Bonn zeigt künstlerische Auseinandersetzung mit Arbeitswelten  |  | Conrad Felixmüller, Hochofenarbeiter, 1927 | |
„Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ lautet der Titel der aktuellen Themenschau im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Revolutionäre Transformationen prägen die Arbeitswelt noch heute. Doch auch schon während der Epoche der frühen Hochindustrialisierung gab es gravierende Umwälzungen, die das Leben eines Großteils der arbeitenden Bevölkerung einschneidend veränderten. Die kunsthistorische Ausstellung im LVR-Landesmuseum möchte vermitteln, wie sich die Künstler mit der neuen Situation in der Arbeitswelt zwischen 1890 bis 1940 ästhetisch, motivisch, willfährig aber auch kritisch auseinandersetzten. Dazu haben seit 2021 Thorsten Valk und sein Mitkurator Christoph Schmälzle rund 300 Exponate von über 70 Leihgebern zusammengetragen, darunter hauptsächlich Gemälde, Grafiken und Fotografien, aber auch einige Dokumente, Gerätschaften und Objekte. Ihr Bestreben war dabei, Bekanntes mit Unbekanntem zu verbinden und die Exponate aufgrund ihrer regionalen Verankerung im Westen Deutschlands auszuwählen.
Auftakt des in sechs Kapitel gegliederten Parcours bildet ein mehrere Meter langes und 200 Kilogramm schweres Panoramagemälde des „Industriemalers“ Otto Bollhagen. Es zeigt aus der Vogelflugperspektive das gigantische, planvoll angelegte Ensemble des Leverkusener Bayer-Werks mit seinen Hallen, Schornsteinen, Siedlungen und Verkehrsanschlüssen. Normalerweise wird es vor der Öffentlichkeit verborgen im Werk aufbewahrt. Im folgenden ersten Abschnitt wird die Veränderung in der Porträtkunst thematisiert. Nicht mehr Kleidung oder Accessoires verdeutlichen in den Bildnissen die Herkunft der Dargestellten. Personen wurden nun in Verbindung vieler, auch neuer beruflicher Tätigkeiten porträtiert. Der schuftende Industriearbeiter vor rauchigen Kulissen, die Sekretärin oder der Betriebsarzt wurden nun bildwürdig. Danach steht der Wandel des Landschaftsbildes im Mittelpunkt. Fabrikhallen, Bürogebäude, Bahnhöfe wurden Sujets der Malerei. Otto Bollhagen malte die Essener Krupp-Hauptverwaltung, Albert Renger-Patzsch erfasste in seinen Fotografien pointiert die Entwicklung von Natur- in Industrielandschaften, wenn er etwa weidende Kuhherden vor rauchenden Industriekulissen ablichtete.
Die Organisation der Arbeitswelt mit rigoroser zeitlicher Taktung und Effizienz bildet einen weiteren Themenkreis, ebenso die Ansichten über die Zukunft der Arbeit im Dienst linker wie rechter Weltanschauungen. Die neue Zeit verbildlichte 1939 Carl Theodor Protzen in Gemälden von Autobahnbaustellen, während Franz Wilhelm Seiwert in einem Glasfenster Christus vor versammelter Arbeiterschaft zum Thema machte. Viele Künstler brachten ihre Kritik an prekären Arbeitsverhältnissen und geringen Löhnen zum Ausdruck. Dazu zählte insbesondere Otto Dix mit seinem 1920 gemalten Bildnis eines ausgezehrten Arbeiterjungen. Zum Schluss wendet sich die Schau den Errungenschaften, neuen sozialen Standards und Freizeitaktivitäten der entwickelten Arbeitswelt zu. Begleitend kontextualisieren zwei Installationen Gertrud Riethmüller, Trägerin des rheinischen Kunstpreises 2023, die Kernschau. Dabei stehen der Mensch im Gefüge herrschender Arbeitsverhältnisse und Ungleichheiten sowie aktuelle Fragen in Bezug auf das Vordringen der Künstlichen Intelligenz im Mittelpunkt.
Die Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ ist bis zum 12. April 2026 zu besichtigen. Das LVR-Landesmuseum Bonn hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an Heiligabend, 1. Weihnachtsfeiertag, Silvester und Neujahr. Der Eintritt beträgt 11 Euro, ermäßigt 7 Euro; für Personen bis 18 Jahre ist er kostenlos. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Hirmer Verlag erschienen, der im Museum 39 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro kostet.
LVR-Landesmuseum Bonn
Colmantstraße 14-16
D-53115 Bonn
Telefon: +49 (0)228 – 20 70 351 |