Rolf Neschs Kunst trifft in Stuttgart auf Nadira Husain und Ahmed Umar  |  | Rolf Nesch, Der Heilige Sebastian, 1941/42 | |
Das erste Mal seit fast sechzig Jahren zeigt das Kunstmuseum Stuttgart die Druckgrafiken und Reliefs von Rolf Nesch. In der Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“ erzählen die Kuratorinnen Eva-Marina Froitzheim und Antonia Rittgeroth mit ihnen eine Geschichte von kultureller Identität, Transformation und Migration und stellen die Arbeiten Neschs in einen Dialog mit Werken von Nadira Husain und Ahmed Umar. Als Ausgangspunkt nehmen sie die Migrationsbewegungen und ihre Folgen, die Länder und Gesellschaften zunehmend prägen. Auch in der bildenden Kunst spiegelt sich diese Tendenz wider, was von Forscher*innen „Kunstgeschichte der Migration“ oder „Ästhetik der Migration“ genannt wird. Durch die Gegenüberstellung der drei Œuvres, die sich innerhalb von unterschiedlichen zeitlichen, geografischen und kulturellen Kontexten mit dem Verlassen der Heimat auseinandersetzen, entfachen die Kuratorinnen einen zeitgenössischen Diskurs und werfen einen Blick über eine traditionelle, westlich orientierte Kunstgeschichte hinaus.
Rolf Neschs Werke sind unmittelbar von seiner Flucht nach Norwegen im Jahr 1933 geprägt. Seine Arbeitsweisen und Bildthemen verhandeln seine Erfahrungen als Fremder in einer neuen Umgebung. Gerade die nordische Landschaft mit ihren elementaren Naturkräften hinterließ eine tiefgreifende Wirkung in seinen Arbeiten. Dabei nutzte Nesch eine eigens entwickelte Metalldrucktechnik, um reliefartige Materialbilder zu schaffen. Nadira Husain behandelt das hybride Umfeld, das sie während ihrer Kindheit in einer französisch-baskisch-indischen Familie erlebt hat. Ihre Arbeiten vermitteln die Vielfalt der Gesellschaften, die als Folge der Migration entstanden sind, aus einer postmigrantischen Perspektive zweiter Generation. Husains Kunst ist multimedial und versucht, durch Collagen und malerische, skulpturale, installative oder textile Ergänzungen einen Raum zu schaffen, in dem verschiedene Realitäten koexistieren können.
Auch Ahmed Umar beschäftigt sich in seiner Kunst mit seinem Lebensweg, der ihn aufgrund politischer Verfolgung 2008 aus dem Sudan nach Norwegen führte. Seine Werke nehmen einen religiösen Standpunkt ein und diskutieren verschiedene Strömungen des Islams. Umar erzeugt durch die Verwendung von reflektierendem Glas, Abgüssen seiner Hände im Gebetsgestus und eigener Schriftzeichen, die der arabischen Kalligrafie nachempfunden sind, eine bildlich erfahrbare, persönliche Neuinterpretation des Glaubens seiner Heimat. Obwohl sich die Leben der drei Künstler*innen in vielen Aspekten unterscheiden, verbinden ihre Erfahrungen der Migration sie über die Grenzen von Raum und Zeit hinaus. So wie sich unsere Gesellschaft diesen Transformationen fügen muss, entwickelt sich auch die künstlerische Praxis mit der Zeit: Nesch, Husain und Umar konzipierten neuartige Techniken, wie das Metalldruckverfahren, um ihre vielfach geprägten Lebensrealitäten zum Ausdruck zu bringen.
Die Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen – Rolf Nesch, Nadira Husain, Ahmed Umar“ läuft bis zum 12. April. Das Kunstmuseum Stuttgart ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und freitags von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 11 Euro, ermäßigt 8 Euro. Für Personen unter 18 ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 25 Euro, im Buchhandel 30 Euro.
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1
D-70173 Stuttgart
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