Unbekannte Wegbereiterinnen der Moderne in Stade  |  | Exkursion der Hamburger Malschule Röver 1897 nach Neustadt in Holstein | |
Ein bisher wenig beachtetes Kapitel der norddeutschen Kunstgeschichte steht im Zentrum der aktuellen Schau des Kunsthauses Stade: die 1891 von Valeska Röver gegründete Malschule für Damen in Hamburg. Dafür hat sich Kuratorin Regina Wetjen auf eine intensive Suche begeben, Spuren der Schule in Hamburger Archiven verfolgt, Schülerinnen sowie Lehrerinnen und Lehrer, darunter Alma del Banco, Gretchen Wohlwill, Harriet Wolf, Lore Feldberg-Eber, Annemarie Ladewig, Minna Schwerdtfeger, Franz Nölken oder Charlotte Wilhelmine Niels, identifiziert und schließlich zahlreiche Werke in Privatsammlungen und Familiennachlässen ausfindig gemacht. So kann Wetjen Arbeiten von mehr als zwanzig Frauen präsentieren. Viele von ihnen sind heute kaum noch bekannt, ihre Lebenswege aber stehen exemplarisch für die Situation von Künstlerinnen um 1900: Sie arbeiteten in einer Zeit, in der rechtliche Vorgaben und gesellschaftliche Erwartungen fest in der Hand von Männern verankert waren. Darüber hinaus nimmt Wetjen das Umfeld der Malschule in den Blick, ihre Netzwerke sowie die Lehrkräfte, die bislang weder Gegenstand einer Ausstellung noch einer Publikation waren.
Valeska Röver, geboren 1849 im Hamburg, war private Schülerin des Malers Franz Skarbina in Berlin und besuchte zudem die Académie Julian in Paris. Als sie 1891 an der Stadthausbrücke in Hamburg ihre Kunstschule für Frauen aufbaute, waren die staatlichen Ausbildungsstätten noch ausschließlich Männern vorbehalten. Später verlegte Röver ihre Schule an den Glockengießerwall gegenüber der Hamburger Kunsthalle und damit ins Zentrum des Kunstgeschehens der Hansestadt. Der Aufbruch in die Moderne prägte das Unterrichtsprogramm. Röver engagierte junge Lehrkräfte, die sich mit den Techniken des Impressionismus und progressiven Bildmotiven auseinandersetzten, darunter Arthur Illies und Ernst Eitner. Auch Alfred Lichtwark, der berühmte Direktor der Hamburger Kunsthalle und Förderer des Impressionismus, unterstützte die Kunstschule und betreute das Unterrichtsprogramm. Rövers Ziel war es, die jungen Frauen zu einem eigenständigen beruflichen Weg als Künstlerinnen zu führen.
Im Herbst 1904 übernahm ihre ehemalige Schülerin Gerda Koppel die Leitung der Schule, die sie als Jüdin 1938 aufgeben musste und daraufhin nach Kopenhagen emigrierte. Dann trat Gabriele Stock-Schmilinsky, wiederum eine Schülerin Koppels, die Nachfolge an und führte die Schule bis 1954 weiter. Dass Rövers Institut über ein halbes Jahrhundert Bestand hatte und damit noch lange nach dem Jahr 1919, in dem Frauen erstmals offiziell an staatlichen Kunstakademien zugelassen wurden, zeigt, wie unverzichtbar dieser Raum war. Er bot jenen, denen andere Möglichkeiten verschlossen blieben, ein Umfeld, in dem sie den eigenen künstlerischen Ausdruck mit einer Gemeinschaft im Rücken entwickeln und entfalten konnten.
Die Ausstellung „Frauen machen Schule. Wegbereiterinnen der Moderne“ ist bis zum 25. Mai zu sehen. Das Kunsthaus Stade hat dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Zur Ausstellung erscheint ein 56seitiges Magazin.
Kunsthaus Stade
Wasser West 7
D-21682 Stade
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