Harry Kramer in Kassel Noch bis zum kommenden Sonntag gibt die Neue Galerie in Kassel einen Einblick in das Schaffen von Harry Kramer. Anlass für die Schau, für die sich das Documenta Archiv, Hessen Kassel Heritage und das Museum für Sepulkralkultur zusammengetan haben, ist der 100. Geburtstag des Künstlers im vergangenen Jahr. Kramer, der am 25. Januar 1925 in Lingen an der Ems zu Welt kam, zählt zu den schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Stadt Kassel. Hier agierte er als Kunstprofessor, Documenta-Teilnehmer und Initiator der Künstler-Nekropole im Habichtswald. Aus seinem vielgestaltigen Œuvre präsentiert das mit Birgitta Coers, Martin Groh und Gerold Eppler besetzte kuratorische Team kinetische Plastiken, Filme, Fotografien und Grafiken aus allen Schaffensphasen und lädt dazu ein, Kramers künstlerisches Werk und sein Wirken in der Stadt neu zu entdecken, als Individualist zwischen den Disziplinen, als ein Wegbereiter der Kinetik, als Initiator gesellschaftsbezogener Kunstprojekte.
Der gelernte Friseur Harry Kramer betrat die Bühne der bildenden Kunst Anfang der 1950er Jahre als künstlerischer Autodidakt. Nach seiner Ausbildung und dem Kriegsdienst war er zunächst vier Jahre lang als Tänzer und Schauspieler tätig, ehe er 1952 die Arbeit an seinem „Mechanischen Theater“ aufnahm. 1956 zog er in die pulsierende Kunstmetropole Paris, dann folgten Aufenthalte in den USA, Ausstellungen und eine Gastdozentur an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Zeitlebens experimentierfreudig und unkonventionell changierte sein Schaffen zwischen den Ausdrucksformen der bildenden und der darstellenden Künste. Die Nähe zu Theater, Zirkus, Jahrmarkt und Spektakel zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Auf frühe Figurinen für sein „Mechanisches Theater“ folgten in den 1960er Jahren preisgekrönte Experimentalfilme und erste „Automobile Skulpturen“.
Internationale Aufmerksamkeit erlangte Harry Kramer schließlich mit seinen geknoteten Drahtplastiken. Die filigranen, mechanisch animierten Gebilde, die er ab 1961 in Paris entwickelte, bestückte er mit Zahnrädern, Gummibändern, Klingeln, kleinen Kugeln, Hämmerchen oder Glöckchen und setzte sie mit einem Elektromotor ruckartig in Bewegung. Mit diesen kleinen wuseligen Kosmen sorgte er auf der Documenta 3 im Jahr 1964 für Aufsehen. Die Sektion „Licht und Bewegung“ mit der Düsseldorfer Gruppe ZERO, dem Schweizer Jean Tinguely und weiteren Pionieren der Kinetik wurde zur Sensation, Kramers Plastiken avancierten zur Entdeckung der Ausstellung. Ein neues Kapitel begann 1970 mit seiner Berufung zum Professor für Bildhauerei an der Gesamthochschule Kassel. Nach und nach gab er die eigene bildhauerische Arbeit zugunsten gemeinschaftlicher künstlerischer Projekte mit Studierenden auf: Das „Atelier Kramer“ war geboren. Unkonventionelle Lehrmethoden, die bewusste Auflösung von Gattungsgrenzen und kollektive Aktionen prägten sein mehr als zwei Jahrzehnte währendes Wirken als Hochschullehrer. Sein letztes Projekt war die Nekropole in Kassel, ein Künstlerfriedhof für namhafte Künstlerinnen und Künstler, den er zu großen Teilen aus seinem eigenen Kapital und dem Verkauf des „Mechanischen Theaters“ finanzierte. Nach seinem Tod am 20. Februar 1997 wurde Harry Kramer selbst anonym auf dem Gelände am Habichtswald bestattet.
Die Ausstellung „In Bewegung. Harry Kramer, Kassel und die documenta“ ist noch bis zum 8. März zu sehen. Die Neue Galerie von Hessen Kassel Heritage hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, jeden vierten Freitag im Monat zusätzlich bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei.
Hessen Kassel Heritage – Neue Galerie
Schöne Aussicht 1
D-34117 Kassel
Telefon: +49 (0)561 – 316 80 400 |