Hans Ticha in Rostock  |  | Hans Ticha, Mannschaft, 1975 | |
Mit einer umfassenden Retrospektive würdigt die Kunsthalle Rostock aktuell das Schaffen von Hans Ticha anlässlich dessen 85. Geburtstag. Der am 2. September 1940 im nordböhmischen Bodenbach geborene Maler und Buchkünstler zählt zu den prägenden Gestalten der Nachkriegskunst in der DDR. Mit seinem markanten Stil, der zwischen Pop Art und Konstruktivismus angesiedelt ist, mit seiner präzisen Malweise, seiner starken Farbigkeit und seiner charakteristischen Formensprache kreiert Ticha Bilder, die sich durch eine feinsinnige Ironie auszeichnen. Dabei bewegt er sich durch eine Vielzahl von Themen und setzt sich mit Gesellschaft, Politik, Sport und Unterhaltung kritisch und humorvoll auseinander. Das macht Kuratorin Antje Schunke an über 120 Leihgaben deutlich, die sie aus wichtigen Museen wie der Neuen Nationalgalerie Berlin, dem Deutschen Historischen Museum Berlin, dem Haus der Geschichte Bonn und dem Sportmuseum Leipzig sowie aus Privatsammlungen ausgewählt hat, um die nach den Worten des Kunsthallen-Direktors Jörg-Uwe Neumann „bisher größte Werkschau zu präsentieren“.
Die Ausstellung startet mit seinem frühen Schaffen aus der Studienzeit an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee zwischen 1965 und 1970. Vor allem maritime Motive mit Booten, Fischern und Badenden am Ostseestrand kennzeichnen die 1960er Jahre. Schon hier nehmen seine Figuren die Form einer Kugel an, was Ticha den Beinamen „Kugelist“ einbrachte. Darauf folgen die berühmten Sportbilder mit dem Skandalgemälde „Mannschaft“ von 1975, das so gar nicht der Doktrin des Sozialistischen Realismus entsprach. Ticha, der sich damit der „westlichen“ Pop Art annäherte, stellt die Fußballmannschaft als uniforme, anonyme und emotionslose Masse dar. Die Gleichförmigkeit und Entindividualisierung wurde als versteckte Kritik am sozialistischen Gesellschaftsbild gelesen.
Seine sogenannten Politbilder wie „Klatscher“ oder „Mauer“ führen diese analytische Sicht auf das System seines Heimatstaates weiter. Hans Ticha musste sie daher ab Ende der 1970er Jahre im Verborgenen malen. Sie thematisieren das gesellschaftliche Leben in der DDR mit seinen erstarrten Ritualen und sinnentleerten Handlungen etwa auf Parteitagen der SED oder auf Demonstrationen zum 1. Mai. An eine Ausstellung dieser Werke war nicht zu denken; Ticha versteckte sie daher in seinem Berliner Atelier am Prenzlauer Berg. Erst nach der Wende fanden sie ein öffentliches Publikum auf der Biennale in Venedig. In der Wendezeit beschäftigte sich Hans Ticha dann mit dem neu erlangten Kommerz und der Werbewelt aus der Sicht eines Ostdeutschen. Auch nachdem er 1990 Ost-Berlin verließ und zunächst nach Mainz, dann nach Maintal ging, wo er heute noch lebt, hat er sich weiterhin kritisch zum Zeitgeschehen geäußert. Dafür stehen in der Rostocker Ausstellung aktuelle Gemälde wie „Wutbürger“ oder „Wir sind heute das Volk“.
Die Ausstellung „Hans Ticha. Retrospektive“ läuft bis zum 15. März. Die Kunsthalle Rostock hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 49 Euro.
Kunsthalle Rostock
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