 |  | Carl Georg Hasenpflug, Magdeburger Dom von Nordosten, 1832 | |
Gleich aus welcher Richtung man sich Magdeburg nähert, dominiert der große Kaiserdom schon von weitem die Stadtsilhouette. Der Standort auf einem Felsen über der Elbe steigert noch die an sich schon imposante Erscheinung des riesigen Baus, der eng mit dem Schicksal der Stadt und der Region verbunden ist. 4.000 Menschen überlebten in seinen schützenden Mauern, als im Jahr 1631 Magdeburg während des Dreißigjährigen Kriegs von kaiserlichen Truppen zerstört und geplündert wurde. Beim Bombardement Magdeburgs im Januar 1945 wurden nahezu 90 Prozent der Altstadt zerstört. Einzig der Dom ragte über dem Trümmerfeld empor; er hatte nur wenige Treffer abbekommen. 1989 versammelten sich Menschenmassen zu Friedensgebeten im Dom und lösten die Friedliche Revolution aus, die zum Fall der DDR beitrug.
Neben seiner Rolle als Identifikationspunkt eines Landes steht der herausragende kunstgeschichtliche Rang des Magdeburger Doms. Ab 1209 auf dem Platz eines durch Brand zerstörten Vorgängerbaus errichtet, gilt das 1363 geweihte und 1520 vollendete Bauwerk als die erste von Beginn an gotisch konzipierte und vollendete Kathedrale auf deutschem Boden. Mangelnder Unterhalt und sachfremde Nutzungen ließen das grandiose Gotteshaus im Laufe der Jahrhunderte jedoch arg verkommen. Besonders die französische Belagerung und Plünderung ab 1806 sowie in deren Folge die Inbesitznahme des Königreichs Westphalen unter der Herrschaft von Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte setzten der Bausubstanz stark zu. Der Dom diente als Warenlager, Militärmagazin, teils auch als Pferde- und Schafstall. Nach der Niederlage Napoleons 1814 fiel er an Preußen und ist bis heute Staatseigentum.
Diversen Bemühungen um eine Restaurierung und Grundsanierung war erst Erfolg beschieden, als im September 1825 König Friedrich Wilhelm III. von Preußen während eines Besuchs auf die Baufälligkeit aufmerksam wurde. Sofort erkannte er das Potential der weithin sichtbaren Landmarke als Sinnbild für das Streben nach Einheit und kollektiver Harmonie. So bewilligte der König mit 204.000 Talern die notwendigen Mittel aus der Staatskasse und steuerte mit 60.000 Talern eine großzügige Summe aus seinem Privatvermögen bei. Die Wiederherstellung dieses bedeutenden Baudenkmals avancierte somit auch zur wichtigen Keimzelle der systematischen Denkmalpflege in Preußen. Zwar hatte man bereits zwei Jahre zuvor mit der restauratorischen Vollendung des Kölner Doms begonnen, doch zogen sich hier die schleppenden Arbeiten bis zum Jahr 1880 hin. An der Elbe hingegen konnte die „Große Domreparatur“ in nicht einmal zehn Jahren abgeschlossen werden. An 18. Januar 1835 zelebrierte man die Dankesmesse für eine glückliche Vollendung. Insgesamt waren dafür 221.012 Taler aufgewendet worden.
Die vor genau 200 Jahren gestartete „Große Domreparatur“ ist nun Thema einer Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg. Dazu hat das Kuratorenteam unter der Leitung von Gabriele Köster rund 200 Exponate vereint, die in sieben Kapiteln zentrale Aspekte wie Prozesse, Ergebnisse, Hintergründe, Anekdoten und Wirkungsgeschichte durch aussagekräftige Gemälde, Pläne, Ausstattungsgegenstände und Dokumente vermitteln. Der Prolog der Schau stellt die nationale Bedeutung des beherrschenden Monuments und in Form eines großformatigen Porträts König Friedrich Wilhelm III. als Initiator und Förderer der Restaurierung vor. Dann steht die Faszination für die aufblühende Kathedralbaukunst sowie die Vollendung verschiedener Bauten im 19. Jahrhundert samt künstlerischer Rezeption im Rampenlicht.
Wie sehr die Bevölkerung die Fertigstellung des Magdeburger Doms verfolgte und die Herrscher das idealisierte Mittelalter als Projektionsfläche für die Propagierung des in souveräne Einzelstaaten zersplitterten, 1815 gegründeten und um Einheit ringenden Deutschen Bunds benutzten, verdeutlichen Veduten des romantischen Architekturmalers Carl Georg Hasenpflug. Von verschiedenen Standpunkten aus hielt er teils in königlichem Auftrag stark überhöhte Domansichten in Gemälden fest, die das Gotteshaus als Geschichtsdenkmal in sentimentaler Lichtstimmung verherrlichen. Diesen generellen Wesenszug der Zeit dokumentieren ergänzend etwa Werke Domenico Quaglios vom Straßburger Dom oder Karl Friedrich Schinkels „Gotischer Dom am Wasser“ von 1813. Gerade Schinkel hatte bereits seit langem die Bedeutung der Magdeburger Kathedrale erkannt und deren Restaurierung gefordert.
Danach rückt die Ausstattung der Kirche in den Fokus. Die Figur Ottos des Großen im Mittelpfeiler des Eingangsportals unterstreicht Anläufe zur Instrumentalisierung des Domes als Geschichtszeugnis. Skulpturen, Ansichten, Pläne und Dokumente behandeln Detailfragen wie die Gestaltung der Verdachungen oder den unterbliebenen Wiederaufbau der Osttürme. Der anschließend dem Innenraum gewidmete Abschnitt dokumentiert die Aufwertung der Wahrnehmbarkeit und die Steigerung der Monumentalität durch Entfernen von Emporen und anderen Einbauten, die die ästhetische Einheit verstellten. Der Neuverglasung von 89 Fensteröffnungen gilt ein eigenes Kapitel. Nach dem Verlust der mittelalterlichen Glasfenster startete ab 1838 die Ausschmückung mit neuen Glasmalereien. Das Herrscherhaus, Kaufleute oder Industrielle wie der Essener Friedrich Alfred Krupp brachten sich als Stifter ein. Neben der Selbstdarstellung des Hauses Hohenzollern war die Geschichte der Stadt, des Erzbistums und der Kathedrale ein weiteres Themenfeld der weitgehend im Zweiten Weltkrieg erneut zerstörten Figurenfenster. Lediglich zwei Fenster des nördlichen Langhauses überlebten durch Ausbau das Inferno, erlitten aber Schäden durch nicht sachgerechte Lagerung und Verluste durch Diebstahl. Viele neu aufgefundene Scheiben konnten nun zugeordnet, das Programm entschlüsselt und aufwendig präsentiert werden.
Dann bilden die Popularisierung des Baudenkmals und die Erschließung durch den Tourismus ein Thema. Ansichten, historische Kurzführer, Ziervasen, Medaillen, stimmungsvolle Drucke sowie Fotografien und Diaserien für Bildungsveranstaltungen vermitteln ein Bauwerk, das zum gefragten Reiseziel wurde und bauhistorische Reputation erlangte. Danach läuft die Ausstellung mit einer Kurztour durch die bemerkenswerte mittelalterliche Kulturlandschaft der 1815 eingerichteten preußischen Provinz Sachsen aus. Dome und Kirchen in Gernrode, Quedlinburg, Merseburg, Halberstadt oder Naumburg zeigen im Finale der schlüssig konzipierten Schau, mit welch bedeutenden kunsthistorischen Schätzen Sachsen-Anhalt und Magdeburg aufwarten können.
Die Ausstellung „Erbauung (an) der Vergangenheit. Der Magdeburger Dom und die Wiederentdeckung des Mittelalters in Preußen“ ist bis zum 17. Mai 2026 zu sehen. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro; für Personen bis 18 Jahre ist er frei. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Michael Imhof Verlag erschienen, der im Museum 49,95 Euro kostet. |