 |  | Joan Oliva, Portolankarte, Marseille 1615 | |
Bereits zum 63. Mal findet am kommenden Wochenende die Antiquariatsmesse Stuttgart statt. Eine positive Überraschung! Denn zwischenzeitlich stand die Kontinuität dieser traditionsreichen Spezialmesse für seltene Erstausgaben, ikonische Buchobjekte, prachtvolle Handschriften, Manuskripte und Landkarten, alte und moderne Grafik, Vintagefotografien und signierte Künstlerbücher auf der Kippe. Mit einem frisch formierten Team, frischen Ideen sowie einem neuen Standort meldet sich die Messe jetzt umso kraftvoller zurück. Zudem setzt sie auf eine stärkere Internationalisierung als zuvor. Mehr als 70 Antiquariate aus elf Ländern werden am Neckar vertreten sein, darunter Händler aus Österreich, der Schweiz, Frankreich, Italien, Großbritannien, den Benelux-Ländern, Osteuropa und sogar aus den USA. Der Großteil der Aussteller kommt jedoch aus Deutschland.
Als neuen Veranstaltungsort hat sich die Antiquariatsmesse Stuttgart für das Kultur- & Kongresszentrum Liederhalle entschieden. Der markante brutalistische Bau am Berliner Platz steht unter Denkmalschutz und gilt als einer der wichtigsten Kulturbauten der deutschen Nachkriegszeit. Ein jüngeres Publikum dürfte durch das erweiterte Angebot, das nunmehr auch Künstlerbücher, Plattencover, Comics und moderne Kunst umfasst, verstärkt angelockt werden. Ganz neu auf der Messe ist nämlich die Sektion „Young Collectors Zone“ mit Waren aus den Bereichen Design, Musik, Kunst und seltenen Büchern, überwiegend zu erschwinglichen Preisen zwischen 50 Euro und 300 Euro. Damit auch die inhaltliche Komponente nicht zu kurz kommt, wartet die Antiquariatsmesse in diesem Jahr mit einem vielfältigen Rahmenprogramm auf. Talks, Podien und Gespräche laden zur vertieften Auseinandersetzung mit Büchern und anderen antiquarischen Papierobjekten ein. Unter dem Motto „Women & Bookcraft“ soll heuer erstmals die Rolle von Frauen in der Buchkultur eingehender beleuchtet werden.
In Zeiten, wo die Wohnungen jüngerer Menschen, auch der beruflich hochqualifizierten, meist eher mit großen Flatscreens als wandfüllenden Bücherregalen ausgestattet sind, haben Bücher, zumal wertvolle Erstausgaben, einen schweren Stand. Sollte man denken. Gleichzeitig gibt es aber eine gegenläufige Entwicklung. Offenbar gelangweilt von der Omnipräsenz des Digitalen, wenden sich gerade die Angehörigen der um das Jahr 2000 geborenen Generation wieder verstärkt den haptisch erfahrbaren Dingen zu. Vinylschallplatten, analoge Fotoapparate und eben auch ästhetisch ansprechende Bücher stehen bei einem Teil dieser Zielgruppe hoch im Kurs. Ausgewählte antiquarische Titel, gerade aus den Themenfeldern Fotografie, Architektur, Design und moderne Kunst, die zu erschwinglichen Preisen angeboten werden, sind da plötzlich wieder gefragt.
Im höherpreisigen Sektor dagegen werden bibliophile Käufer zunehmend von Investoren abgelöst. Denn gerade im angelsächsischen Raum hat ein wachsender Kreis jüngerer, gut verdienender Käufer erkannt, dass Erstausgaben, rare Bücher und Schriftstücke sich durchaus als Wertanlage eignen. Seltenheit, Signaturen, Erhaltungszustand und Provenienz spielen dabei eine wichtige Rolle. Umfangreiche Artikel, etwa in „How To Spend It“, dem Wochenendmagazin der „Financial Times“, versorgen diese Klientel mit dem nötigen Grundwissen. Seit Langem sind zudem Berühmtheiten wie Brad Pitt, Johnny Depp oder Patti Smith auf den an Fahrt aufnehmenden Zug aufgesprungen. Eine sorgfältig zusammengetragene Sammlung mit 220 antiquarischen Schätzen hat zum Beispiel auch die 2011 verstorbene britische Sängerin Amy Winehouse hinterlassen.
Dass es jetzt also darauf ankommt, auch hierzulande ein jüngeres und zahlungskräftiges Publikum an den Markt für Antiquarisches heranzuführen, konstatiert Balázs Jádi vom Verband Deutscher Antiquariate. Der Geschäftsführer des Berliner Auktionshauses Jeschke Jádi äußert sich dazu: „Wir haben erkannt, dass wir die Messe für ein zukünftiges Publikum, die ‚Next Generation‘-Buchliebhaber, mehr öffnen und ihnen auch ein interessantes, eigenes Programm bieten müssen. Mit einem eigenen Bereich, der „Young Collectors Zone“, und zahlreichen neuen Ausstellern, die zu den weltweit wichtigsten internationalen Antiquariaten zählen. Dieser Spagat ist eine besondere Herausforderung für uns gewesen.“ Jádi ist Mitglied im sechsköpfigen Messeausschuss, der sich für die diesjährige Ausgabe neu formiert hat und aus Mitgliedern des Verbandes Deutscher Antiquare e.V. besteht.
Was wird auf der Antiquariatsmesse Stuttgart zu sehen und zu erwerben sein? Das auf historische Landkarten und Atlanten spezialisierte Antiquariat Sanderus aus dem belgischen Gent präsentiert ein besonderes Sammelobjekt, das am oberen Ende der Preisskala angesiedelt ist. Es handelt sich um eine sogenannte „Portolankarte“, eine mit Text- und Bildinformationen ausgeschmückte Seekarte von Joan Oliva aus Marseille aus dem Jahr 1615, die der französische König Louis XIII. höchstwahrscheinlich einst als Hochzeitsgeschenk erhalten hatte. Vergleichbare Stücke werden zu Preisen im sechs- bis siebenstelligen Bereich gehandelt. Die Hamburger Buchhandlung Felix Jud, bei der sich auch der Buchfreund Karl Lagerfeld zeitlebens mit Gedrucktem versorgte, reist mit einer zweibändigen Erstausgabe von Thomas Manns Kaufmannsroman „Buddenbrooks“ an. Laut Besitzvermerk stammt diese aus der Hamburger Reederfamilie Carl Woermann. Das unsignierte Exemplar ist für 5.800 Euro zu haben, was einer hohen Wertsteigerung entspricht: Bei Erscheinen im Jahr 1901 kosteten die beiden Bände gerade einmal 14 Mark.
Für große Verehrer des Literaturnobelpreisträgers von 1929 dürfte vielleicht auch das in kräftigem Pinselstrich ausgeführte Thomas Mann-Porträt des Künstlers Hans Nickel (1916-1986) aus dem Jahr 1950 von Interesse sein. Es hängt beim Lüneburger Antiquariat Knöll für 2.800 Euro. Am Stand von Knöll ist außerdem ein Porträtfoto des Kölner Malers Gerhard Richter für 2.400 Euro erhältlich, signiert vom Fotografen Benjamin Katz und dem deutschen Malerstar. Eine weitere Trouvaille für Literaturliebhaber verbirgt sich beim Wiener Antiquariat Burgverlag: eine dreibändige deutsche Ausgabe von James Joyces „Ulysses“ aus dem Jahr 1927. Die altersbedingt leicht bestoßenen Bände sollen 4.000 Euro kosten.
Für Liebhaber der Beat Generation bringt Demian Books etwas Besonderes aus Antwerpen mit nach Stuttgart: nämlich drei Originalbriefe des Autors Jack Kerouac, die dieser zwischen 1964 und 1969 an den Herausgeber des Avantgarde-Magazins Labris, Jef Bierkens (1939-2025), geschrieben hat. Literaturfreaks können diese Schrifterzeugnisse für 15.000 Euro erwerben. Doch nicht nur Bibliophile werden auf der Stuttgarter Spezialmesse fündig. Für Liebhaber Neuer Musik offeriert das Budapester Musikantiquariat Adam Bosze ein Porträtfoto des Komponisten György Ligeti mit eigenhändiger Unterschrift, und Kühn Rare Books & Art aus Berlin präsentiert die achtteilige Grafikserie „Feuer im Weizen“ des Frankfurter Künstlers Thomas Bayrle mit explizit sexuellen Darstellungen. Das Exemplar 96/100 aus den Jahren 1970/71 verlangt 12.000 Euro. Ein Schmankerl packt Földvári Books aus Budapest auf der Messe aus: Das Gästebuch des Berliner Kunsthändlers Hugo Graetz, der gleichzeitig als Direktor der „Novembergruppe“ fungierte. Darin haben sich Künstlerinnen und Künstler nicht nur schriftlich, sondern häufig auch zeichnerisch verewigt, darunter der tschechische Expressionist Friedrich Feigl und seine deutschen Kollegen Jakob Steinhardt, Martel Schwichtenberg, Willy Robert Huth oder der Schweizer Wilhelm Schmid, der Graetz beim Cellospiel porträtierte. Der Preis liegt bei 45.000 Euro.
Zu den jüngeren Händlern gehört Roger Sonnewald. Er betreibt einerseits eine Galerie in München, andererseits führt er in Tübingen das traditionsreiche Antiquariat Heckenhauer, das 1823 gegründet wurde und bereits seit 1880 im Besitz der Familie Sonnewald ist. Es gilt als eines der ältesten Antiquariate Deutschlands. Der Schriftsteller Hermann Hesse absolvierte dort seine Buchhändlerlehre. Nach Stuttgart bringt Roger Sonnewald unter anderem einen Vorentwurf für das Plattencover des Albums „Radioactivity“ der Düsseldorfer Avantgardeband Kraftwerk aus dem Jahr 1972 mit. Die Mischtechnik aus Zeichnung und Collage stammt von Emil Schult, einem Meisterschüler Gerhard Richters, und ist mit 3.800 Euro veranschlagt. Traditionell wird die Antiquariatsmesse Stuttgart von allen etablierten deutschen Sammlern, aber auch einer internationalen Stammkundschaft etwa aus der Schweiz oder Großbritannien besucht. Bleibt zu hoffen, dass die Bemühungen der Veranstalter, verstärkt auf eine jüngere Klientel zuzugehen, sich in Zukunft auszahlen werden.
Die 63. Antiquariatsmesse Stuttgart läuft vom 23. bis zum 25. Januar im Kultur- & Kongresszentrum Liederhalle. Sie hat freitags von 11 bis 19:30 Uhr, samstags von 11 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. Parallel läuft vom 22. bis 24. Januar in der Musikhalle Ludwigsburg die 40. Antiquaria.
63. Antiquariatsmesse Stuttgart
Kultur- & Kongresszentrum Liederhalle
Berliner Platz 1-3
D-70174 Stuttgart |