Eugen Gomringer mit 100 gestorben  |  | Eugen Gomringer ist gestorben | |
Im Januar konnte Eugen Gomringer noch seinen hundertsten Geburtstag feiern. Nun ist der Vater der Konkreten Poesie und Kenner der Konstruktiven Kunst tot: Er starb am 21. August in Bamberg. Der bolivianisch-schweizerische Schriftsteller, der unter anderem 2022 mit der Auszeichnung „Pro meritis scientiae et litterarum“ des Freistaats Bayern geehrt wurde, publizierte seine Dichtkunst in grafisch-bildkünstlerischer Gestaltung und prägte Anfang der 1950er Jahre den Begriff „Konkrete Poesie“ in Analogie zur „Konkreten Kunst“, mit der er eng verbunden war. So arbeitete er unter anderem von 1954 bis 1957 als Sekretär für Max Bill an der Hochschule für Gestaltung in Ulm.
Gomringer kam im Januar 1925 als Sohn eines Schweizer Kautschuk- und Gummifabrikanten und einer Bolivianerin in Bolivien zur Welt, wuchs aber bei seinen Großeltern in der Schweiz auf. Von 1944 bis 1952 studierte er Nationalökonomie und Kunstgeschichte in Bern und Rom, war dann rund 30 Jahre lang für die Werbung der Schweizer Warenhauskette ABM zuständig, nutzte hierfür auch die Wortspiele der Konkreten Poesie, betätigte sich von 1961 bis 1967 als Geschäftsführer des Schweizer Werkbunds und im Anschluss daran bis 1985 als Kulturbeauftragter für die Rosenthal AG in Selb. Hierbei gelang ihm, Künstler wie Salvador Dalí, Ernst Fuchs, Friedensreich Hundertwasser oder Victor Vasarely zu Entwürfen für den Porzellanhersteller zu gewinnen.
Für Eugen Gomringer war die Konkrete Poesie eine Art Nachfahre der Konkreten Kunst. Ihn habe seinerzeit Max Bills Bild „Sechs gleiche lange Linien“ geprägt, und das habe er in Sprache umsetzen wollen. „Ich möchte auch so einfach sein und dabei so stark.“ Das führte zu sprachlich reduzierten Gedichten, die sich durch ihre grafischen Darstellungen auszeichnen. Seine früheste Methode war es, zwei Wörter zusammenzubringen, umzustellen und Inversionen zu bilden. Die Kontakte zur Bildenden Kunst hielten an und führten ihn weiter zur Documenta 4: Der „Spracharbeiter“, wie ihn Max Frisch titulierte, war von 1966 bis 1968 Mitglied im Rat der Kasseler Schau. So wählte Gomringer die Schweizer Beiträge der Documenta aus, darunter Werke von Richard Paul Lohse, Karl Gerstner, Christian Megert und Dieter Roth. Als Professor für Theorie der Ästhetik lehrte er von 1978 bis 1990 an der Kunstakademie Düsseldorf. Zudem übernahm er Professuren in Bamberg, Zwickau und Schneeberg und hielt Gastvorlesungen an nord- und südamerikanischen Universitäten, in Lissabon und Ankara. Seit 1979 war er Mitglied der Berliner Akademie der Künste.
Sein Gespür für Kunst mündete zudem in eine gelungene Kunstsammlung, die Eugen Gomringer der Stadt Ingolstadt verkaufte. Sie bildet den Grundstock des 1992 eröffneten Museums für Konkrete Kunst. Weitere Werke vermachte er der Stadt Rehau. In seinem oberfränkischen Wohnort gründete er im Jahr 2000 zudem das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie als international renommiertes Zentrum Konkret-Konstruktiver Kunst. Außerdem begründete er 1953 zusammen mit Marcel Wyss und Dieter Roth die Zeitschrift „Spirale“ und gab die Buchreihe „konkrete poesie – poesia concreta“ heraus. 1953 erschien auch sein erster Gedichtband „konstellationen constellations constelaciones“ mit seinem Gedicht „avenidas“, das Jahrzehnte später für Furore sorgen sollte, ein Jahr später in der Neuen Züricher Zeitung Gomringers Manifest „Vom Vers zur Konstellation“, in dem er „Zweck und Form einer neuen Dichtung“ darlegte.
Dass Gomringers Kunst immer noch Sprengkraft besitzt, bewiesen vor knapp zehn Jahren die Verse von „avenidas“. Die Alice Salomon Hochschule in Berlin hatte ihm 2011 ihren Alice Salomon Poetik Preis verliehen und brachte in diesem Zusammenhang sein aus dem Jahr 1951 stammendes Gedicht in großen Lettern an ihrer Südfassade an. Daran störte sich 2017 der Allgemeine Studierendenausschuss, da der Text nach seiner Auffassung Frauen herabsetze. In dem Konflikt, der schnell hohe Wellen schlug, gab die Hochschulleitung nach, ließ Gomringers spanischen Text „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“ übermalen und ihn durch ein harmloses, aber politisch korrektes Werk der Lyrikerin Barbara Köhler ersetzen. Ein Bielefelder Ehepaar, eine Wohnungsgenossenschaft in Berlin und auch die Stadt Rehau ließen Gomringers Gedicht „Avenidas“ daraufhin an ihre Häuserwände malen. |