Die Sterne und Planeten haben die Menschen seit jeher fasziniert. Die Erde leuchtet in sanftem Blau inmitten der Schwärze des Weltalls, ihr farbliches Gegenstück in feurigem Rot und gänzlich unbewohnbar ist der Mars. Viele Science-Fiction-Klassiker widmen sich diesen Gestirnen, seien es der „Krieg der Welten“ mit der Zerstörung der Erde durch Aliens oder der schräge Kultfilm „Mars Attacks!“ mit aggressiven boshaften Mars-Bewohnern. Eine lyrische Interpretation der Erde fertigte Yves Klein 1961 mit seinem leuchtenden blauen „Relief Planétaire Terre“. Auf den strukturierten körnigen Gips verteilte der Franzose sein berühmtes „International Klein Blue“, ein tiefes Ultramarin, so dass man meinen könnte, ein Stückchen des blauen Planeten eingefangen zu haben. Diese schöne Arbeit war gemeinsam mit seinem ideellen Pendant vom Mars bei Christie’s in Paris zu erwerben und stammte aus der Sammlung des Ex-Daimler-Chefs Edzard Reuter und seiner Frau Helga. Bei dem frei als Mars interpretierten Bild handelt es sich um ein „Concetto Spaziale“ von Lucio Fontana. Der Italiener verteilte 1956 dazu Ölfarbe, Sand und Glitzerpartikel auf der Leinwand, gab dem Ganzen mit Graten und Kratern eine plastische Gestalt und stieß wie üblich kleine Löcher wirbelartig in dem Malgrund. In seiner kugelförmigen Gesamtheit und dem rostroten Kolorit erinnert dieses Concetto an den Planeten des Kriegsgottes. So freundlich Yves Kleins Erdausschnitt wirkt, der der nach einem wilden Bietergefecht von 600.000 Euro auf einträgliche 1,3 Millionen Euro kletterte, so passt Fontanas räumliche Spielerei sehr gut zur kargen, staubigen und wenig lebensfreundlichen Situation auf dem Mars, der dem Vorbild der Terra mit einer problemlosen Preisverdopplung auf 800.000 Euro folgte.
Die Versteigerung am 28. Mai in Paris lief mit einer exquisiten Zuschlagsquote von 100 Prozent, einem sogenannte White Glove Sale, hervorragend, was an der illustren Provenienz, den nicht allzu hohen Bewertungen und auch an der konzisen Sammeltätigkeit Helga und Edzard Reuters lag. Ihr Herz schlug stark für die gegenstandlose Kunst der 1960er und 1970er Jahre, darunter für ZERO-Künstler und ihre internationalen Kollegen, für nord- und südamerikanische Kunstschaffende samt Vertretern der Op-Art und der Kinetischen Kunst. Der im Oktober 2024 im hohen Alter von 96 Jahren verstorbene Manager und seine Frau, die drei Wochen nach ihm verschied, waren selbst mit vielen deutschen Künstlern befreundet. In Paris wurden nun die Highlights ihrer Kunstsammlung verkauft, der Gesamterlös in Höhe von rund 7,5 Millionen Euro geht an die 1995 gegründete Stiftung des Ehepaares.
Nur wenige Werke blieben Ende Mai in Paris unter ihren Schätzwerten, etwa Getulio Alvianis minimalistisch elegante „Linea oro + nero. Superficie a testura vibratile“ von 1962 mit 8.500 Euro statt gewünschter 10.000 Euro, Jesús Rafael Sotos um 1959/60 geschaffene, ebenfalls eine Bewegung vortäuschende „Collage and Vibration“ mit 120.000 Euro (Taxe 150.000 bis 250.000 EUR) und Otto Pienes „Rasterbild gold/rot“ von 1958/72. Es machte sich bereits mit 22.000 Euro aus dem Staub (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR). Hiervon ließ sich jedoch Sotos weitere visuelle Täuschung „Petit rond bleu“ von 1998 mit finalen 55.000 Euro wenig beeindrucken (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Auch Otto Piene kümmerte das nicht allzu sehr, als sein titelloses schwarzes Rasterbild mit kleinen Vertiefungen von 1957 die obere Schätzung von 70.000 Euro erreichte und das hart umkämpfte „Rauchbild No. 3“ von 1960 zu einem wagemutigen Salto Mortale von 50.000 Euro auf 220.000 Euro ansetzte.
Die Reuters schätzen besonders Pienes ZERO-Kollegen Günther Uecker, der erst diesen Juni kurz nach der Auktion starb und mit seinen Nagel-Arbeiten reüssieren konnte, etwa mit der Diagonalstruktur „Narbe I“ von 1966 bei 200.000 Euro oder dem flächefüllenden „Weißen Feld“ von 1969 mit guten 320.000 Euro (Taxe je 150.000 bis 200.000 EUR). Sein 1963 partiell benagelter „Tisch“ erwartete 135.000 Euro (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR), günstiger lag da mit 38.000 Euro die Kooperation „Luther-Uecker-Objekt“ von 1968/72, ein typisches Linsenquadrat von Adolf Luther, in das Uecker seine Nägel haute (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Mit Heinz Mack war auch der dritte Stammkünstler der ZERO-Gruppe bei den Reuters beliebt, der sich bei seiner schwarzweißen „Dynamischen Struktur der Zeit Nr. 23“ von 1958 mit 155.000 Euro (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR) und bei der in fünf Reihen gerasterten „Dynamische Struktur Weiß auf Schwarz“ von 1960 mit 110.000 Euro ebenfalls nicht lumpen ließ (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR).
ZERO trifft Nul
Das Pendant der ZERO-Künstler in den Niederlanden war die Nul-Strömung, zu der Jan Schoonhoven gehörte. Das reizvolle Schattenspiel auf seiner 1964 datierten Assemblage „Golfkarton“, das fast an gestapelte Schieferplatten erinnert, spielte gute 70.000 Euro ein (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR). Nul-Mitglieder waren zudem noch Armando, der 1961 einfach „9 Bolzen auf Weiß“ mittig in die Holztafel rammte und dafür nun 22.000 Euro erhielt (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR), sowie Herman de Vries, der bei seinem Diptychon „Random objectivation“ von 1964 kleine weiße Würfel auf dem weißen Quadratgrund nach Zufallsprinzip anordnete. 25.000 Euro waren nun sein Lohn (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR).
Ein anderer internationaler Vertreter des ZERO-Umkreises war der früh verstorbene Piero Manzoni, der 1962 in „Achrome“ eine Leinwand horizontal mit kleinen Styroporkugeln und weißer Tonerde bedeckte. Die essenzielle Farblosigkeit der „Achrome“-Serie führte zu erfolgreichen 280.000 Euro (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Etwas zahmer ging Enrico Castellani, der gemeinsam mit Manzoni 1959 die Mailänder Galerie „Azimut“ gründete, bei seiner „Superficie nera No. 3“ von 1964 ans Werk. Die rasterhaft durch Nägel auf der Rückseite geformte Leinwand erwirtschaftete 230.000 Euro (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Eine kurze künstlerische Karriere von nur vier Jahren kennzeichnet leider auch Francesco Lo Savio. Was bleibt, sind seine lyrischen Werke aus Licht und Raum wie das 1960 entstandene „Metallo con articolazioni“. Obwohl monochrom Schwarz beleben die zwei angebrachten gefalteten Metallplatten optisch die Arbeit und animierten die Bieter zu 160.000 Euro (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).
Jean Tinguelys verspielte und kinetische „Ouverture relative“ von 1958 bot mit ihren sich drehenden weißen Formen, darunter Sichelmonde und ein Komma, eine angenehme Abwechslung und erhielt 155.000 Euro (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Auch für Gianni Colombos filigrane Skulptur „Elastic Cube Space“ von 1970 ist Bewegung wesentlich, was nun mit 22.000 Euro honoriert wurde (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Ihrem Schätzwert folgte Pol Burys dynamisierte Holzarbeit „48 cylindres sur un volume tronqué“ vom Dezember 1965 mit 12.000 Euro, während seine kleinen weißen Punkte, die seit 1962 auf dem roten Quadrat „Entité érectile“ herumkriechen, sich mit 20.000 Euro besser schlugen (Taxe je 10.000 bis 15.000 EUR). Erst mit dem Doppelten der Schätzung begnügte sich François Morellets stählerne Kugelform „Sphères trames“ von 1962/67 bei 80.000 Euro. George Rickeys ein- und umklappende Fühler der Skulptur „Divided Square Oblique II“ von 1983 konnten ihren Preis mit einem Zuschlag bei 100.000 Euro fast verdreifachen.
Schlusspunkt Blau
Bei der Op-Art erarbeitete sich Victor Vasarelys frühe kleine schwarz-weiße Komposition „Ilava“ von 1956 gute 38.000 Euro (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), Yaacov Agams augenverwirrendes gefälteltes Lamellenbild „Enchaînement“ von 1974 faszinierte bei 50.000 Euro (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR), Dadamainos aus Aluminiumplättchen zusammengesetztes, sich scheinbar vorwölbendes „Oggetto ottico-dinamico negativo“ verdoppelte seinen Wert auf 42.000 Euro, und das An- und Abschwellen der Punkte in Almir da Silva Mavigniers „braun, schwarz, grün auf blau“ von 1959 verzauberte das Publikum zu einem hypnotischen Preis von 75.000 Euro (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Ein ähnliches Farbflimmern findet sich bei dem Wahl-Pariser Carlos Cruz-Diez, der mit der vierecklastigen „Physichromie No. 551“ von 1971 bei 85.000 Euro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) und der ähnlichen „Physichromie No. 1242“ von 1986 bei 80.000 Euro überzeugte (Taxe 80.000 bis 120.000 EUR). Piero Dorazios blaue Farbvaleurs „Volusia“ mit knallig rotem Rand kamen auf taxkonforme 100.000 Euro, sein mehr ins Violette changierender Farbrhythmus „Polignoto“ auf 75.000 EUR (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Die Zürcher Schule der Konkreten fand einen erfolgreichen Kandidaten in Max Bills 1958/60 in strenger Rasterordnung geschaffener „Integration von vier Systemen“, deren farbliches Vibrieren den Käufer 68.000 Euro kostete (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR).
Bei den reliefierten Arbeiten ergatterten Gerhard von Graevenitz’„reflektierende Y-Lamellen auf weiss“ 63.000 Euro (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Ruhiger zeigte sich Luis Tomasellos Traum aus Würfeln und Vierecken „Atmosphère chromoplastique No. 622“ von 1987 bei 32.000 Euro (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Walter Leblancs aus Baumwollschnüren gebildete weiße Kugelform „Twisted Strings (130C x 81)“ auf weißer Leinwand von 1964 schoss von 30.000 Euro auf 95.000 Euro. Norbert Krickes kleine zerfaserte „Flächenbahn“ aus feinen Stahldrähten in unregelmäßiger Formation von 1956 wurde auf 40.000 Euro gehoben (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Und schließlich trat abermals ein leuchtendes Blau den Siegeszug an: Rupprecht Geigers zweifarbige Modulation „346/61 (Blaue Komposition)“ erinnerte wohl einige an das Meer und einen weißen Strand, denn die Gebote wechselten sich in wildem Kampf ab, bis das Gemälde von 1961 als letzte Position der Auktion den Schlussbieter um stolze 135.000 Euro erleichterte (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR).
Im Stuttgarter Auktionshaus Nagel ging es am 16. Juli nicht ganz so rasant zu. Doch auch hier sprach die Reuter-Sammlung mit ihren günstigeren Arbeiten die Kundschaft an. Insgesamt standen 213 Posten zum Verkauf, neben Kunst der Nachkriegsmoderne und der Gegenwart auch Möbel und Schmuck, von denen 32 keinen Abnehmer fanden. Anders als bei Christie’s war die Preisspanne zwischen 100 Euro bis zu fünfstelligen Werten breit gefächert. Als kostspieligste Arbeit kam die typische Stadtansicht „Stillleben am Fenster“ des Berliner Malers Werner Heldt in betont flächiger, stärker abstrahierter Manier ans Ziel. Das Spätwerk von 1953 verlangte 65.000 Euro (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Noch etwas mehr am Sujet orientiert, malte Heldt um 1952 seinen vergleichbaren „Blick aus dem Fenster mit Stillleben“, der sich streng am unteren Schätzrahmen von 60.000 Euro orientierte.
Bei Nagel stieß die erschwingliche Kunst auf Kauflust
Mehr Interesse weckten wieder die ungegenständlichen Arbeiten, die oft nur auf mittlere vierstellige Eurobeträge veranschlagt waren. So schnellte Klaus Staudts schlichte weiße mit Würfeln applizierte Reliefstruktur „17° - 39°“ von 1963 von 5.000 Euro auf einen Spitzenwert von 33.000 Euro. Die Erfolgskurve hielt bei Staudt länger an, so erwarb derselbe Käufer aus Nordrhein-Westfalen noch für 22.000 Euro die weiß-gelbe „Zentrale Verdichtung PL ER 9“ von 1965/67 (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Ein dramatisches Gefecht unter zehn Bietern entfesselten die mit rotem Plexiglas geschützten Würfelreihen „In rhythmischer Wiederholung“ von 1970, die ihren Wert mit 28.000 Euro versiebenfachen konnten. Staudts drei Jahre später entwickelte ruhigere Version „Plastische Modulation CB 10“ in Schwarz und Blau begnügte sich hingegen mit 14.000 Euro (Taxe je 4.000 bis 6.000 EUR). Die Kampfeslust stachelte die Bieter auch bei Hartmut Böhms von Spiegelreflexen durchdrungenem „Relief 18°/18°“ von 1967 mit finalen 24.000 Euro an (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Eine gute Figur machte auch Gotthard Graubners frühes Gemälde „ch’üan“ von 1960 in dem für ihn typischen Farbauftrag, der in braunen Nuancen Wolken zu formen scheint und 28.000 Euro einwarb (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR).
Das ergiebige Thema der Fläche und Struktur untersuchte Herbert Zangs gleich in mehreren Arbeiten, so etwa in den 5.000 Euro teuren, mit Packpapier gefalteten Quadraten auf Karton von 1953 (Taxe 2.500 bis 3.500 EUR). Eine besondere Oberfläche in monochromem Weiß präsentierte Ferdinand Spindel mit seinem Schaumstoffrelief aus Graten und organischen Wülsten von 1975, das für 4.000 Euro die Hände wechselte (Taxe 1.500 bis 2.500 EUR). Einen scheinbar endlosen dunklen Gang wusste Hermann Bartels 1963 mit schlichten Mitteln in Öl zu entwickeln, der prompt 7.500 Euro erarbeitete (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), genauso wie sein ein Jahr älteres „Weißes Monochrom“ (Taxe 2.500 bis 3.500 EUR). Walter Giers, einer der Väter der elektrischen Kunst, stellte die Toninstallation „Kleiner Wal unten“ in meditativer bläulicher Klang- und Lichtwelt von 1997/2009 zur Verfügung, die sich sirenenhaft 5.000 Euro ersang (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Peter Vogel gesellte sich mit seiner ebenfalls elektrisch betriebenen „Kugel-Percussion“ von 2005 bei 3.300 Euro dazu (Taxe 1.500 bis 2.500 EUR).
Die Skulpturengruppe führt die vereinfachte und markante Formensprache von Gustav Seitz’ stehendem „Schauspieler“ aus dem Jahren 1960/61 mit einem Zuschlag bei 24.000 Euro an (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Die Dynamik von Raum und Bewegung vereinte die zweifach gestanzte Quadratform von Mary Vieira. Um ihr „Caré et mouvement espace“ von 1953 rangen sechs Europäer und verbesserten den Preis von 5.000 Euro auf 20.000 Euro. Nochmals 2.000 Euro teurer wurde Ewerdt Hilgemanns kantiger „Dancer“, eine 2003 aus poliertem Edelstahl durch Implosion willkürlich erzeugte Stele (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Der stille Multiplikatorsieger, der seinen Wert verneunfachen konnte, war Amely Spötzls durchsichtiges Wandobjekt „Wunschbox“ von 2014. Der in einzelnen Plexiglaskugeln eingeschlossene und in einem Plexiglasbehälter gesammelte Löwenzahn forderte von einem Sammler 3.600 Euro (Taxe 400 bis 800 EUR).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |