinnehmen musste, langten Tony Craggs abstrakte weiße Marmorskulptur, deren Form an gestapelte Baumscheiben erinnert und im Profil ein Gesicht andeutet, bei 210.000 Euro (Taxe 90.000 bis 120.000 EUR) und Per Kirkebys felsenartige Bronzeplastik „Tor I“ von 1987 mit graugrüner Patina bei 125.000 Euro kräftig zu (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).

Natur – mal gefragt, mal nicht

Bei der Malerei seit 1950 hatte der 2018 verstorbene Däne Kirkeby dann die Nase sogar vorn. Seine großformatige Leinwandarbeit „Fünf“ aus dem Jahr 1989, die wiederum auf Erscheinungen der Natur verweist und bis vor kurzem als Leihgabe im Dresdner Albertinum hing, begeisterte sechs Telefonbieter aus dem In- und Ausland, bevor das Werk bei 450.000 Euro zum Dreifachen der Erwartung an einen privaten Sammler aus Deutschland ging. Dahinter folgten bei 400.000 Euro Günther Förgs locker über den weißen Leinwandgrund verteilte farbige Schraffurbündel von 2007 (Taxe 400.000 bis 600.000 EUR) und Ernst Wilhelm Nays buntes, durchrhythmisiertes Scheibenbild „Epsilon“ von 1959 bei 390.000 Euro (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR). Auch wenn Fritz Winters Gemälde „Zerstörte Brücke“ von 1962 auf ein gegenständliches Sujet hindeutet, ist die informelle, nun 80.000 Euro teure Komposition aus schwarzen zerfransten Balken sowie schwach aufleuchtenden Farbflächen in Hellrot, Violett und Grau nur von einer abstrakten Kraft geprägt, die nichts Gutes verheißt (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Bei der gestischen Kunst gab es dann wieder einen bedeutenden Rückgang: Zao Wou-Ki konnte mit seinem Werk „21.7.50-Saint-Jeoire – Montagne jaune“, auf dem er 1950 Bergketten und Bäume wie schmale Silhouetten in einer gelben Farbwolke zart skizziert hatte, bei 250.000 bis 350.000 Euro nichts ausrichten.

Bei der jüngeren Malergeneration wechselten sich dann figurative und ungegenständliche Arbeiten ab. Markus Lüpertz nahm mit seinem viergeteilten „Baumstamm, dithyrambisch“ von 1968, den er übertreiben vergrößert und ihn dadurch zugleich dramatisch und verfremdet erscheinen lässt, nur 130.000 Euro ein (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). William Nelson Copley, für den es in letzter Zeit recht gut läuft, reüssierte dagegen mit seinem vollbusigen Comic-Akt „La Strada“ von 1974 bei 160.000 Euro, ebenso Rainer Fetting mit seiner nächtlichen Berlin-Vedute „Mauer am Südstern“ von 1989, die die Stadt immer noch in zwei Hälften teilt, bei 120.000 Euro (Taxe je 60.000 bis 80.000 EUR). Bei der abstrakten Malerei war der Ansturm nicht so groß. Für Peter Halleys zwölf abgezirkelte Farbrechtecke mit Gitterstrukturen von 2002 unter dem Titel „Conspiracy Theory“ war schon bei 80.000 Euro Schluss (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR), bei Katharina Grosses schwingendem Farbenspiel von 2014 schon bei 160.000 Euro (Taxe 180.000 bis 240.000 EUR). Erst als Tracey Emin mit ihrer in Pink leuchtenden autobiografischen Neonbotschaft „Meet me in Heaven I will wait For You“ von 2004/11 eine tröstliche Endzeitstimmung aufbrachte, zogen die Gebote von 100.000 Euro auf 160.000 Euro wieder an.

Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Grisebach

Fasanenstraße 25

DE-10719 Berlin

Telefon:+49 (030) 885 91 50

Telefax:+49 (030) 882 41 45

E-Mail: auktionen@grisebach.com

Startseite: www.grisebach.com



13.08.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Naum Park

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