 |  | Arnulf Rainer im Jahr 2012 vor einem seiner „Face Farces“ | |
Österreich trauert um Arnulf Rainer. Der für seine Übermalungen bekannte Künstler, der am 8. Dezember noch seinen 96. Geburtstag feiern konnte, starb am 18. Dezember. Das teilte das Arnulf Rainer Museum mit und zeigte sich sehr betroffen vom Ableben des Ausnahmekünstlers. Er hinterlasse ein unvergessliches Erbe in der Kunstwelt. Als Wegbereiter der informellen Malerei in Österreich habe er schrittweise das Prinzip der Übermalung entwickelt, die in der Folge zu seinem Markenzeichen werden sollte, heißt es seitens des Museums und weiter: „Ursprünglich aus dem Surrealismus kommend, erweiterte Arnulf Rainer sein künstlerisches Repertoire um eine beeindruckende Vielfalt an Ausdrucksformen, zu denen Übermalungen, Überzeichnungen und gestische Malerei mit Hand und Finger zählten. Ikonischen Status erlangten seine ‚Face Farces‘ und ‚Body Poses‘, bei denen Rainer fotografische Selbstporträts mit dynamischen Malereigesten überarbeitete.“
Auch österreichische Politiker und Museumsleute nehmen tief bestürzt Abschied von Rainer. „Mit Arnulf Rainer verliert Österreich den letzten großen, ja größten Vertreter einer Kunst, die aus dem Informel kommend Malerei als radikale Gesellschafts- und Selbstkritik vorangetrieben hat. In der österreichischen Kunst blieb er ein Solitär, der – wiewohl unangefochten bewundert und höchst geschätzt – vielleicht erst zukünftig in seiner ganzen Dimension erfasst werden wird“, äußerte sich Stella Rollig, Generaldirektorin des Belvedere in Wien. „Mit ihm verliert Österreich eine der bedeutendsten Stimmen der Kunst nach 1945 und einen der radikalsten Erneuerer der internationalen Nachkriegskunst“, würdigte Klaus Albrecht Schröder, Geschäftsführer des Wiener Aktionismus Museums, den Verstorbenen. „Sein Werk war und ist für Generationen von Künstlern und Künstlerinnen Maßstab – weit über die Grenzen Österreichs hinaus: Arnulf Rainer prägt bis heute unser Verständnis für Radikalität und existenzielle Tiefe in der Kunst nach 1945. So kompromisslos und intransigent er in seiner Kunst und seinem Denken war, so warmherzig, großzügig und zugewandt war er als Mensch“, so Schröder weiter.
Da Rainer am 8. Dezember 1929 in Baden bei Wien zur Welt kam und hier sein Museum steht, reagierte auch das Land Niederösterreich mit großer Betroffenheit auf seinen Tod. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner drückte ihre Wertschätzung mit den Worten aus: „Mit tiefer Trauer verabschiedet sich das Land Niederösterreich von einem Ausnahmekünstler und einem bemerkenswerten Menschen. Arnulf Rainer war zweifellos ein Künstler von Weltklasse und zählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen Kunstschaffenden überhaupt. Wir sind stolz darauf, dass er sein Leben lang eine so enge Verbundenheit mit Niederösterreich pflegte. Arnulf Rainer war ein herausragender Botschafter unseres Landes in der ganzen Welt.“
Der österreichische Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler schloss sich dem an und sagte: „Arnulf Rainer war eine herausragende und zutiefst prägende Persönlichkeit der österreichischen und internationalen Kunst. Mit kompromissloser Konsequenz, großer künstlerischer Radikalität und einem vielfach ausgezeichneten Lebenswerk eröffnete er der Kunst neue, bis dahin ungeahnte Räume. Sein expressives, sensibles und zugleich eigenwilliges Schaffen stellte Konventionen infrage, provozierte und berührte - und inspirierte damit Generationen von Künstlerinnen und Künstlern. Ob seine Auseinandersetzung mit Art brut, seine Hinwendung zu Spiritualität oder das Oszillieren zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit: Arnulf Rainer ging stets kompromisslos an die Grenzen des künstlerisch und existenziell Erfahrbaren.“
Der eigenwillige und bedingungslose Charakterzug in seinem Wesen und in seinem Werk trat schon in seiner Schulzeit zutage. So besuchte Arnulf Rainer von 1940 bis 1944 die Nationalpolitische Erziehungsanstalt in Traiskirchen, verließ sie aber, weil er von einem Kunsterzieher gezwungen wurde, nach der Natur zu zeichnen. Auf Wunsch seiner Eltern ging er zuerst an die Baufachschule in Villach, die er 1949 trotz fehlender Motivation mit dem Abitur erfolgreich abschloss. Im selben Jahr wurde er an der Akademie für angewandte Kunst in Wien aufgenommen, die er wegen einer künstlerischen Kontroverse bereits nach einem Tag wieder verließ. Daher bewarb sich Rainer an der Wiener Akademie für bildende Künste, kehrte nach bestandener Aufnahmeprüfung der Hochschule aber wenige Tage später den Rücken, weil seine Arbeiten als „entartet“ bezeichnet wurden.
Sein Schaffen war zunächst vom Surrealismus und dessen Revolutionstheorien beeinflusst. Nach den diktatorischen Erfahrungen faszinierte ihn daran vor allem das Moment freien Phantasie. Doch als Arnulf Rainer mit seiner damaligen Lebensgefährtin Maria Lassnig 1951 in Paris André Breton, das Zentralgestirn der Bewegung, besuchte, war er davon so sehr enttäuscht, dass er sich von den Surrealisten abwandte. Hier entdeckte er aber den Tachismus und die gestische Kunst, die ihn in ihrer radikalen Ungegenständlichkeit überzeugten. Es entstanden erste abstrakte Bildformen, die Rainer als „Mikrostrukturen“ und „Atomisationen“ bezeichnete. Mit sparsamen Mitteln entwickelte er dann seine „Zentral- und Vertikalgestaltungen“ und baute die Zeichnungen aus wenigen, sich um ein Zentrum lagernden Strichbündeln auf. Aus Materialmangel nutzte Rainer in dieser Zeit erstmal fremde Bilder als Malgrundlage.
Ab Mitte der 1950er Jahre setzten seine „Reduktionen“ ein. Die Werkgruppe besteht aus strengen monochromen Schwarzbildern mit linear-geometrisch abgegrenztem Weißrest und wird als Vorstufe zu seinen berühmten „Übermalungen“ angesehen, die fortan sein Schaffen bestimmen sollten. Damit war Rainer der erste Künstler, der die Übermalung zu einer eigenständigen Kunstform erhob. Dabei nahm er sich existierende Bilder in unterschiedlichen Formen her und überzog das Motiv in einem gestischen Malakt mit abstrakten Farbschichtungen, bis das ursprünglich Vorhandene teils noch sichtbar blieb oder unter der Farbe ganz verschwand. „Ich male nicht, sondern ich bemale, übermale oder zermale, das heißt, ich brauche einen Auslösefaktor, etwas Existierendes, das ich bestalte“, sagte Arnulf Rainer 1972 über sein künstlerisches Tun. Dabei ging es ihm um die Wiederherstellung eines „reinen“ Zustands des Bildes. Indem er eine bereits existente Komposition mit einer neuen überdeckte, erreichte er zudem eine Symbiose von Altem und Neuem, wobei er sich immer wieder von der ursprünglichen Komposition inspirieren ließ.
Nach Drogenerlebnissen und Studien in psychiatrischen Kliniken begann Rainer ab Mitte der 1960er Jahre, Fotos der eignen Physiognomie und des eigenen Körpers zu übermalen. Die Suche nach der eigenen Identität und die Untersuchung der eigenen Körpersprache manifestierten sich in den Serien der grimassenhaften „Face Farces“ und „Body Poses“ mit verrenkten Posen, die Berührungspunkte zum Wiener Aktionismus aufweisen. In den Übermalungen des Ichs löschte er seine eigene Existenz aus, schuf sie im Malakt gleichzeitig wieder neu. Mit dem Österreichischen Staatspreis für Graphik im Jahr 1966 und der zwei Jahr später vom Museum des 20. Jahrhunderts, dem heutigen MUMOK, organisierten ersten großen Retrospektive wurde sein Schaffen international wahrgenommen. Es folgten unter anderem Einladungen zur Documenta in den Jahren 1972, 1977 und 1982. 1978 vertrat Rainer Österreich bei der Biennale von Venedig.
1981 erhielt Arnulf Rainer eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien, die er bis 1995 ausübte, und wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. 1989 widmete ihm das Guggenheim Museum in New York zum 60. Geburtstag eine Retrospektive, die erste für einen lebenden europäischen Künstler überhaupt. Zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen sollten seinen weiteren Schaffens- und Lebensweg säumen, darunter 1978 der Österreichische Staatspreis für Bildende Kunst, 1981 der Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt am Main oder 1989 der Preis des International Center of Photography in New York. Für sein künstlerisches Gesamtwerk wurde Rainer 2003 in Mönchengladbach mit dem auf 50.000 Euro dotierten Rhenus Kunstpreis geehrt, 2014 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich. Da die Kreuzform in seinem Schaffen eine wichtige Rolle spielt und es dadurch in der Nähe religiöser Themen verortet, verliehen ihm die Katholische Fakultät der Universität Münster 2004 und die Katholisch-Theologische Privatuniversität Linz 2006 die Ehrendoktorwürde.
Ebenfalls 2006 wurde ihm als erstem nicht spanischem Künstler der Aragón-Goya-Preis für sein Lebenswerk zuteil. Im April 2015 folgte das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse, 2019 das große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich sowie das silberne Komturkreuz des Ehrenzeichens für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich. Im April 2025 wurde sein Lebenswerk mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, der höchsten staatlichen Auszeichnung des Landes geehrt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen äußerte sich damals: „Wie nur wenige Künstler haben Sie die österreichische Malerei und Grafik der letzten Jahrzehnte und den Aufbruch der Kunst nach 1945 geprägt. Die, im besten Wortsinn, Radikalität Ihrer Herangehensweise und die hohe Emotionalität Ihres Schaffens sind heute so aktuell und fordernd wie eh und je. Ihre Bilder verhandeln die grundlegenden Fragen des Menschseins in einzigartiger Form und vermögen es ohne große Zwischenschritte, uns direkt an die Fundamente unserer Existenz zu führen.“
2009 wurde das ihm gewidmete Arnulf Rainer Museum in seinem Geburtsort Baden bei Wien eröffnet, das der Künstler mit Leihgaben und Schenkungen reich ausstattete. Es ist nun der Angelpunkt für sein Schaffen, stellt sein Œuvre unter verschiedenen Aspekten vor, setzt es in Beziehungen zu anderen Künstler*innen, aktuell etwa zur Art Brut, und will über Rainers Tod hinaus ein lebendiges Zeugnis seines immensen Beitrags zur modernen Kunst sein. |