Mehr als Charakterköpfe: Franz Xaver Messerschmidt in Wien  |  | in der Ausstellung „Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe“ | |
Das Belvedere in Wien will einen neuen Blick auf Franz Xaver Messerschmidt werfen und präsentiert das Schaffen des österreichischen Bildhauers in seiner Gesamtheit, das über die weltbekannten „Charakterköpfe“ hinausgeht. Dafür hat das mit Katharina Lovecky, Georg Lechner und Kati Renner besetzte Kuratorenteam Portraitskulpturen und -büsten, Medaillons und auch die kuriosen Karikaturen menschlicher Physiognomie ausgewählt und beleuchtet mit Werken anderen Künstler der Zeit den Kontext und die gesellschaftlichen Entwicklungen. Ein weiteres Thema sind die zahlreichen Mythen, die sich um seine Person und seine Kunst ranken und Messerschmidt als „Genie“, als „schrulligen Einzelgänger“ und als „Geisterseher“ darstellen und gar meinen, von seiner Kunst auf seinen psychischen Zustand schließen zu können. Damit will die Schau laut Generaldirektorin Stella Rollig eine „Einordnung auf der Höhe unserer Gegenwart“ vornehmen.
Der 1736 geborene Messerschmidt ist ein Künstler an einer kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Zeitenwende des 18. Jahrhunderts. Seine Porträts von Mitgliedern des Hofes und Adels, von Wissenschaftlern und Schriftstellern, Auftraggebern wie etwa Kaiserin Maria Theresia, Felicitas von Savoyen-Carignan, den Ärzten Gerard van Swieten und Franz Anton Mesmer oder des Schriftstellers Franz Christoph von Scheyb vertreten ein neues Menschenbild, das von den Ideen der Aufklärung durchdrungen ist: Das Bestreben, den Menschen als Individuum darzustellen, tritt zunehmend an die Stelle barocker Repräsentation. Nun steht das unverwechselbare Aussehen im Vordergrund, nicht der Rang oder die Funktion.
Gleichzeitig entwickeln sich in Wissenschaft, Medizin und Kunst neue Normen und Ideale. Vor allem die ab 1771 entstandenen „Charakterköpfe“, die trotz ihrer Bekanntheit bis heute Rätsel aufgeben, behandelt die Schau vor dem Hintergrund der damaligen Beschäftigung mit Mimik als Phänomene ihrer Zeit. In den von ihm schlicht „Kopfstücke“ genannten Büsten steigert Franz Xaver Messerschmidt Gesichtsausdrücke zu übertriebenen Grimassen. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, welche Absicht und welcher Sinn dahinter stecken. Vielleicht wollte er bei diesen Gesichtern im Ausnahmezustand der Strenge klassizistischer Ideale, wie sie in den Lehrbüchern der damaligen Zeit steht, mit Humor begegnen. Vergleiche mit Werken von Joseph Ducreux, William Hogarth und Jakob Matthias Schmutzer untermauern dabei, dass das Interesse für das Gesicht und seine Entgleisungen keine Ausnahme darstellt. „Auch wenn Messerschmidts Intention unklar bleibt, lassen sich an seinen ‚Charakterköpfen‘ zentrale geistesgeschichtliche Entwicklungen ablesen. Ihre Ausdruckskraft steht exemplarisch für den Bruch mit dem akademischen Klassizismus“, so Lovecky.
Die Ausstellung „Franz Xaver Messerschmidt. Mehr als Charakterköpfe“ ist bis zum 6. April 2026 zu sehen. Das Untere Belvedere hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die vergünstigten Online-Tickets kosten 16,50 Euro, ermäßigt 13 Euro; vor Ort sind sie jeweils 1,50 Euro teurer. Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren haben freien Eintritt. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther & Franz König zum Preis von 34,90 Euro erschienen.
Österreichische Galerie Belvedere – Unteres Belvedere
Rennweg 6
A-1030 Wien
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