 |  | Rong Rong, Untitled | |
„Die ideale Galerie hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, dass es Kunst ist, stören könnten. Sie schirmt das Kunstwerk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt.“ Und weiter: „Schattenlos, weiß, clean und künstlich – dieser Raum ist ganz der Technologie des Ästhetischen gewidmet“. Mit Sätzen wie diesen stellte der irisch-amerikanische, 2022 verstorbene Künstler und Theoretiker Brian O’Doherty in seinem 1976 erschienenen Buch „Inside the White Cube“ den Triumphzug der neutralen Zelle zum Prototyp des idealen Ausstellungsraumes auf den Prüfstand.
Dass man Kunst – in diesem Falle sind es Fotografien, ein Performance-Video und eine Mehr-Kanal-Videoinstallation – auch jenseits der weißen Zelle präsentieren kann, machen die Verantwortlichen einer Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen vor. „Into the Unseen. The Walther Collection“, so der Titel der sehenswerten Schau, entführt die Besucher*innen in ein dunkeltoniges Raumgefüge, das wie ein radikaler Gegenentwurf zum White Cube wirkt. Das Publikum trifft auf künstlerische Fotografien, die vor dunkelroten oder schwarzen Wänden zu schweben scheinen. Es wird in kleine intime Kabinette gelockt, die geheimnisvoll nach verkohltem Holz duften, und ganz am Ende des Rundgangs mit einer Sechs-Kanal-Videoinstallation des chinesischen Künstlers Yang Fudong konfrontiert, die einem dystopischen Szenario gleicht. Dieses passt gut in die Abfolge dessen, was diese rund um Spiritualität, Trauma, Körperlichkeit und Erinnerung oszillierende Ausstellung sonst noch auffährt.
Einladung zur intellektuellen Auseinandersetzung
„Into the Unseen“ ist im Gegensatz zu manchen früheren Ausstellungen mit leicht konsumierbarer Lifestyle- oder Modefotografie, die die Deichtorhallen in ihrem derzeit im Umbau befindlichen Haus der Photographie ausgerichtet haben, keine Schau mit trendigen Aufnahmen, die bloß zum genüsslichen Betrachten einlädt. Von den Gästen wird vielmehr die eigene intellektuelle Auseinandersetzung mit mitunter beunruhigenden, mystisch aufgeladenen Inhalten eingefordert. Und noch etwas Anderes: nämlich die Bereitschaft, hinter die Oberfläche des Gesehenen zu blicken. Die Kuratorinnen der Schau, Nadine Isabelle Henrich, seit Februar 2024 in den Deichtorhallen verantwortlich für das Haus der Photographie, und Tina Marie Campt von der amerikanischen Princeton University haben die Präsentation im engen Dialog mit dem Sammler Artur Walther konzipiert. Sie zitieren in diesem Zusammenhang die amerikanische Fotohistorikerin Shawn Michelle Smith: „Je mehr uns die Fotografie zeigt, desto deutlicher wird, wie viel wir nicht sehen und wie blind das Sehen eigentlich ist. Das optische Unbewusste der Fotografie ist ein unheimliches Gefühl – es offenbart uns, dass wir eine ungesehene Welt bewohnen.“
Die Bilder aus der Serie „Chasing Shadows“ des südafrikanischen Fotografen Santu Mofokeng vor den dunkelroten Wänden des ersten Raums sind denkbar gut dafür geeignet, diese These zu untermauern. Mofokeng, der bereits 2002 auf der von Okwui Enwezor kuratierten Documenta 11 einen beachtenswerten Auftritt hatte, beschäftigte sich hier mit den Motouleng-Höhlen, einer bekannten Pilgerstätte, die von Angehörigen so unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften wie Christentum, Buddhismus oder indigener Religionen für rituelle Handlungen genutzt wird. Sein von Mehrfachbelichtungen, bewusst eingesetzten Unschärfen und Schatten geprägter Stil entführt in eine Welt weit jenseits des rein Dokumentarischen. Insbesondere die eindringliche Aufnahme seines bereits erblindeten, von seiner HIV-Infektion stark gezeichneten Bruders, die kurz vor dessen Tod entstanden ist, entführt das Publikum in ein transzendentes Zwischenreich an der Schwelle vom Leben zum Tod.
Vom Investmentbanker zum leidenschaftlichen Fotografiesammler
Ohne das Zutun und die Beratung Okwui Enwezors wäre die Walther Collection in ihrer jetzigen Form nicht zustande gekommen. Der 1948 in Ulm geborene Artur Walther hat sich nach einer kurzen, aber sehr erfolgreichen Karriere als Investment Banker bei Goldmann Sachs in New York bereits 1994 in den Ruhestand verabschiedet. Nahezu zeitgleich begann er mit dem systematischen Aufbau einer Sammlung, in deren Zentrum zunächst Werke der sachlich-konzeptuellen Fotografie, etwa von Bernd und Hilla Becher, August Sander oder Karl Blossfeldt, standen. Durch seine intensive Reisetätigkeit in Asien und Afrika kam er aber schon früh mit außereuropäischer Fotografie in Kontakt. Insbesondere die Fotografen des afrikanischen Kontinents, die er seit 2004 auf mehreren gemeinsamen Reisen mit Okwui Enwezor entdeckte, weckten sein Interesse, größere Konvolute und Werkgruppen zu erwerben, sie von ausgewiesenen Expert*innen wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen und der internationalen Öffentlichkeit in aufwendig produzierten Ausstellungen und Katalogen zugänglich zu machen.
Die Walther Collection ist auch bekannt dafür, dass zu ihren Beständen große Konvolute sogenannter „vernakularer Fotografie“ zählen. Das ist ein Sammelbegriff für alle möglichen Formen nicht-künstlerischer Fotografie, darunter zum Beispiel Amateuraufnahmen aus privaten Fotoalben, wissenschaftliche Fotografie, Polizei- und Fahndungsfotos, Aufnahmen aus kommerziellen Fotostudios oder ganz einfach Passfotos. Dass das Anlegen von Fotoalben durch staatliche Stellen schnell zum Instrument von Kontrolle, Überwachung und Diskriminierung werden kann, demonstriert in der Ausstellung das 1885 erschienene Buch „Identification anthropométrique, instructions signalétiques“ des französischen Anthropologen und Kriminalisten Alphonse Bertillon. Es enthält zahlreiche detaillierte Aufnahmen von Strafverdächtigen und stellt die abstruse Behauptung auf, diese seien etwa anhand ihrer Ohrform als Täter identifizierbar.
Vom Verschwinden der Bilder
Ein Kapitel ist in der Hamburger Schau dem Thema „Fotografische Sedimente“ gewidmet. Das zentrale Exponat stammt hier von dem Japaner Munemasa Takahashi, Jahrgang 1980. Nach dem Tsunami vom 11. März 2011 sind von ihm und seiner Initiative mit dem Namen „Lost & Found Project“ rund 400.000 damals durch Meerwasser beschädigte Familienfotos digital restauriert worden. Eine Auswahl von über 1.500 nicht restaurierbaren Fotos hat Takahashi jetzt, fein säuberlich an Nylonfäden aufgefädelt und in Form einer Wolke von der Decke hängend, in einer begehbaren Installation zusammengefügt. Abstrakte Farbschleier verweigern sich hier der Lesbarkeit und offenbaren gerade so die Dimension der Katastrophe.
Eine Reihe von Exponaten ruft dann die in den frühen 1990er Jahren Furore machende, chinesische Performanceszene noch einmal ins Gedächtnis. Walther erwarb deren Werke bereits kurz nach deren Entstehung, zum Beispiel Cang Xins mittlerweile ikonische Aufnahme „To Add One Meter to an Anonymous Mountain“ aus dem Jahr 1995, die eine Gruppe aufeinandergestapelter, nackter Performer in einer nebelverhangenen Bergwelt zeigt. Ein Akt stillen Protests oder eher eine rituelle Handlung? In der intensivfarbigen, zwischen 1996 und 2006 entstandenen Serie „Communication“ stellt Cang Xin sein Kinn und seine herausgestreckte Zunge in den Mittelpunkt, die mit den unterschiedlichsten Objekten in Kontakt tritt, etwa mit einer brennenden Kerze, einer Tulpenblüte oder diversen kunsthandwerklichen Produkten. Getrieben ist er dabei von der Hoffnung, so mit jenen Geistern Kontakt aufzunehmen, von denen er glaubt, dass sie alle unbelebten Formen bewohnen.
Aus Abfall wird Konzeptkunst
Dass vermeintlicher Abfall aus einem Studio für Pass- und Bewerbungsfotos unendlich viel über Menschen aussagen kann, beweist dann die italienische Fotografin Martina Bacigalupo mit ihrer Arbeit „Gulu Real Art Studio“ von 2011/12. Sie machte die Beobachtung, dass ein professioneller Studiofotograf im Norden Ugandas seine Kund*innen für Passfotos zunächst immer in Form von Ganzkörperporträts aufnahm, um dann das Gesicht auszustanzen. Den Rest der Aufnahme warf er einfach weg. Bacigalupo machte aus den Überbleibseln eine konzeptuelle Arbeit und ein Buch. Dutzende Abzüge in der Hamburger Ausstellung thematisieren die auf einem Stuhl sitzenden, jetzt kopflosen Körper in ihrer individuellen Art, sich anzuziehen und zu positionieren. Das Resultat ist ein typologisches Porträt einer aus diversen Persönlichkeiten zusammengesetzten Gemeinde: Männer in schicken Businessanzügen oder einfacher Arbeitskleidung, in Uniform oder ganz leger. Dazu treten Frauen, in traditionelle afrikanische Stoffe gehüllt, im Nonnengewand oder ganz westlich im kurzen schwarzen Kleid. Aussagekräftig sind auch die Handhaltungen zwischen Lässigkeit, Anspannung und Langeweile. Die Gesichter jedoch fehlen. Bacigalupo lädt uns somit ein, im Sinne des Mottos der Schau ins Ungesehene einzutauchen und diese selbst zu imaginieren.
Yang Fudongs in beklemmender Film Noir-Ästhetik gedrehte Videoinstallation „East of Que Village“ aus dem Jahr 2007 ist am Ende des Parcours platziert. Sie entführt die Betrachter*innen in ein desolates Gelände ohne Aussicht auf Hoffnung. Von der menschlichen Zivilisation weitgehend aufgegebene Häuser und Industrieanlagen dienen einer Meute sich gegenseitig bedrohender streunender und halb verhungerter Hunde als dystopisches Biotop. Ein Sinnbild auch für die Abgründe menschlichen Verhaltens im Sudan, der Ukraine oder Gaza?
Die Walther Collection ist in ihrer Mischung aus Aufnahmen namhafter Fotografen wie Santu Mofokeng, David Goldblatt, Yto Barrada oder Eadweard Muybridge und vom etablierten Museumsbetrieb immer noch weitgehend übersehener, anonymer Alltags- und Gebrauchsfotografie in Umfang, Qualität und Tiefe wohl weltweit einzigartig. Ein Besuch der Hamburger Schau lohnt daher. Diese facettenreichen Fotografien, ergänzt um ausgewählte Videoarbeiten, werden demnächst wohl nur noch 7.500 Kilometer weiter westlich im New Yorker Metropolitan Museum zu bewundern sein. Doch Artur Walther gibt keineswegs seine gesamte Sammlung an das Haus an der Fifth Avenue. Am Rande der Hamburger Ausstellung verriet er, dass er sich durchaus mit dem Gedanken trägt, weitere Museen, vielleicht auch in Deutschland, mit Werkgruppen zu beschenken.
Die Ausstellung „Into the Unseen. The Walther Collection“ läuft bis zum 26. April. Die Deichtorhallen Hamburg haben dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie jeden 1. Donnerstag im Monat bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 9 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre ist er frei. Der Katalog aus dem Steidl Verlag ist in Vorbereitung. |