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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Messe-Vorbericht

Die neue Ausgabe der Art Cologne hat ihre Tore geöffnet. Die Kölner Kunstmesse gibt sich jünger, setzt aber auch auf die bewährten Klassiker. Ein erster Überblick

Wenn die Kunst verschwindet



Stefan Strumbel, Mein Name ist Adler, 2025

Stefan Strumbel, Mein Name ist Adler, 2025

Auf dem Plateau vor dem Portal zu den Kölner Messehallen steht ein stattlicher Adler aus Bronze. Doch ein ausgestreckter Flügel verhüllt sein Gesicht. Aus dem Symbol für Stärke, Macht und nationale Identität formte der für seine poppigen Schwarzwalduhren bekannte Künstler Stefan Strumbel ein Monument des Zweifels, nicht des Stolzes. Da fragt man sich schon beim Eintreten in die Hallen der diesjährigen Ausgabe der Art Cologne, was einen an moderner und zeitgenössischer Kunst erwartet. Früher quasi konkurrenzlos, muss sich die „Mutter aller Kunstmessen“ sowohl gegen marktgewaltige Konkurrenten, als auch neuerdings gegen immer ausuferndere Krisen behaupten. So nimmt es nicht Wunder, dass sich heuer die Zahl der Aussteller um rund ein Dutzend auf zirka 165 reduziert hat, was durchaus dem Gesamtbild zugutekommt. Die Gänge und Plätze sind großzügiger gestaltet und lassen mehr Raum für die Entfaltung der Kunst. Dazu kommt noch die gelungene Durchmischung junger und alter Galerien und Positionen, so dass alles intensiver miteinander im Dialog steht.


Gerade der Zuwachs an jungen Galerien in der Sektion „Neumarkt“ ermöglicht die Erschließung neuer Themenfelder und eine Anpassung an aktuelle programmatische und kuratorische Ideen. Dies erweist sich bei der aktuellen Ausgabe der Art Cologne als Gewinn ebenso wie die Bemühungen, tragende Säulen der Kunstmesse zu pflegen: Die feste Verortung in der Region, die Einbindung arrivierter Galerien als Lockvögel mit ihrem bewährten Programm und die gezielte Förderung des Nachwuchses, der mit frischen Perspektiven und viel Energie dem Geschehen einen kräftigen Windstoß verleiht. Dabei geht nichts über die eigene Anschauung. „Denn Kunst lebt vom Sehen, vom Spüren und vom Gespräch“, so Messedirektor Daniel Hug auf der Eröffnungspressekonferenz.

Auf der viel besuchten Vernissage drängelte sich das gut informierte Publikum zunächst vor den hochpreisigen Klassikern, etwa vor dem deutschen Malerstart Gerhard Richter, der derzeit groß in der Fondation Louis Vuitton in Paris gefeiert wird. Zwei seiner ungegenständlichen Farbrakelungen aus den 1980er Jahren offeriert die in Zürich beheimatete Galerie von Vertes, wobei Richters „Abstraktes Bild (522-3)“ mit hohem Gelbanteil von 1983 bei 3,4 Millionen Euro als teuerstes Kunstwerk der Messe gilt. Dass sich derzeit viele Ausstellungen mit dem Thema Sex befassen, schlägt sich auch auf der Art Cologne nieder. Wer einen „Traumflug Sex“ unternehmen will, ist bei Thaddaeus Ropac richtig. Das gleichnamige, atelierfrische und großformatige Ölgemälde von Georg Baselitz mit zwei in der Schwerelosigkeit schwebenden Menschen ist hier für stolze 2,5 Millionen Euro zu haben. Der Salzburger Galerist ließ schon erste Verkäufe vom Vernissagetag mitteilen. Sie gelten etwa Baselitz’ früher Fingermalerei mit einem auf dem Kopf stehenden „Haubentaucher“ von 1972 bei 2,75 Millionen Euro oder Martha Jungwirths überraschend kompaktem kleinem Ölgemälde „Hier die ersehnten Maße meines Juwels“ von 2025 mit schweren Farbbalken auf dunklem Grund bei 75.000 Euro. Dagegen steht beim Preisranking Ernst Ludwig Kirchner diesmal hinten an. Für seine Anfang der 1930er Jahre gemalte „Nächtliche Phantasielandschaft in Grün und Schwarz“ verlangt der Bielefelder Galerist Samuelis Baumgarte 2 Millionen Euro.

Aber auch rheinische Künstler schaffen es in den siebenstelligen Bereich. Andreas Gursky, der vor wenigen Tagen mit dem Staatspreis des Landes NRW ausgezeichnet wurde, ist mit dem jüngst entstandenen Fotokunstwerk „Thyssenkrupp, Duisburg“ zugegen. Wer nach dem Stahlgipfel im Kanzleramt noch diese aktuelle Reminiszenz an die heimische Industrie mit einem rotgolden glühenden Stahlbarren erwerben möchte, muss bei der Galerie Sprüth Magers 1 Million Euro zahlen. Etwas weiter hat die Leipziger Galerie Eigen + Art ihre Ware ausgebreitet. Zentraler Hingucker ist hier der „Ausritt“, so der Titel eines großformatigen Gemäldes von Neo Rauch aus dem Jahr 2025. Für den etwas kryptischen Ritt auf einem Rollpferd muss man 1,25 Millionen Euro einkalkulieren. Nebenan hat Gerd Harry Lybke eine Förderkoje mit der aus Worpswede stammenden Künstlerin Cihan Çakmak eingerichtet. Die Teile ihrer Installation aus Objekten und Fotografien, in denen sie als Tochter kurdischer Einwanderer die Verletzungen einer Person mit Migrationshintergrund thematisiert, kosten zwischen 500 Euro und 4.500 Euro.

Doch zurück zur Leipziger Schule. „Die Galerie“ aus Frankfurt am Main präsentiert zwei jüngere Vertreter. Johannes Heisig, Sohn des berühmten DDR-Malers Bernhard Heisig, spielt in seinem figurativen, skurrilen und 42.000 Euro teuren Interieur „Mach Dir ein Bild!“ von 2014/15 mit menschlichen Grunderfahrungen, ohne seine ostdeutsche Herkunft zu verleugnen. Hinzu kommt mit Volker Stelzmann ein weiterer Protagonist der Leipziger Malereitradition, der mit einem monumentalen fünfteiligen „Reliquienbild“, orientiert am christlichen Glauben und der Malweise der Neuen Sachlichkeit, für 145.000 Euro in die Koje lockt. Schlendert man am Stand der Galerie Thomas Fuchs vorbei, sticht ein verschwommener Blick in einen U-Bahnhof ins Auge, in dem Leute auf den Zug warten. Der „Junge Wilde“ Rainer Fetting ruft mit dem längsrechteckigen Ölgemälde die aktuellen Verkehrsprobleme in den Fokus und hat mit „Subway 23rd Street“ von 2007 gestern schon 148.000 erzielt. Etwas weiter konzentriert sich die Galerie Schönewald auf verfremdete Alltagsgegenstände der diesjährigen Goslarer Kaiserring-Trägerin Katharina Fritsch. Eines von 16 Multiples einer roten hochglänzenden „Muschel“ ist mit 38.500 Euro ausgezeichnet, ein grünes „Kotelett“ an der Wand mit 17.120 Euro und ein hellgelbes „Birkenkreuz mit 21.000 Euro.

Direkt nebenan steht eine Ikone der Konzeptkunst zum Verkauf. Hanne Darbovens 190teilige serielle Wandinstallation „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ mit Schreibzeichnungen von 1990 hat die Galerie Michael Werner aus Berlin mit 800.000 Euro veranschlagt. Weitere Klassiker hat das Kölner Urgestein Karsten Greve mit auf die Messe gebracht: Eine der ersten Leinwandarbeiten von Lucio Fontana aus dem Jahr 1952 und ein Stillleben von Lovis Corinth. Für Fontanas mit dunkelroten scharfkantigen Glassteinen appliziertes und mit einigen Löchern durchstochenes „Concetto spaziale“ wird mit über 2,2 Millionen Euro gerechnet, für den furios gemalten Blumenstrauß Corinths mit 850.000 Euro. Mit hochklassiger Kunst wartet auch wieder die Düsseldorfer Galerie Setareh auf. Diesmal bietet sie ein Werk des Franzosen Georges Mathieu, einer zentralen Gestalt des Tachismus, auf dem quirlige Farbwülste in Weiß, Violett und Blau in die Höhe steigen, für 750.000 Euro an. Wer dagegen ein großes Hohlspiegelobjekt des Lichtkünstlers Adolf Luther bevorzugt, muss 350.000 Euro bereithalten. Die Galerie der im August verstorbenen Anita Beckers wird von ihren Mitarbeitern fortgeführt und nimmt an der Art Cologne unter anderem mit Radierungen und Silbergelatineabzügen von Jürgen Klauke teil. In den zwischen 8.000 Euro und 13.000 Euro teuren Arbeiten aus den frühen 1970er Jahren behandelt Klauke humorvoll Geschlechterrollen und Sexualität und setzt sich über gesellschaftliche Normen keck hinweg.

Etwas weiter würde die Galerie Koch aus Hannover, die heuer auf immerhin 70 Jahre Geschäftstätigkeit zurückblicken kann, gerne ein aus Privatbesitz stammendes Gemälde von Gabriele Münter an den Käufer bringen. Ihre Gebirgslandschaft mit Bachlauf aus den 1920er Jahren ist mit 195.000 Euro bewertet. Dorothea van der Koelen aus Mainz widmet sich abermals dem Schaffen der Papierkünstlerin Lore Bert, die im kommenden Jahr mit einer großen Ausstellung in Venedig ihren 90. Geburtstag feiern wird. Ihre fragilen „Stufen in Gold und Türkis“ von 2024 sind für 5.800 Euro, der ein Jahr ältere, große „Kreis mit Goldkrone in Magenta“ für 16.500 Euro im Angebot. Bei der Dortmunder Galerie Utermann stechen drei erlesene Gouachen von Marc Chagall ins Auge, den die Kunstsammlung NRW in diesem Jahr mit einer umfangreichen Soloschau in Düsseldorf würdigte. Die Preise bei Utermann bewegen sich zwischen 495.000 Euro und 995.000 Euro.

In den Sektor der jüngeren Positionen und Aussteller reiht sich diesmal der Frankfurter Aussteller Bernhard Knaus ein, in dessen Stand eine ausladende Kugel herabhängt. Katja Davar hat auf die Glasfaserkugel „A Rare Place To Perch“ die von Vögeln benutzten Flugrouten weltweit kartiert. Das ökologisch konnotierte Objekt mit der atmosphärischen Landschaftsanmutung soll 14.150 Euro einbringen. Nebenan weist die Galerie Philipp von Rosen auf Acrylbilder von Florian Schmidt hin, der darin räumlich-experimentellen Fragen zum Verhältnis der ihn umgebenden Architektur und seiner eigenen Biografie nachgeht und dafür jeweils 11.000 Euro sehen will. Ein Neuzugang unter den jungen Galerien ist Tütar aus Tallinn, die eine Einzelpräsentation des baltischen Künstlers Tõnis Saadoja inszeniert hat. Saadojas ruhige, suggestiv analoge Filmfragmente stellen Orte aus der Erinnerung vor, die jeweils für 15.000 Euro gehandelt werden.

Bei der Galerie Van Horn ist die Kunst von Anys Reimann zu entdecken, die sich erst mit Mitte 40 für ein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie entschied. Ihre oft collagierten Gemälde erzählen in fragmentierten Menschenbildern von Identität, Herkunft, Geschichte und kulturellen Überlagerungen und hängen für Preise zwischen 5.000 Euro und 25.000 Euro an den Standwänden. Verkaufsschlager bei der Palo Gallery aus New York waren bereits die abstrakten farbenfrohen Gemälde der jungen Griechin Leda Tsoutreli. Ihre quadratischen Leinwände mit rokokoartigen hellen Wolkengespinsten waren für 7.000 Euro ausgepreist. Keinesfalls versäumen sollte man einen Blick auf den Stand der italienischen Galerie zaza’. Die Inhaber Alessandro Bava und Fabrizio Ballabio zeigen hier ein gemeinsames Projekt von Sophia Al-Maria und Lydia Ourahmane sowie eine neue Werkserie von Emanuele Marcuccio. Allerdings ist der gesamte Stand wie ein Produkt im Supermarkt in einer silbergrauen Plastikfolie einvakuumiert und entzieht so die Kunst dem Betrachter und den Käufern. Laut Daniel Hug ist diese aufwändige Installation eine Generalkritik an der Institution von Messen und Kunstausstellungen. Na dann!

Die 58. Art Cologne läuft noch bis zum 9. November in der Kölner Messe und hat täglich von 11 bis 19 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 34 Euro, ermäßigt 29 Euro, die Abendkarte ab 16 Uhr gibt es ebenfalls für 29 Euro.

Kontakt:

KölnMesse GmbH

Messeplatz 1

DE-50679 Köln

Telefax:+49 (0221) 821 2574

Telefon:+49 (0221) 8210

E-Mail: info@koelnmesse.de

Startseite: www.koelnmesse.de



07.11.2025

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Max Liebermann, Strandterrasse in Noordwijk (Huis ter Duin), 1913

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Der Stand der Galerie zaza’

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