Wien feiert die Barockmalerin Michaelina Wautier  |  | Michaelina Wautier, Selbstporträt, um 1650 | |
Mit seiner großen Herbstausstellung holt das Kunsthistorische Museum in Wien die Malerin Michaelina Wautier aus dem Dunkel der Geschichte. Die in Zusammenarbeit mit der Londoner Royal Academy of Art entwickelte Schau bietet mit 29 Gemälden, einer signierten Zeichnung und einer Druckgrafik nach einem verlorenen Werk die bislang umfassendste Präsentation der flämischen Barockkünstlerin. Kuratorin Gerlinde Gruber hat sie in einen Kontext mit Arbeiten der Antike, von Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck und anderen Meistern ihrer Zeit gestellt und verortet so ihr Œuvre und ihre Stellung in der damaligen Kunstwelt. Dank der Sammeltätigkeit von Erzherzog Leopold Wilhelm besitzt das Kunsthistorische Museum den weltweit größten musealen Bestand an Wautiers Gemälden. Dazu zählen der „Triumph des Bacchus“ und die Heiligendarstellungen „Heiliger Joachim lesend“, „Heiliger Joseph“ und „Heiliger Joachim“. Diese sind durch internationale Leihgaben ergänzt, darunter ein Selbstportrait der Malerin aus einer Privatsammlung, ihre Serie der Fünf Sinne, die nun erstmals in Europa in vollständiger Form zu sehen ist, oder die „Zwei Jungen beim Seifenblasen“ aus dem Seattle Art Museum.
Die um 1604/14 in Mons im Hennegau geborene Malerin zählt zu den bedeutendsten Wiederentdeckungen der jüngeren Kunstgeschichte, so wurden einige ihrer Arbeiten fälschlicher Weise etwa Anthonis van Dyck oder Luca Giordano zugeordnet. Bisher ist wenig über Wautier bekannt; ihre Gemälde zeichnen sich aber durch Innovation, feinen Humor und psychologische Tiefe aus. Sie besaß Zugang zu den intellektuellen und künstlerischen Kreisen am habsburgischen Hof in Brüssel. Dort lebte sie gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Charles Wautier, der ebenfalls als Maler tätig war. Michaelina heiratete nie, was möglicherweise eine bewusste Entscheidung für die Kunst war. Der in Brüssel herrschende Habsburger Statthalter und große Kunstfreund Erzherzog Leopold Wilhelm sammelte ihre Werke. Dennoch gibt es keine zeitgenössische Kommentare zu ihrer Kunst. Ihr Werk wurde über Jahrhunderte verkannt und vergessen.
„Wir haben zwar kaum biografische Daten, Urkunden oder Briefe, aber ihre Bilder. Das genügt, um eine der stärksten Künstlerinnen ihrer Zeit wieder sichtbar zu machen“, ordnet Gerlinde Gruber ihr Schaffen ein. Laut Gruber sprengen ihre Historienbilder, Porträts, Altargemälde oder Allegorien die Erwartungen an Künstlerinnen ihrer Zeit, die sich eher Stillleben und Genreszenen widmeten. Sie steht besticht mit ihrer Pinselführung, Vielseitigkeit, der Breite an verschiedenen Sujets und das für eine Malerin ihrer Zeit beeindruckende Selbstbewusstsein, mit dem sie männliche Körper und deren Anatomie wiedergab. So galt etwa ihr monumentales Historienbild „Triumph des Bacchus“ bis in die 1960er Jahre irrtümlich als die Arbeit eines Rubens-Schülers. Die Darstellung sei zu groß, zu stark, mit zu vielen nackten männlichen Körpern versehen, als dass das Bild von einer Frau stammen könne. Zudem hätten Frauen damals doch in der Regel keinen Zugang zum Kunstunterricht gehabt. Auch mit der seltenen Signatur „invenit et fecit“ widersprach Wautier aktiv dem damaligen Vorurteil, Frauen fehle es an schöpferischer Vorstellungskraft.
Die Ausstellung „Michaelina Wautier, Malerin“ läuft vom 30. September bis zum 22. Februar 2026. Das Kunsthistorische Museum hat täglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt online 21 Euro, ermäßigt 18 Euro; vor Ort 23 Euro, ermäßigt 19 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der begleitende Katalog kostet im Museum 39,95 Euro, im Buchhandel 46,30 Euro.
Kunsthistorisches Museum Wien
Maria-Theresien-Platz
A-1010 Wien
Telefon: +43 (0)1 – 525 24 2500 |