Beatriz González gestorben  |  | Beatriz González | |
Beatriz González ist tot. Wie ihre Galerie Peter Kilchmann in Zürich mittteilte, starb die kolumbianische Künstlerin am 9. Januar in Bogotá im Alter von 93 Jahren. Die Malerin gehörte zu den wichtigsten Figuren der Kunstszene ihres Landes und Südamerikas. In Europa war sie lange Zeit wenig bekannt, was sich aber mit ihrer Teilnahme an der Documenta in Kassel und Athen 2017 änderte. González’ Schaffen, das Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen umfasst, erstreckt sich über etwa 60 Jahre. Die stilisierte Formensprache ihrer figurativen Kunst verband sie stets mit der politischen und gesellschaftlichen Realitäten Kolumbiens, die von Instabilität, Korruption und Gewalt geprägt waren. Dabei griff González auf die aktuelle Politik, Medienrealität und Alltagsästhetik zurück. In der ihr gewidmeten Retrospektive im Berliner KW Institute of Contemporary Art waren 2018 auch ihre Adaptationen der europäischen Kunstgeschichte zu sehen, in denen sie etwa Manets „Frühstück im Grünen“ oder Leonardos „Mona Lisa“ zitierte. Durch die Aneignung kanonischer Motive und Sujets aus der europäischen Kunst setzte sie westliche und südamerikanische Traditionen in einen Dialog und formulierte damit die jeweilige Ikonografie neu.
Die 1932 in Bucaramanga im nördlichen Teil Kolumbiens geborene Malerin wuchs in der Zeit von „La Violencia“, der großen Unruhen der 1940er und 1950er Jahre, auf. Sie studierte Architektur und Malerei sowie Kunstgeschichte bei der argentinischen Kritikerin Marta Traba an der Universidad de los Andes in Bogotá. In den späten 1950er Jahren startete Beatriz González ihre künstlerische Praxis, die sich aus der Ikonenmalerei, kunsthistorischen Motiven, lokalen Stilrichtungen, massenmedialer Ästhetik aus Zeitungen und der Pop Art speiste, und thematisierte Alltagsszenen, öffentliche Protestrituale und Schauplätze eines kollektiven Schmerzes, etwa eine trauernde Familie am offenen Sarg eines verstorbenen Familienmitglieds.
Dabei arbeitete González häufig mit der Überformung von Bildern aus lokalen Zeitungen. In ihrem Gemälde „Los Suicidas Del Sisga“, einem ihrer frühen Hauptwerke aus dem Jahr 1965, machte sie erstmals einen Zeitungsausschnitt zur Grundlage eines Porträts: Sie vereinfachte Formen, betonte die Flächigkeit der Gesichter, wählte intensive Farbblöcke und malte das Bild eines Paares, das aus übergroßer Liebe gemeinsam Selbstmord beging. Somit verschränkte sie die massentaugliche Pop Art mit einer starkfarbigen Volkskunst. Fokussierte sich die westliche Pop Art auf das Konsumverhalten, nutzte González die Mittel der Strömung für eine Verbindung aus Folklore, Alltag, politischen Inhalten und Kritik. Auf Grundlage von Massenmedien verarbeitete sie auch Bodybuilder, Rennradfahrer, aber auch Mordopfer und brachte diese Menschen auf ihre Leinwände.
Später breitete sich ihre Malerei auch auf Möbeln, Tapeten und Vorhängen aus. Ende der 1970er Jahre, als ihre Heimat unter einer Scheindemokratie in bewaffneten Guerillakämpfen des linken und rechten Lagers zerrieben wurde, ließ Beatriz González auf einen meterlangen Vorhang das Bild des damaligen Präsidenten Julio César Turbay Ayala in Serie drucken, der halb betrunken auf einer Party feiert, während sein Land leidet. Sie widmete sich auch den verzweifelten Menschen in ihrem Land, etwa Indigenen mit abgewandten Gesichtern, die im Schmerz die Hände vors Gesicht schlagen, oder Toten, die aus einem Fluss gezogen wurden. In den „Wiwa Stories“ von 2014 stellte González die tragische Geschichte der kolumbianischen Ureinwohner der Wiwa auf einer Tapete dar. Damit unterzog sie die Trivialisierung der Gewalt und die Irrationalität der Macht einer kritischen Analyse. |