 |  | Süddeutschland, Doppelmaserpokal, Süddeutschland oder Schweiz, um 1500 | |
Das Kölner Auktionshaus Lempertz gehört zu den Marktführern in Deutschland, wenn es um ausgesuchte Silberarbeiten geht. Das bewies wieder einmal die letzte Versteigerung nicht nur auf der Angebotsseite, sondern auch bei der Nachfrage: Die Kunden griffen beherzt zu, ließen kaum eine Position aus und nahmen über 86 Prozent der 168 silbernen Pretiosen mit. Von solchen Werten können andere nur träumen. Schon das erste und älteste Stück der Silberabteilung, ein Doppelpokal aus Maserholz, der auch gut in eine erlesene Kunstkammer passen würde, ließ keine Wünsche offen. Um 1500 wurde er in Süddeutschland oder der Schweizer aus zwei ineinandergesteckten, teils kannelierten Zirbenholzschalen mit vergoldeter Kupfer- und Silbermontierung und einem pittoresken Griff in Form eines gotischen Erkers mit Türmchen und Zinnen geschaffen. Der Urheber ist nicht bekannt; doch gehörte der Pokal ehemals zur legendären Sammlung des Juristen Walter von Pannwitz, der sich in München als Anwalt besonders bei großen Strafprozessen einen Namen machte, später Oberbürgermeister von Kulmbach und selbst künstlerisch begabt war, was dem Pokal neben seiner Qualität und Seltenheit jetzt zu den taxgerechten 26.000 Euro verhalf.
Dahinter schlossen sich am 21. November ein schlanker Nürnberger Deckelpokal um 1580/90, den Heinrich Jonas d.Ä. mit dem damals beliebten Schweifwerk samt Fruchtgebinden, drei Maskarons und einem Landsknecht auf dem Deckel dekorierte, für 19.000 Euro (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR), eine oktogonale Deckelkanne von Carsten Mundt I aus Hamburg mit fein gravierten Tierdarstellungen und einem doppelschwänzigen Seeweibchen als Daumenrast für 16.000 Euro (Taxe 16.000 bis 20.000 EUR), und ein etwa gleichaltriger Nürnberger Akeleipokal des Meisters Christoph Kremer von 1609/20 mit einem Genius als Schaft und einer Vase samt Schmeck als Bekrönung für 14.000 Euro an. Ein vergleichbares Augsburger Exemplar, das Philipp Pepfenhauser um 1618/22 mit Muscheln auf den Buckeln verziert hatte, brachte es jetzt auf gute 26.000 Euro (Taxe je 15.000 bis 20.000 EUR).
Silbernes Schaulaufen
Eine runde Hostiendose der Freiberger Petrikirche, die Augustus Pöllingk mit fein gravierten Darstellungen der Evangelisten samt ihren Attributen, Blumenranken und drei Cherubköpfen ausstattete und auf das Jahr 1658 datierte, konnte ihre Schätzung mit einem Zuschlag bei 8.000 Euro verdoppeln. Ungewöhnlich war ein „Krebsaugen-Medaillon“ um 1700, das den Träger vor Augenkrankheiten schützen sollte und mit sogenannten „Krebsaugen“, den kugelförmigen Ablagerungen unter dem Panzer von Flusskrebsen, gefüllt war. Das süddeutsche tropfenförmige Silberamulett mit zwei facettierten Bergkristallhälften zur Aufnahme der „Krebsaugen“ legte von 2.500 Euro auf 5.200 Euro zu. Ins Rokoko ging es dann mit vier Kerzenleuchtern des Augsburger Meisters Johann Nikolaus Spickermann in geschwungenen Zügen von 1741/43, die sich mit einem Zuschlag bei 8.500 Euro ebenfalls nicht lumpen ließen (Taxe 5.600 bis 6.000 EUR). Dann gab es aber den einzigen teuren Ausfall, als sich niemand für die bewegte Prachtdeckelterrine des Neapolitaners Geronimo di Benedetto von 1720 interessierte (Taxe 18.000 bis 22.000 EUR). Dafür durfte dann der Warschauer Silberschmied Jan Jerzy Bandau jubilieren; denn seine bereits klassizistisch beruhigte Wärmeglocke samt Platte mit Perlstab, Akanthusblatt und Pyrknauf von etwa 1790 vervierfachte ihren Wert auf 16.000 Euro.
Auch das moderne Silber des 20. Jahrhunderts sorgte in der Auktion für weitere Höhepunkte, etwa Georg Jensens überbordender voluminöser Kandelaber samt reichem Fruchtbehang von 1923 bei 17.000 Euro (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR) oder Jean-Emile Puiforcats strenges, gleichwohl hochelegantes Art Déco-Besteck „Cannes“, das er 1928 für seine eigene Hochzeit gestaltete. Die 164 Silberteile in einer Ausführung von 2010 spielten 47.000 Euro ein (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Auf niedrigerem Niveau konnte Emil Lettré alle seine designorientierten Arbeiten der 1920er und 1930er Jahre aus einer süddeutschen Sammlung loswerden, darunter ein schlichtes zylindrisches Leuchterpaar für 3.200 Euro (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR) und die 54 Teile seines Bestecks No. 6300 für 6.500 Euro (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR). Durch ihre reduzierte und harmonische Formensprache überzeugte gleichfalls Emmy Roth, an deren Kaffeeservice auf einem ovalen Tablett sich ein niederländisches Museum festbiss und schließlich 31.000 Euro hinblättern musste, um sich die vier Elemente zu sichern (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Ihr Berliner Kollege Gebhard Duve zog mit den 179 Teilen des modernen Bestecks No. 17700 aus den 1930er Jahren nach und heimste dafür 26.000 Euro ein (Taxe 7.000 bis 8.000 EUR). Die Schwedin Sylvia Stave kam dann noch mit den kugeligen Formen von Kanne, Zuckerschale und Milchkännchen ihres Art Déco-Services 3320 bei 5.600 Euro zum Zug (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR).
Auch der Blick nach England zahlte sich für Lempertz aus. Denn mit der auf englisches Silber der Arts and Crafts-Bewegung spezialisierten Seawolf Collection gab es überhaupt keine Probleme. Alle 23 Objekte gingen weg wie warme Semmeln und spielten oft ein Mehrfaches ihrer Erwartungen ein, etwa gleich zu Beginn eine ovale Zuckerschale mit Holzhenkel und integrierter Schaufel in modern reduzierten Formen. Doch Christopher Dresser hatte sie bereits 1881 entworfen, als allenthalben noch der Historismus vorherrschte. Das wurde nun mit 14.000 Euro belohnt (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Gleiches gilt für seine runde schlichte Deckelterrine von 1880, die von 5.000 Euro auf 17.000 Euro stieg. Aber auch sein spartanischer Toastständer konnte sich bei 2.800 Euro deutlich über den anvisierten 350 Euro behaupten. Dazu traten dann etwa noch Charles Robert Ashbee mit seiner Deckelterrine auf einem hohen Fuß samt Kelle, für die er im Jahr 1900 mittelalterliche Zierelemente mit Ideen des Jugendstils kombinierte und damit nun 11.000 Euro einnahm (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR), und Archibald Knox mit seiner hochrechteckigen Tischuhr „Magnus“ von 1903, die er mit Emailapplikationen sowie einem grafischen Blumendekor ausstattete und erst bei 18.000 Euro abgab (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).
Eine Tapisserie zwischen Realität und Fantasie
Bei den anderen Abteilungen der Auktion verhielten sich die Käufer dann selektiver, so dass die losbezogene Zuschlagsquote auf knapp unter 50 Prozent abrutschte – ein für das Kunstgewerbe heutzutage üblicher Wert. Dennoch gab es hier zweimal mit 70.000 Euro den Tageshöchstpreis. Für die dichte fantasievolle Verdure „forêt sauvage à feuilles de choux“, die den Ateliers de la Marche in Aubusson um 1550/1600 zugeschrieben war und in der Waldlandschaft einheimische und exotische Tiere, aber auch Fabelwesen präsentierte, war dieser Wert erwartet worden. Als überraschend entpuppte er sich eine quadratischen Tischuhr von 1584 mit den Sinnbildern der Kardinaltugenden. Für die turbulente Steigerung von 15.000 Euro aus war nicht zuletzt ihr erster Besitzer Jacek Mlodziejowski, der 1604 verstorbene Schatzmeister des polnischen Königs Stefan Batory, verantwortlich. Gleich dahinter folgte eine weitere Tischuhr der Renaissance, diesmal aus Augsburg, die sich mit 11.500 Euro aber an ihre Vorgaben hielt.
Während zwei antike Sandsteinfragmente eines attischen Grabreliefs mit Figuren im Trauergestus um 400 vor Christus (Taxe 20.000 bis 25.000 EUR), eine emaillierte gotische Hostiendose samt Engelpaaren aus Limoges (Taxe 10.000 bis 12.000 EUR) und ein Prozessionskreuz in Astform, das Ende des 15. Jahrhunderts in Süddeutschland oder Spanien aus vergoldeten Kupfer hergestellt wurde (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), keine Abnehmer fanden, freuten sich ein französischer Bronzekruzifixus des 12. Jahrhunderts über 17.000 Euro und ein Limousiner Kerzenleuchter des 13. Jahrhunderts mit Resten farbigen Zellenschmelzemails über 16.000 Euro (Taxe je 6.000 bis 8.000 EUR). Mathieu van Beveren musste mit seinem elfenbeinernen Corpus Christi aus dem 17. Jahrhundert wiederum passen (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR).
Bei den Möbeln hatten das kraftvoll geschnitzte Paar toskanischer Konsoltische, kombiniert mit Platten im Scagliola-Dekor, aus der Zeit um 1700 bei 29.000 Euro (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR) und das klassizistische Paar kantiger zweischübiger Kommoden in Mahagoni, die vormals im Besitz der Fürsten Liechtenstein waren, bei 30.000 Euro die Nase vorn (Taxe 30.000 bis 35.000 EUR). Eigentlich hätte hier Joseph Wimer mit einem ihm zugeschriebenen prächtigen Mainzer Cantourgen, der durch die Auflösung aller geraden Linien und Umrisse paradigmatisch das Rokoko verkörpert, bei 70.000 bis 80.000 Euro das Rennen machen sollen. Doch das war einfach zuviel und wohl auch der Tatsache geschuldet, dass das Möbel im Berliner Auktionshaus Leo Spik erst im Sommer 2022 bei einem Zuschlag von 39.000 Euro gehandelt wurde. Dafür reüssierte eine ebenfalls bewegte Mainzer Kommode mit drei Schüben und Bandelwerkanklängen um 1745/50 bei 11.000 Euro (Taxe 9.000 bis 10.000 EUR).
Ein königlicher Waffenschrank zwischen Möbel und Skulptur
Der französische Ebenist Jean Saddon, der einen zierlichen Damensekretär in der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einer farbigen fernöstlichen Lackmalerei überzog, hatte bei 30.000 bis 40.000 Euro kein Glück. Eine Teeschatulle aus Mahagoni, bei der Abraham Roentgen in dieser Zeit schon deutlich ruhigere Töne anschlug, erreichte ihre untere Schätzgrenze von 4.000 Euro, ebenso das Paar kleiner ovaler Beistelltische, die Johann Gottlieb Frost, ein ehemaliger Mitarbeiter von Roentgens Sohn, um 1785 in Paris fertigte, die seinige von 12.000 Euro. Eine große Kratervase Pierre Philippe Thomires aus vergoldeter Bronze mit einem Mänadenreigen um 1810/19 kam auf gute 9.000 Euro (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Auf Übernahme hofft noch die Marmorfigur eines jugendlichen Satyrs, die Berliner Bildhauer Emil Wolff um 1850 beim Weinausschenken verewigte (Taxe 35.000 bis 40.000 EUR). Ein Waffenschrank des Königs Albert von Sachsen, den die Dresdner Möbelfabrik Otto Schubert 1879 als Baumstumpf mit einem plastischen Adler zwischen Möbel und Skulptur ausgeformt hat, orientierte sich an den unteren geschätzten 12.000 Euro.
Diesen Wert tanzte sich auch François-Raoul Larches bronzene Tischlampe „Loïe Fuller“ von 1901 engagiert mit ihren wirbelnden Stoffbahnen zusammen (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Die Auswahl an Jugendstil und Art Déco enthielt beispielsweise noch Dagobert Peches Stuhl mit vergoldeter Füllhorn-Rückenlehne, aus dem die Blumen nur so herausquellen, für 4.000 Euro (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), Bruno Pauls bekannten variablen Kerzenleuchter von 1901 mit sechs schwenkbaren Armen für 8.000 Euro (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), und die Tierplastik „L’Autruche“ von Gaston-Étienne Le Bourgeois. Der liegende kompakte Vogel Strauß, den der französische Bildhauer 1925 für die „Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes“ entwarf, ruhte sich ebenfalls aus seiner unteren Taxgrenze von 8.000 Euro aus.
Der Höhepunkt in der Keramik- und Porzellanversteigerung, die ebenfalls mit dem Absatz von knapp 50 Prozent der gut 140 Positionen abschloss, war ein Hanauer Fayencekrug, bei dem der Nürnberger Silberschmied Wolfgang Rößler nicht nur die Vermeilmontierung, sondern auch die Bemalung mit einer umlaufenden Wasserlandschaft samt Nymphen und Faunen in den 1680er Jahren besorgt hatte. 22.000 Euro waren sein Lohn (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR). Ansonsten ebbte die Kauflust bei den Fayencen auf knapp 30 Prozent stark ab. Das Porzellan hatte es mit einer Verkaufsrate von 58,7 Prozent besser und mit einer Teekanne aus sogenanntem „Eisenporzellan“ auch ein interessantes Stück zu bieten. Das metallisch schimmernde, dunkelbraune Böttgersteinzeug, das in den Anfängen der Meißner Manufaktur um 1710 wohl unabsichtlich durch einen missratenen Brand zustande kam, platzierte sich an der unteren Erwartung von 15.000 Euro. Aber auch hier konnten eine Flötenvase mit puderblauem Fond und Chinoiserien wohl von Johann Ehrenfried Stadler (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR) oder eine weitere Vase ebenfalls mit fernöstlichem Dekor samt ungewöhnlicher Jagdszene, an dem Stadler um 1725 gemeinsam mit Johann Gregorius Höroldt gearbeitet haben dürfte, nichts ausrichten (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Ein Speiseteller aus dem Schwanenservice von Johann Joachim Kändler aus dem Jahr 1736 erwirtschaftete dann noch 6.500 Euro, ein etwa gleichaltriges Senfbehältnis in Form einer Kanne mit Kauffahrteiszenen von Christian Friedrich Herold 6.000 Euro (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR) und ein Ludwigsburger Tänzerpaar in Ballettposition beim Pas de deux, ein Modell von Joseph Nees um 1760/65, dann noch taxgerechte 4.600 Euro.
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |