Blicke auf Istanbul in Berlin  |  | Antonio del Pollaiuolo zugeschrieben, Der Großtürke Mehmed II. „El Gran Turco“, um 1470/75 | |
Das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin eröffnet morgen die Ausstellung „Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800“, in der die Metropole und ihre Bewohner*innen im Fokus stehen. Mit Zeichnungen, Druckgrafiken und Büchern veranschaulicht die Kuratorin Mailena Mallach die vielfältigen Verbindungen und Begegnungen zwischen Mitteleuropa und der Hauptstadt des Osmanischen Reichs in einem historischen und zeitgenössischen Kontext. Dabei spannt sie einen weiten zeitlichen Bogen von der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II. im Jahr 1453 bis hin zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Preußen durch die erste osmanische Gesandtschaft im Jahr 1763 und ergänzt sie um einige Positionen der Gegenwart. So hat Mallach etwa den rein ornamentalen Holzschnitt „Knoten mit herzförmigem Schild“ von Albrecht Dürer aus dem frühen 16. Jahrhundert, das Bildnis von Sultan Süleyman I., das der Däne Melchior Lorch um 1574 schuf, sowie das Aquarell „Eine Frau in türkischer Tracht“ von Jean-Baptiste Hilair aus dem Jahr 1778 und weitere Blätter aus dem Bestand des Kupferstichkabinetts ausgewählt, die von Bewunderung und Ehrfurcht gegenüber den unbekannten Nachbarn künden.
Allerdings fragt Mallach in den einzelnen Teilen der Ausstellung „Berührung“, „Reisen“, Krieg“, „Propaganda“ und „Orientalismus“ nach der Perspektive von Künstler und Publikum. Im Zentrum stehen die Darstellungen Istanbuls des deutsch-französischen Architekten Anton Ignaz Melling, indem sie einen Diskurs über Perspektive und Wirklichkeit initiieren. Melling lebte mehrere Jahre am Bosporus und war dort für Sultan Selim III. und dessen Halbschwester Hatice Sultan tätig. Seine Ansichten der Stadt wurden letztendlich als Kupferstiche in Paris veröffentlicht. Diesen Dokumentationen, die laut Orhan Pamuk den wohl schönsten Blick auf Istanbul bieten, weil sich hier Innen- und Außensicht durchdringen, ist eine topografische Karte von Istanbul vorangestellt, auf der Melling seinen Standort und den Radius seines Sehfeldes markierte, was Überlegungen zum Verhältnis von Perspektive und Wirklichkeit erlaubt. In Werken wie „Voyage Pittoresque De Constantinople: Grand Place de l’Hippodrome“ von 1819 wird ersichtlich, wie Melling detailreiche, glaubwürdige Szenerien kreierte, die dennoch fantasievoll ausgeschmückt sind.
Der Politikwissenschaftler und Autor Ozan Zakariya Keskiniliç bietet den Besuchern einen zeitgenössischeren Zugang zu den Werken, indem er während der Laufzeit der Ausstellung Miniaturen zu den einzelnen Arbeiten verfasst. Auch andere jüngere Meinungen sind durch die Künstlerinnen Nevin Aladag, Isil Egrikavuk oder Esra Gülmen vertreten. Ihre Arbeiten setzen sich mit den Themengebieten Heimat und Identität sowie Klischee und Bildmacht auseinander. So zeigt Aladags Werk „Stiletto/Wild World“ aus dem Jahr 2017 eine Kupferplatte, die während einer Performance über weibliches Empowerment mit High Heels geprägt wurde. Sie zeugt von der Möglichkeit, eigene Spuren zu hinterlassen und bestehende Bilder zu beeinflussen. Gülmen widmet sich in Zeichnungen wie „Do Women have to Wear a Hijab in Turkey“ von 2019 den Themen Sprache und der Macht von Vorurteilen. Laut Mallach entsteht „im Zusammenspiel mit den historischen Kunstwerken ein Reflektionsraum für Themen der Gegenwart“.
Die Ausstellung „Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800“ läuft vom 13. Februar bis zum 31. Mai. Das Kupferstichkabinett hat Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Für Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei.
Kupferstichkabinett – Staatliche Museen zu Berlin
Matthäikirchplatz 4/6
D-10785 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 266 42 42 42 |