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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Fritz Wotruba war mehr als ein österreichisches Phänomen. Darauf verweist das Belvedere 21 in seiner aktuellen Schau und nimmt zum 50. Todestag des Bildhauers sein internationales Beziehungsgeflecht in den Blick

Auf den Spuren des Menschen



in der Ausstellung „Wotruba International“

in der Ausstellung „Wotruba International“

Im Wiener Stadtgebiet sind sie nicht zu übersehen: Skulpturen von Fritz Wotruba stehen in den Parkanlagen am Rathaus, im 2. Gemeindebezirk, im Schweizer Garten, und die 1976 im brutalistischen Stil fertiggestellte „Wotruba-Kirche“ am Georgenberg im Südwesten zählt zu den architektonischen Hauptattraktionen der Bundeshauptstadt. Wotrubas Werke sind in allen bedeutenden Museen Wiens vertreten, in der Albertina, im Mumok, im Wien Museum, im Leopold Museum und im Belvedere, wo sein umfangreicher Nachlass ab 2011 zunächst als Dauerleihgabe beheimatet war und der seit 2021 in den Sammlungsbestand des Hauses überging.


Der 1907 in Wien geborene Künstler zählt zu den bedeutendsten und einflussreichsten österreichischen Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl gilt er vielen als eine lokale Größe. Diesem Vorurteil begegnet derzeit eine große Ausstellung im Belvedere 21, die Fritz Wotruba als einen einflussreichen, bestens vernetzten und international tätigen Bildhauer vorstellt und sein Lebenswerk im Dialog mit 15 ausgewählten bildhauerischen Positionen von ehemaligen Künstlerkolleg*innen präsentiert, mit denen Wotruba befreundet oder bekannt war oder mit denen seine Arbeiten gemeinsam auf internationalen Ausstellungen zu sehen waren.

Mit dieser umfangreichen Werkschau zeigt sich einmal mehr, wie großartig das 1958 ursprünglich für die Weltausstellung in Brüssel vom österreichischen Architekten Karl Schwanzer entworfene Gebäude mit seinem Flachdach, vielen transparenten Flächen und einfachen geometrischen Grundformen, das 1962 nach Wien transferiert wurde und seit 2001 das 21er Haus beherbergt, für die Präsentation dreidimensionaler Werke geeignet ist. Zudem schuf das Wiener Büro „The Next Enterprise Architects“ für die aktuell ausgestellten Schwergewichte meterlange und unterschiedlich hohe Laufstege und Podeste aus Wabenkarton, die sich durch das gesamte Erdgeschoss schlängeln, die Exponate zeitlich, formal und inhaltlich verklammern und neben Angaben zu Titeln, Material und Gewicht detailliert darüber informieren, wo und wann die Werke ausgestellt wurden und welche künstlerischen Begegnungen für Wotruba prägend waren.

Zu Beginn werden solche Impulse deutlich, wenn Wotrubas in Kalkstein geschlagener „Torso“ von 1928/29, den der Künstler rückblickend als seine erste Skulptur bezeichnete, die noch stark von der expressiven Figurenauffassung Anton Hanaks geprägt ist, dessen Schüler an der Wiener Kunstgewerbeschule Wotruba von 1926 bis 1928 war, auf seine „Große Hockende“ von 1929/31 und die Bronzestatue „L’action enchaînée“ von Aristide Maillol aus dem Jahr 1905 treffen. Die Begegnung mit Werken des französischen Bildhauers, die Wotruba 1930 während einer Reise nach Deutschland und in die Niederlande sah, hinterließ einen tiefen Eindruck. Zu einem persönlichen Kennenlernen zwischen Wotruba und Maillol kam es 1937 im Rahmen der Exposition d’art autrichien in Paris. Maillol konnte nicht glauben, dass der dort präsentierte Torso von 1928/29 das Werk eines 22jährigen Künstlers war, und lud den jungen Kollegen nach Meudon in sein Atelier ein. Seine Studien an Skulpturen internationaler Künstler halfen Wotruba bei der Überwindung des expressiven Figurentypus seines Lehrers Anton Hanak. Auch eine Stilisierung nach sezessionistischem Vorbild sowie impressionistische Stilmittel gerieten zunehmend in den Hintergrund.

Bereits 1931 hatte Fritz Wotruba seine erste Einzelausstellung im Museum Folkwang in Essen. Nach 1933 und nach der Ausschaltung des Österreichischen Parlaments verbrachte der Bildhauer, der sich als Sozialdemokrat zunehmend bedroht fühlte, die Jahre bis 1945 hauptsächlich im Exil in der Schweiz, wo er, wenngleich eingeschränkt, künstlerisch tätig war und sich an mehreren Ausstellungen beteiligen konnte. In den 1930er Jahren lernte Wotruba viele Intellektuelle, bildende Künstler und Literaten kennen. Zu diesen zählten unter anderen Elias Canetti, Hermann Broch, Franz Theodor Csokor, Hans Erich Apostel, Herbert Boeckl, Josef Dobrowsky und Georg Merkel, Carry Hauser, Alban Berg und Robert Musil. Alma Mahler ließ ihre Tochter Anna bei Wotruba Privatunterricht nehmen.

1932 nahm der Bildhauer erstmals an der Biennale in Venedig teil, 1934 folgte die zweite Ausstellungsbeteiligung der Kunstschau in Venedig. 1936 trat er aus der „Vereinigung Bildender Wiener Künstler Secession“ aus, da er ihr eine Nähe zu den Nationalsozialisten vorwarf. Auf Herbert Boeckls Initiative wurde Fritz Wotruba 1945 an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen, um hier die Meisterklasse für Bildhauerei zu übernehmen. Er kehrte nach Österreich zurück, wo er zu einer wichtigen Stimme im Kulturdiskurs der Nachkriegsjahre wurde und für eine aufgeklärte Kulturpolitik eintrat.

Bereits ein Jahr später schuf er unter dem Eindruck der vom Krieg verwüsteten Stadt die Sandsteinskulptur „Stehende“, die Fritz Wotruba später „Weibliche Kathedrale“ nannte. Die Skulptur, die zu seinen Hauptwerken zählt, markiert einen Wendepunkt in seinem Œuvre. Der Bildhauer deutete lediglich die Grundstruktur des menschlichen Körpers an. Diese von der Anatomie gelöste, strukturell und tektonisch bestimmte Gestaltung wurde ab dieser Zeit charakteristisch für Wotrubas Kunst. Bei dem verwendeten Material soll es sich angeblich um einen Steinblock aus dem schwer beschädigten Stephansdom handeln. Wotrubas schlank aufragende Figur in ihrem verwittert-zerfurchten Erscheinungsbild wurde zu einer Metapher für die Zerstörung und den Wiederaufbau Österreichs.

Künstlerisch befand sich Fritz Wotruba zu diesem Zeitpunkt an einem Scheideweg: Mit der klassizistischen Stilisierung der vergangenen Jahre hatte er gebrochen, vor ihm lag das Gestalten des Körpers aus kubischen Formen. Der „Sitzende Mann mit Gitarre“ des französisch-amerikanischen Bildhauers Jacques Lipchitz von 1918 macht deutlich, welche Aspekte des Kubismus auch für Wotruba von Interesse waren: der tektonische Blick auf den Körper, der rhythmische Ausgleich zwischen Einzelteilen und der Gesamtheit der Figur, die Balance zwischen dargestellter Bewegung und statischem Material.

In den 1950er Jahren beteiligte sich Wotruba an vielen internationalen Ausstellungen. Zusammen mit seiner Frau reiste er zu einigen der Eröffnungen, so 1950 zur Biennale nach Venedig. Weitere Reisen führten die beiden in die USA, nach Belgien, England und nach Frankreich. Am 31. August 1951 starb Marian Wotruba. Ihr Leiden an der Krankheit floss in die Arbeit an der „Großen Liegenden“ ein. In dieser Arbeit geht die Tektonisierung der menschlichen Figur nochmals einen Schritt weiter: Die menschliche Gestalt wird blockartig in ihre Grundstrukturen zerlegt und aus diesen Elementen in nunmehr freien und gelösten Rhythmen zu einer neuen Ganzheit gefügt.

In den 1960er Jahren begannen Wotrubas Werke hingegen landschaftliche und architektonische Momente anzunehmen, indem der Bildhauer Quader in unterschiedlicher Größe schichtete und stapelte. In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche Bühnenbilder für Inszenierungen, etwa am Burgtheater, für die Salzburger Festspiele oder den Ring des Nibelungen an der Deutschen Oper Berlin. Zugleich begann Fritz Wotruba mit der Konzeption für sein bekanntes brutalistisches Bauwerk der „Kirche zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ in Wien-Mauer. Mit seinem Entwurf wollte er nach eigenen Worten „etwas gestalten, das zeigt, dass Armut nicht hässlich sein muss, dass Entsagen in einer Umgebung sein kann, die trotz größter Einfachheit schön ist und auch glücklich macht“. Zahlreiche Ausstellung und Beteiligungen fallen in diese Zeit, darunter die Documenta III in Kassel und „The 1964 Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture“ im Carnegie Institute des Museum of Fine Arts in Pittsburgh.

Neben künstlerischen Impulsen und Entsprechungen, die sich in den Gegenüberstellung von Arbeiten Wotrubas mit Werken von Marino Marini, Henri Laurens, Henry Moore, Kenneth Armitage und Eduardo Paolozzi zeigen, informiert die Schau auch über inspirierende Bekanntschaften und das ausgeprägte freundschaftliche Netzwerk, das Wotruba zu zahlreichen prägenden Künstler*innen dieser Jahre unterhielt. Die Verbundenheit zwischen ihm und der französischen Bildhauerin Germaine Richier reicht in die frühen 1940er Jahre zurück, als beide im Schweizer Exil lebten. In einer gemeinsamen Ausstellung in Bern zeigte Richier 1945 erstmals eine mit „La Sauterelle“, „Die Heuschrecke“, betitelte Plastik, ein Hybrid zwischen Frau und Insekt, das sie in den folgenden Jahren immer größer dimensionierte. 1948 präsentierte Wotruba in seiner Einzelausstellung in Paris unter anderem die „Sitzende Figur (Der Denker)“: Die Abstrahierung der Körperteile auf stereometrische Grundformen, das Kauern der Figur im Block des Steins und die Bearbeitungsspuren tragende Oberfläche markieren den Beginn eines neuen „architektonischen“ Weges.

Zu einem Aufeinandertreffen von dem „Denker“ und der „Heuschrecke“ kam es schließlich 1959 in der legendären Ausstellung „New Images of Man“ im Museum of Modern Art in New York. Germaine Richter war eine der wenigen Bildhauerinnen, die sich in der männerdominierten Nachkriegskunstwelt behaupten konnte. Umso beachtenswerter ist es, dass die Ausstellung im Belvedere auch das Schaffen von Bildhauerinnen präsentiert, deren Werke sich die Bühnen internationaler Ausstellungen wiederholt teilten. Hierzu gehören Barbara Hepworth und Louise Nevelson und die argentinisch-französische Bildhauerin Alicia Penalba.

Die Abkehr von einer am menschlichen Körper orientierten Figuration zugunsten einer Hybridisierung von Architektur und Skulptur erreicht Mitte der 1960er Jahre im Schaffen Fritz Wotrubas ihren Höhepunkt. Dies belegt eindrücklich die 1966 aus Karstmarmor geschlagene „Große Figur“, die ihren ersten großen Auftritt 1967 auf der „International Exhibition of Contemporary Sculpture“ im Rahmen der Expo in Montreal hat. Dort traf die Arbeit auf Penalbas 1957/59 entstandene, abstrakte und an Bewegungs- und Wachstumsformen aus der Natur angelehnte Skulptur „Grande étincelle“. Die beiden Werke könnten unterschiedlicher kaum sein, markieren aber mit dem Bezug auf Organisches und Architektonisches zwei zentrale Wege der damaligen Bildhauerei. Ab den 1970er Jahren beschäftigte sich Fritz Wotruba erneut mit dem Torso-Motiv: es entstand der „Große Torso“, der nach seinem Tod auf seinem Ehrengrab im Zentralfriedhof in Wien aufgestellt wurde. 1974 schuf er sein letztes monumentales Werk, den „Großen Stehenden“, der den Abschluss des Parcours im Belvedere 21 bildet.

Rund 50 der mehr als 70 Einzelpräsentationen Wotrubas fanden außerhalb von Österreich statt, darunter in Paris, Boston, Amsterdam oder Rotterdam. Auf der Biennale von Venedig verzeichnete er insgesamt sieben Teilnahmen, auch auf der Documenta in Kassel stellte er zwei Mal aus. Den Kuratorinnen Verena Gamper und Gabriele Stöger-Spevak, zuständig für den im Belvedere betreuten Nachlass des Bildhauers, ist es mit dieser Schau gelungen, Wotrubas Schaffen, in dessen Zentrum stets die menschliche Figur stand, als humanistischen Gegenentwurf zu den Verheerungen des Krieges vorzustellen und ihn und sein Werk im internationalen Kontext zu zeigen. Vor allem aber ermöglicht die Ausstellung eine Wiederbegegnung mit den massiven und archaisch wirkenden Figuren, in denen Elias Canetti eine Darstellung menschlicher Existenz erkannte, die Wotruba an die Grenzen des Menschlichen und zur Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit führte. Seiner „Großen Dunklen Figur“ von 1933 setzte Canetti 1985 im dritten Teil seiner Autobiografie „Das Augenspiel“ ein Denkmal.

Die Ausstellung „Wotruba International“ ist bis zum 11. Januar zu Sehen. Das Belvedere 21 hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beim Onlinekauf beträgt 9,30 Euro, ermäßigt 6,90 Euro, vor Ort 11 Euro und ermäßigt 8 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Der Katalog zur Ausstellung aus dem Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König kostet im Belvedere 34,90 Euro.

Kontakt:

Belvedere 21 - Museum für zeitgenössische Kunst

Arsenalstraße 1

AT-1030 Wien

Telefon:+43 (01) 795 577 00

Telefax:+43 (01) 79 557 136



17.10.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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17.07.2025, Wotruba international

Bei:


Österreichische Galerie Belvedere

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Moderne Kunst

Stilrichtung:


Nachkriegskunst

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Weg in die Abstraktion

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in der Ausstellung „Wotruba International“
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