Teppiche als Formen des Widerstands in Frankfurt  |  | in der Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand.“ | |
Erstmals nach 45 Jahren widmet sich das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main wieder dem Teppich. Der Schwerpunkt der Schau „Wolle. Seide. Widerstand“ liegt dabei auf zeitgenössischen Kunstproduktionen, in denen Teppiche als plakative Medien für gesellschaftspolitische Kommentare fungieren. Dafür hat Kuratorin Katharina Weiler Arbeiten von fünfzehn internationalen zeitgenössischen Künstler*innen ausgewählt, darunter von Faig Ahmed, Diedrick Brackens, William Kentridge, Noelle Mason, Otobong Nkanga, Erin M. Riley, Tsherin Sherpa, Nasan Tur und Jeroen van den Bogaert, die sich in ihren textilen Werken mit dem Thema des Widerstands auf vielfältige Art und Weise beschäftigen, sei es als politischer Widerstand, individuelle und kollektive Resilienz oder Resistenz. In ihren Bildteppichen geht es um Erzählungen über Gut und Böse, Dominanz und Gleichberechtigung, Krieg und Frieden, Paradies und Hölle, Realität und Illusion, Hoffnung und Pessimismus.
Mit ihrer Ausstellung will Katharina Weiler Teppiche nicht aus einem stilgeschichtlichen Blickwinkel betrachten, sondern sie vielmehr im Interesse einer Entwicklungslinie verstehen, die außerhalb einer traditionellen westlichen Teppichrezeption steht. Dabei fragt sie, was dieses Medium für die Künstler*innen so interessant macht, um über Widerstand nachzudenken und dabei mitunter verflochtene Themen durch Knoten, die Kette und den Schuss oder mit der Tuftpistole auszuloten. Das Konzept des Widerstands fordert eine eindeutige Positionierung, die klärt, gegen wen oder was man sich richtet. In dieser Ausstellung versteht sich Widerstand zunächst als eine Differenzerfahrung, die vielseitige ästhetisch-künstlerische Ausdrucksformen und eine Bandbreite an Inhalten liefert. So richtet sich das Aufbegehren etwa gegen Traditionalismus, illegitim empfundene Herrschaftsordnungen und Machtausübungen, Diskriminierung, Rassismus, Traumata oder Umweltzerstörung.
Alexandra Kehayoglou schuf ihre Landschaftsaufsicht „Paraná de las Palmas River“ aus getufteter Wolle im Jahr 2021. Der Abschnitt des Paraná-Flussdeltas im Nordwesten der Provinz Buenos Aires in Argentinien ist Teil eines wichtigen Ökosystems aus weitläufigen Feuchtgebieten, bietet eine Vielzahl verschiedener Lebensräume und beherbergt eine große Artenvielfalt. Menschliche Eingriffe führten in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Umweltschäden. So teilt sich der Teppich in zwei Bereiche: Findet sich zur Linken die üppige Vegetation einer scheinbar unberührten Natur, zeigen sich zur Rechten Spuren von Rodung, Landwirtschaft und Bebauung. Dennoch stechen in diesem beigefarbenen Gebiet einige grüne Inseln hervor, die auf die Resistenz und Anpassungsfähigkeit der Natur hinweisen. Tobias Rehbergers handgeknüpfter Teppich präsentiert „Dolores Huerta in Chinese teapot“. Fällt in diesem beinahe ungegenständlichen Farbespiel zunächst der abstrahierte Teekessel ins Auge, offenbart sich sukzessive aus dem textilen Relief eine Gestalt mit Hut und Megafon: Die einflussreiche US-amerikanische Gewerkschafterin und Bürgerrechtsaktivistin Dolores Huerta. Ihr gewaltfreier Widerstand gegen soziale Ungerechtigkeiten manifestiert sich in ihrem unermüdlichen Einsatz für die Rechte von Landarbeiter*innen, Frauen und anderen marginalisierten Gruppen.
Die Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand.“ läuft bis zum 24. Mai und hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigt 7 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist er frei. Der begleitende Katalog ist ab März im Museumsshop erhältlich.
Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
D-60594 Frankfurt am Main
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