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Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen widmet Giorgio Morandi eine Werkübersicht und feiert ihn als großen Einzelgänger der modernen Malerei

Unaufgeregte Ruhe



Giorgio Morandi, Natura Morta, 1959

Giorgio Morandi, Natura Morta, 1959

Dem Italiener Giorgio Morandi haftet das Etikett „Flaschenmaler“ an, was aus seinem individuellen, stark reduzierten thematischen Schwerpunkt auf Stillleben aus Gefäßen resultiert. 1890 in eine kleinbürgerliche Familie Bolognas hineingeboren, ermöglichte ihm das väterliche Erbe ein Studium an der Accademia di Belle Arti seiner Heimatstadt. Daneben befasste er sich intensiv mit den künstlerischen Tendenzen seiner Zeit, insbesondere mit Paul Cézanne, dem Futurismus und Kubismus sowie der Pittura metafisica. Unverheiratet lebte Morandi fast mönchisch bis zu seinem Tod infolge von Lungenkrebs im Jahr 1964 im elterlichen Haus in Bologna zusammen mit seinen drei gleichfalls alleinstehenden Schwestern. In seinem als Wohnzimmer dienenden Atelier entwickelte er neben Landschaften und Stillleben mit Blumen eben auch solche mit sorgsam arrangierten häuslichen Objekten, die ihm hohe Reputation einbrachten und die namentliche Zuordnung anhefteten. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit der Arbeit als Zeichenlehrer von 1914 bis 1930 sowie der anschließenden, bis 1956 währenden Tätigkeit als Grafikprofessor an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte.


Obgleich sich die Ausstellungen mit dem stetig wachsenden Ruhm auch im Ausland häuften, verließ er 1956 nur einmal die Heimat zu einer Reise in die Schweiz anlässlich einer Personale im Kunstmuseum Winterthur. Im Jahr zuvor war er bereits auf der Documenta 1 in Kassel präsent. Selbst an der Verleihung des Rubenspreises in Siegen nahm er 1962 persönlich nicht teil. Nun würdigt ihn ebendort das Museum für Gegenwartskunst mit einer großen Retrospektive, die sein Schaffen in einen Zusammenhang mit korrespondierenden modernen und zeitgenössischen Kunstpositionen bringt. Christian Spies hat dazu rund 80 Arbeiten Morandis, überwiegend Ölgemälde, aber auch Radierungen, Aquarelle oder Bleistiftzeichnungen, vereint. Allein 28 darunter stammen aus dem Fundus der Hauspatronin Barbara-Lambrecht Schadeberg. Eine Reihe von Werken ist erstmals öffentlich ausgestellt. Hinzu kommen 35 dialogisch zur Seite gestellte „Resonanzen“.

In den Fokus seiner Präsentation hat Spies in elf thematischen Abschnitten Arbeitsprinzipien und Ableitungen von Morandis Kunst gerückt, in denen ältere, aber auch jüngere, in der Methodik verwandte Auffassungen aus Malerei, Fotografie und Skulptur Vorläufer und Nachhall bilden. Mit „Natura Morta“, was im Italienischen für „tote Natur“ steht, titulierte Morandi die leb- und regungslosen, in langen Prozessen genau austarierten Anordnungen häuslicher Alltagsgegenstände, insbesondere Vasen, Krüge, Töpfe, Flaschen oder Dosen, die wiederholt in stimmigen Gruppen neu aufeinandertreffen. Dabei ragt immer wieder eine große Schnabelkanne stolz in die sonst leere obere Bildhälfte. Auch Claude Monet reihte in einem Pfirsichstillleben farbige Dosen ähnlich wie Morandi in angepassten Formaten im Vordergrund auf.

Neben dieser Motivik erweisen sich die Landschaften als aufschlussreich. Diese sogenannten „Paesaggi“ bilden zahlenmäßig den zweitgrößten Werkkomplex. Hier tritt besonders die Auseinandersetzung mit Malern der Pariser Moderne hervor. Bildern Paul Cézannes und der Kubisten verpflichtet, reduzierte Morandi die hügelige Topografie auf einfache Formen ohne Details und auf klare Kontraste und führte flächige Mauern und besonnte Hausteile bis an die Grenze der Abstraktion. Wie Morandi im Gemälde „Cortile di via Fondazza“ von 1959 Gustave Caillebottes Rauchsäulen in dessen Werk „Verschneite Dächer in Paris“ von 1878 in Feldern zu fassen versucht, zeugt augenfällig von der Inspiration und Fortschreibung.

Aquarelle verdeutlichen im Folgenden das Durchprobieren von Farbkontrasten sowie die Übergänge von Objekt und Grund, in denen Zwischenzonen selbst zur Figur werden. Hinzukommen Experimente mit Linien als abgrenzende und strukturierende Elemente sowie mit Schraffuren, um Kolorit und Tiefenwirkung zu erzeugen. Recht grob wirken dann die „Fiori“. Giorgio Morandi inszenierte seine Blumenstillleben nicht als prachtvolle überbordende Bouquets in Prunkvasen, sondern mit gedeckten Farbtönen unspektakulär als begrenztes, ebenso wie in seinen anderen Motivgruppen zurückhaltendes und konzentriertes Formenspiel. Dies gilt auch für die wenigen Porträts.

Die letzten Säle widmen sich formalen Experimenten, Wiederholungen und Differenzen in Morandis sachbezogenen Stillleben. Wiederholt rücken in den akribisch austarierten Arrangements Objekte wie etwa die große Schnabelvase oder eine Kaffeekanne mit blauen Rändern ins Blickfeld. Unterschwellig treten dabei verschiedene Schaffensphasen hervor, in denen sich Morandi zurückhaltend an allgemeinen künstlerischen Entwicklungen orientierte. Nach der Zerklüftung von Oberflächen kehrte er in einer metaphysischen Periode zu einem glatten, nüchternen Farbauftrag zurück. Schnittige Formen und helles Kolorit durchziehen die 1920er Jahre. Im Anschluss beherrscht ein mehr und mehr dunkel abgetöntes Farbspiel die Werke, bevor sich ab 1950 sein Bilder teils spürbar aufhellen. Konturlos sowie licht abgesetzt, fügte Giorgio Morandi rote oder blaue Behältnisse oder einen gelben Lappen in die klaren Formen und Bildstrukturen ein. Wechselwirkungen von Licht und Formen zueinander oder schattenspendende Konturen lassen das visuelle Geschehen ins Zentrum der Bildidee rücken.

Einige zeitgenössische Positionen belgeiten die Auswahl und antworten auf Morandis Kunst. Peter Dreher malte tausendfach ein singuläres Wasserglas, um kleinste Veränderungen der Spiegelungen oder des Lichteinfalls zu erforschen. Aber auch Verbindendes und Trennendes zu Haltungen abstrakter Malerei sind zu erleben. Während Morandi spielerisch Varianten innerhalb eines Systems von Konstanten analysierte, konzentrierte sich etwa Josef Albers strikt auf Farbwerte in neutraler Quadratform. Am Ende der Ausstellung steht ein Besuch in Morandis Atelier in der Form des Filmes „Day for Night“ von Tacita Dean. Aufmerksam richtet sie ihren Blick auf die Arbeitsmaterialien und Objekte und verwandelt mittels langer Belichtungen die Gegenstände, den Staub, die Stille und das Licht in eine kontemplative Hommage an Morandis Welt, die Verborgenes und Gewesenes ins Bewusstsein rückt.

Die Ausstellung „Giorgio Morandi. Resonanzen“ ist bis zum 22. März zu sehen. Das Museum für Gegenwartskunst in Siegen hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5,90 Euro, ermäßigt 4,60 Euro. Zur Ausstellung ist ein kostenloses Begleitheft erschienen. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

Kontakt:

Museum für Gegenwartskunst Siegen

Unteres Schloss 1

DE-57072 Siegen

Telefon:+49 (0271) 405 77 10

Telefax:+49 (0271) 405 77 32

E-Mail: info@kunstmuseum-siegen.de

Startseite: www.kunstmuseum-siegen.de



23.02.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Giorgio Morandi, Natura Morta, 1962
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Josef Albers, Huldigung an das Quadrat: Glühendes Zentrum, 1956
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Anna und Bernhard Blume, Vasenextase, 1987
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Tacita Dean, Day for Night, 2009
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Gustave Caillebotte, Verschneite Dächer in Paris, 1878
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Giorgio Morandi, Cortile di via Fondazza, 1959
Giorgio Morandi, Cortile di via Fondazza, 1959







Giorgio Morandi, Natura Morta, 1962

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Josef Albers, Huldigung an das Quadrat: Glühendes Zentrum, 1956

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Anna und Bernhard Blume, Vasenextase, 1987

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Tacita Dean, Day for Night, 2009

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Gustave Caillebotte, Verschneite Dächer in Paris, 1878

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Giorgio Morandi, Cortile di via Fondazza, 1959

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Giorgio Morandi, Natura Morta, 1960

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Giorgio Morandi, Natura Morta, 1956

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Giorgio Morandi, Natura Morta, 1952

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Giorgio Morandi, Natura Morta, 1929

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Giorgio Morandi, Paesaggio, 1935

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Giorgio Morandi, Fiori (Natura Morta), 1942

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