Giulia Andreani in Berlin  |  | Giulia Andreani, Paint Unbidden (Palimpsest), 2025 | |
Mit einer Ausstellung zu Giulia Andreani startet der Hamburger Bahnhof in Berlin heute in sein Jubiläumsprogramm zu seinem 30jährigen Bestehen. Dafür haben sich die Museumsdirektoren Sam Bardaouil und Till Fellrath das Schaffen der 1985 geborenen Italienerin ausgesucht und widmen ihr die institutionelle Einzelausschau in Deutschland. In den 32 Gemälde und vier Skulpturen der Präsentation legt Andreani, die Malerei an der Accademia di Belle Arti in Venedig und Kunstgeschichte der Gegenwart an der Sorbonne in Paris studiert hat, Brüche in gängigen Geschichtsschreibungen offen. Ihr geht es dabei um das Spannungsfeld zwischen autoritären Figuren und vergessenen Gestalten der Vergangenheit. Oft sind es Frauen, die in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen: Fabrikarbeiterinnen, Krankenschwestern, Feuerwehrfrauen, Bahnarbeiterinnen oder alleinerziehende Mütter, aber auch marginalisierte Künstlerinnen.
Ausgangspunkt ihrer figurativen, monochromen Gemälde sind alte Fotografien oder anderes vorhandenes Bildmaterial. Dafür recherchiert Giulia Andreani in Archiven, Bibliotheken, Dokumentensammlungen, Filmen oder Familienalben. Wie die Dadaisten um Hannah Höch kreiert sie daraus zunächst Fotomontagen, überträgt die Zeiten und historische Zusammenhänge übergreifenden Vorlagen dann allerdings auf die Leinwand, so dass die zugrundeliegende Montage unsichtbar wird. Mit diesen Eingriffen destabilisiert Andreani die Autorität des Archivs, legt dessen Leerstellen und Widersprüche offen und entwickelt eine neue „Geschichte“, die sich jeweils nach Blickwinkel ändern kann. Dabei malt sie ausschließlich in „Paynesgrau“, einem grauen Farbton, den sich der Londoner Aquarellmaler William Payne Ende des 18. Jahrhunderts patentierten ließ. Dieses „Paynesgrau“ erinnert an die Farbigkeit historischer Fotografien und ruft Assoziationen mit Vergangenheit und Erinnerung hervor.
Ihre Arbeiten enthüllen Geschichte und Geschichten, thematisieren kollektives Vergessen und öffnen im Verschmelzen mehrerer Schichten neue Bedeutungsebenen für die Gegenwart. So verknüpft Andreani in ihrem Gemälde „Paint Unbidden (Palimpsest)“ von 2025 Archivbilder zu einer collageartigen Bildkonstellation, die Personen über Zeit- und Ortsgrenzen hinweg miteinander in Beziehung setzt: Im Zentrum steht die italienische anarchistische Schriftstellerin und Verlegerin Leda Rafanelli (1880-1971), die US-amerikanische Malerin Georgia O’Keeffe (1887-1986) erscheint im hohen Alter beim Vorbereiten von Kräutern, und der deutsche Künstler Sigmar Polke (1941-2010) sucht nach halluzinogenen Pilzen, während die britische Suffragette Edith Garrud (1872-1971) die japanische Kampfkunst Jiu-Jitsu trainiert. Wie auf einem Palimpsest, einem mehrmals überschriebenen Manuskript, vereinigt das Gemälde Spuren mehrerer Lebensgeschichten und erzeugt eine unwirkliche Realität, die aus der Zeit gefallen scheint.
Die Ausstellung „Giulia Andreani. Sabotage“ läuft vom 27. Februar bis zum 13. September. Der Hamburger Bahnhof hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags erst ab 11 Uhr und donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr ist der Besuch kostenlos. Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Ausgabe der Katalogreihe des Museums für 12 Euro.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart
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