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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Das Münchner Auktionshaus Neumeister startet mit einer bunten Mischung in die Herbstsaison und hat wieder einmal „aristokratische Kunst“ zu bieten

Venus aus bestem Hause



 Palma il Vecchio, Jacopo Negretti, genannt Nachfolger, Venus und Amor

Palma il Vecchio, Jacopo Negretti, genannt Nachfolger, Venus und Amor

Das Haus Sachsen-Coburg und Gotha, eine jüngere Seitenlinie der ernestinischen Wettiner, kann sich rühmen, vor allem durch geschickte Heiratspolitik Mitglieder der Familie auf eine Reihe europäischer Throne entsandt zu haben. Das Geschlecht aus einem politisch weitgehend unbedeutenden deutschen Kleinstaat avancierte seit dem 19. Jahrhundert somit zu einem Global Player. Für ihren fürstlichen Lebensstil hat sich im Laufe der Jahrhunderte bei ihnen eine staatliche Anzahl von Kunstschätzen angehäuft. Von gut 30 Objekten, die laut herzoglicher Familie nicht identitätsstiftend sind, als Einzelwerke keinen inneren Sammlungszusammenhang aufweisen und zumeist in Schloss Callenberg bei Coburg standen und hingen, trennt sich nun das Haus. In der kommenden Auktion bei Neumeister stellen sie die Highlights und dürften sich mit ihrer besonderen, rational kaum fassbaren und emotional angereicherten Aura einer großen Beliebtheit erfreuen und für einige schöne Wertsteigerungen sorgen.


Bis ins Inventar von Schloss Friedenstein in Gotha lässt sich ein Gemälde zurückverfolgen, dass der dortige Bibliothekar Georg Rathgeber in seiner „Beschreibung des Herzoglichen Museums zu Gotha“ von 1835 als „Frauenzimmer in Lebensgröße“ bezeichnet, das „unbekleidet auf einem rothen Gewand liegt. Mit ihrem Untergewand ist ein kleiner Liebesgott beschäftigt. In der Ferne zeigen sich Gebirge und eine Stadt.“ Als Urheber nennt er Paolo Cagliari, also Paolo Veronese. Doch diese Zuschreibung an den berühmten Meister der venezianischen Spätrenaissance ist nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr haltbar. In Venedig entstanden „Venus und Amor“ aber schon. Denn hier entwickelte sich in der Malerei des 16. Jahrhunderts der weibliche Akt zu einem eigenständigen Thema und hatte mit Tizian, Giorgione und Palma il Vecchio seine wichtigsten Schöpfer. Mit letzterem, der eigentlich Jacopo Negretti hieß, steht das Gemälde auch in Verbindung; gibt es doch in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister eine fast identische Version des um 1480 bei Bergamo geborenen Malers aus der Zeit um 1520. Die Experten gehen bei der sinnlichen Darstellung von „Venus und Amor“ daher von einer später entstandenen, variierenden Abfassung eines unbekannten Meisters nach Negretti aus. Kunstliebhaber, die den nötigen Platz für dieses großformatige Prachtstück haben, sollten sich die Chance nicht entgehen lassen und um die Gunst der Liebesgöttin bei ansprechenden 40.000 bis 60.000 Euro werben.

Die Cranach-Fraktion

Rund zwei Drittel der herzoglichen Einlieferung entfallen auf Gemälde von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert. Mit dabei sind etwa noch das herbe Bildnis dreier vornehmer Männer, wohl eines Vaters mit seinen beiden Söhnen, das Rathgeber 1835 ebenfalls in seine „Beschreibung“ aufgenommen hatte. Als Urheber wird ein venezianischer Maler der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus dem Umreis Jacopo Robusti, genannt Tintoretto, angenommen (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Der Nürnberger Künstler Franz Wolfgang Rohrich ahmte bereits im frühen 19. Jahrhundert Renaissance-Malerei nach und schuf in diesem Stil auch eine „Fürstin mit Kind“ auf schwarzem Grund, hinter denen vielleicht Kurfürstin Margarete von Sachsen und Kurprinz Johann Friedrich auszumachen sind. Das Motiv geht jedenfalls auf ein Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. und seiner Werkstatt zurück, das sich heute in der Royal Collection in London befindet (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Mit dem Namen Cranach, seiner Werkstatt und Nachfolge verbinden sich dann noch sechs weitere Gemälde, darunter das Fragment von Rittern in einer Landschaft, wohl aus einer Darstellung zu Samson und Delila für 40.000 bis 60.000 Euro, oder ein blutüberströmter Schmerzensmann für die Hälfte.

Aus dem niederländischen Barock beeindruckt der Architekturmaler Dirk van Delen mit einem weit gespannten, dreischiffigen Kirchenraum der Renaissance und hat das erhabene sakrale Interieur mit Staffagefiguren geschickt belebt. Obwohl hier einige kleine Fehlstellen in der Malschicht vorhanden sind, stehen 50.000 bis 70.000 Euro auf dem Etikett. Johann Heinrich Roos nutzte die Darstellungen von Karawanen mit exotischen Tieren meist auf Gemälden mit alttestamentarischer Thematik. Rathgeber vermutet daher hinter der fast zwei Meter breiten Felslandschaft mit Dromedaren, Pferden, einer großen Schafsherde und zahlreich orientalisch gewandetem Personal Jacob, „der mit Weib und Kind von seinem Schwäher Laban flieht“ (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Das jüngste Gemälde aus Sachsen-Coburg und Gotha’schem Besitz ist ein hochalpiner Bergrücken mit einem Reiterpaar und einer Beerenverkäuferin, eine Gemeinschaftsarbeit August von Rentzells und Carl Triebels aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier spekulieren die Experten, ob es sich bei dem Paar um Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha und seine Gattin Queen Victoria handeln könnte (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR).

Auch Möbel und andere Einrichtungsgegenstände stellt das Adelsgeschlecht zur Verfügung. Herausragend ist dabei ein Ameublement des Empire aus der um 1815 unter Herzog Ernst I. angeschafften Ausstattung von Schloss Ehrenburg in Coburg. Das Ensemble ist archivalisch für die Ebenisten Jean-Corneille Vetter und seinen Bruder Jean-Charles Vetter belegt und wurde über das Möbelmagazin „A l’Union des Arts“ in der Pariser Rue Vivienne bezogen. Die aus Preußen stammenden Brüder nahmen dazu flammendes Mahagoni und vergoldete Bronzebeschläge mit lorbeerbekrönten Helmen, Thyrsosstäben, Liktorenbündel, Lyren, Palmetten, militärischen Attributen, einer Personifikation der Fama sowie geflügelten Genien mit Füllhörnern her und statteten damit einen Schreibschrank (Taxe 14.000 bis 16.000 EUR), eine Kommode (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), einen Nachtkasten (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR) und ein Sofa aus (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Dazu passend gibt es ein Paar Bergèren und ein Paar Fauteuils en gondole, ebenfalls aus Mahagoni, von François Honoré Georges Jacob-Desmalter (Taxe je 4.000 bis 6.000 EUR) und zwei Bronzekandelaber-Paare. Die beiden höheren, mit Sockel fast zweieinhalb Meter messenden Girandolen mit Viktorien gehörten ursprünglich zu einem achtteiligen Ensemble im Thronsaal von Schloss Ehrenburg (Taxe 50.000 bis 60.000 EUR) und sind wie die beiden handlicheren, nur knapp einen Meter hohen Exemplare Pierre Philippe Thomire zugeschrieben (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR).

Typenparade

Das reguläre Angebot bei Neumeister mit rund 230 Positionen setzt sich dann wieder aus Kunst, Kunsthandwerk, Design und Schmuck von der Gotik bis in die Gegenwart zusammen und startet mit dem Porzellan, das die komplette Serie von sechzehn grazilen bis kecken Figuren der Commedia dell’Arte, die Franz Anton Bustelli um 1760 für die Manufaktur Nymphenburg gestaltete, in einer Ausführung des 20. Jahrhunderts für 10.000 bis 12.000 Euro bereithält. Beim Silber überzeugt ein Deckelhumpen mit Szenen aus der Emmausgeschichte des Danziger Meisters Nathanael Schlaubitz um 1700 (Taxe 2.500 bis 3.000 EUR), beim modernen Design Ingo Maurers fernöstlich inspirierte Deckenleuchte „Hana II“ von 1974 aus Bambusrohr, Reispapier und cremefarbenem Textilstoff (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR) sowie Fulvio Bianconis seltene farblose Glasvase „A macchie“ mit dem lustigen Gesicht einer Krabbe in dunklem Violett von 1950 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR).

Zu den ältesten Objekten der Auktion gehört eine strenge thronende „Maria mit Kind“, die im 14. Jahrhundert in Nordfrankreich aus Eiche geschnitzt wurde und noch Reste einer polychromen Fassung aufweist (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR). Ihr steht bei den Skulpturen die Marmorfigur des nackten, fast noch kindlichen David in Siegerpose mit dem abgeschlagenen Haupt des Riesen Goliath gegenüber. Die Arbeit ist ein um 1871/73 geschaffenes, aber erst 1989 bekannt gewordenes Frühwerk Adolf von Hildebrands (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Deutlich günstiger sind die heute eher schwergängigen Möbel aus alter Zeit zu haben. Einen mainfränkischen Wellenschrank des 18. Jahrhunderts aus Nussbaumfurnier gibt es schon für 3.000 bis 5.000 Euro, eine am ausgehenden Rokoko in Süddeutschland entstandene Aufsatzschreibkommode mit Tabernakeltür und feiner Würfel- und Rhombenmarketerie zum gleichen Preis. In der Altonaer Manufaktur Johann Köster & Söhne wurde um 1790 eine klassizistische Mahagoni-Kommode gefertigt, die an der geschweiften Zarge mit einer voluminösen, reliefierten und vergoldeten Girlande samt Medaillon mit weiblichem Profilkopf verziert ist und ein bekröntes Spiegelmonogramm des Königs Christian VII. von Dänemark aufweist (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR).

Die Alte Kunst

Das Gemälde „Die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ steht in der Tradition des flämischen Manieristen Bartholomäus Spranger. Dafür spricht etwa die Wiedergabe von Licht und Schatten. So leuchtet das Jesuskind von innen heraus, während sein Glanz von den Gesichtern der Eltern reflektiert wird (Taxe 12.000 bis 18.000 EUR). Das Werk gehört zu den über 60 Positionen der Sammlung von Karl Höcketstaller, die bei Neumeister zugunsten der Karl & Helga Höcketstaller Stiftung versteigert wird. Der Erlös kommt wohltätigen Zwecken zugute, ebenso beim Verkauf der neutestamentlichen Szene „Christus und die Samariterin am Brunnen“ in der Art Giuseppe Antonio Petrinis und eines von braunen Tönen gesättigten heiligen Josephs mit dem Jesuskind und Engeln, für das ein Künstler aus dem Umfeld des böhmischen Barockmalers Peter Johann Brandl verantwortlich gemacht wird (Taxe je 6.000 bis 8.000 EUR). Recht günstig erscheinen die 2.000 bis 3.000 Euro, die für ein qualitätvolles Jagdstillleben mit toten Vögeln von William Gowe Ferguson und für einen niederländischen Blumenstrauß um 1700 in einer Nische, umgeben von Vanitasmotiven wie Totenkopf, Pfeife und Musikinstrumente, angesetzt sind.

Am Übergang zum 19. Jahrhundert steht Friedrich Heinrich Fügers strenge klassizistische Komposition „Thetis bittet Jupiter um Waffen“ für ihren Sohn Achilles (Taxe 14.000 bis 16.000 EUR). In der geschmackvollen österreichischen Portraitkunst des Biedermeier ist man mit Eduard Ritters Bildnis eines vornehmen Paares vor Landschaftshintergrund angelangt (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR). Diese Gattung bedienen zudem noch Wilhelm Hensel mit einem gemütvollen Portrait seines Schwagers Felix Mendelssohn Bartholdy (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR) und Albert von Keller 1876 mit der Schauspielerin Franziska Ellmenreich, die im weißen duftigen Raschelkleid eben eine Skulptur betrachtet (Taxe 1.800 bis 2.000 EUR). Während Albert Flamm mit seiner fast schon impressionistischen Landschaft samt Bauerngehöft noch den Sommer feiert (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR), nimmt Adolf Lins mit seinem Teich samt kahlen Bäumen schon den Herbst in den Blick (Taxe 800 bis 1.200 EUR). Richtiger winterlich wird es mit Otto Gebler und seiner Schafherde, wobei eines der Tiere im Schnee gestürzt ist und die anderen damit in lautstarke Aufregung versetzt hat (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR).

Das 20. Jahrhundert

Bei der Kunst der Moderne versteckt sich das teuerste Los der Auktion. Es ist Georg Kolbes schlanker „Somali Torso“ mit überkreuzten Beinen, aber ohne Kopf und Arme. Von der für sein Schaffen ungewöhnlichen Arbeit gibt es lediglich fünf Güsse, von denen nur einer zu Lebzeiten des Künstlers entstand und heute in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden steht. Von den vier posthumen Exemplaren befinden sich zwei wiederum in Museumsbesitz, so dass sich jetzt die seltene Gelegenheit bietet, den lebensgroßen dunkelbraunen Bronzeguss aus einer Berliner Sammlung für 80.000 bis 120.000 Euro zu erwerben. Weitere bekannte Namen der deutschen Moderne mischen in der Versteigerung bei Neumeister mit, etwa Franz Marc mit seiner stillen Bleistiftstudie von zwei scheuen Rehen (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR) und Max Beckmann mit seinem ernsten „Selbstbildnis von vorn, im Hintergrund Hausgiebel“, einer Kaltnadelradierung aus der Zeit um 1918 (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR). Darum gruppieren sich etwa noch Christian Rohlfs’ Aquarell mit in Schwarz konturiert angelegten „Bauernhäusern“ um 1920 (Taxe 16.000 bis 18.000 EUR), Lyonel Feiningers flott hingestrichelte freundliche „Ghosties“ (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR) und Werner Heldts menschenleere Stadtansicht „Die Panke fließt durch Berlin“ von 1930, die mit der totenartigen Maske auf der Fensterbrüstung schon die Schrecken von Nazi-Herrschaft und Zweitem Weltkrieg vorauszuahnen scheint (Taxe 80.000 bis 100.000 EUR).

Etwas ausgefallener ist da Rudolf Schlichters eindringliche Zeichnung eines bettelnden „Kriegsinvaliden“ ohne Bein aus dem Jahr 1918, die für die veristische Kunst der Zwischenkriegszeit steht (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Schon ins Jahr 1953 datiert Maurits Cornelis Eschers Lithografie „Relativity“. Auf den ersten Blick scheinen die Treppen einen glaubwürdigen, illusionistischen Raum abzubilden. Bei näherer Betrachtung erkennt man aber, dass sie sich in unmöglichen Winkeln treffen. Tatsächlich handelt es sich bei der von den drei Haupttreppen gebildeten Form um eine berühmte „unmögliche Form“, das sogenannte „Penrose-Dreieck“. Faszinierend ist, wie Escher diese geometrische Kuriosität als Ausgangspunkt nimmt, um eine völlig unmögliche Welt mit mehreren gleichzeitigen Ausrichtungen der Schwerkraft zu schaffen (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Lucio Muñoz zählt zu den wichtigsten Vertreter informeller Kunst in Spanien. In der Mitte der 1950er Jahre entdeckte er Holz als Ausdrucksmedium. Geritzt, durchbohrt, verbrannt, geschnitzt oder ausgehöhlt und in Assemblagen verbunden, machte er es zum Bedeutungsträger seiner Bilder. Von dieser archaischen Expressivität künden zwei Werke in der Auktion: „Tabla Octubre“ von 1959 und „Candelario“ von 1965 (Taxe je 5.000 bis 8.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 24. September um 14 Uhr. Die Besichtigung der Objekte ist bis zum 22. September täglich von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 bis 15 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Werke unter www.neumeister.com.

Kontakt:

Neumeister Münchener Kunstauktionshaus

Barer Straße 37

DE-80799 München

Telefax:+49 (089) 23 17 10 55

Telefon:+49 (089) 231 71 00

E-Mail: auctions@neumeister.com



20.09.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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