Julia Heyward in Münster  |  | Julia Heyward, This Is My Blue Period, 1977 | |
Viel Resonanz auf das Schaffen von Julia Heyward gab es in Deutschland bisher nicht. Nun widmen sich gleich zwei Kunstvereine der 1949 geborenen Performancekünstlerin, Musikerin und Stimmakrobatin und zeigen ihre ersten institutionellen Einzelpräsentationen außerhalb ihres Heimatlandes USA. Nach dem Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft ist am Wochenende auch der Westfälische Kunstverein in Münster in das Ausstellungsdoppel eingestiegen. Dabei nehmen die Kuratorinnen Theresa Roessler und Vivien Kämpf in der Münsteraner Schau „Voices of Many Voices“ vor allem Heywards frühe Solo-Performances in den Blick, beleuchten ihren stark sprachbasierten wie transdisziplinären Ansatz, haben dazu Fotografien, Videoarbeiten, Storyboards und Alben versammelt und gehen damit auf die Manipulation von Sprache und die Modulation der Stimme in Heywards Werk ein.
Mit ihrer Kunst, die visuelle, performative, akustische und neuerdings auch skulpturale Ausdrucksformen experimentell kombiniert, gehört Julia Heyward zu den Protagonisten den New Yorker Undergroundszene in den 1970er und 1980er Jahren. In der Verbindung von Kehlkopfgesang, komödiantischem Bauchreden, Vaudeville-Theater, Spoken-Word-Poetry und Soundeffekten hat sie eigenständige Performances entwickelt, in denen sie assoziativ Fragen nach Geschlecht, Familie, Herkunft und Klasse, religiösen Überzeugungen und immer wieder die eigene Person behandelt. Ihre Aufführungen integrieren von Beginn an Live-Musik, Videoprojektionen und später interaktive Visuals, die mühelos zwischen den Grenzen von Performance, Konzert und Theaterinszenierung wechseln. Die eigenwillige Orchestrierung von Musik, Bild und Sprache bewegt sich in ihrer Gleichzeitigkeit von Gegensätzen irgendwo zwischen einem Abstieg unter die Schwelle des Bewusstseins, psychosexuellen Verdrehungen und der humoristischen Mystifizierung des Selbst.
In einer Zeit, in der Minimal Art und Konzeptkunst vorherrschten, priorisierte Julia Heyward in ihrem Schaffen Narration und Emotion, was in ihrem Fall immer auch die Thematisierung von Verletzlichkeit, den psychischen und physischen Folgen von Missbrauch, Scham und Traumata inkludiert. Auch die medienkritische Auseinandersetzung mit Mechanismen der Massenmedien und ihren jeweiligen Sprachformen nimmt einen Schwerpunkt bei ihr ein. Neben autobiografischen Bezügen setzt Julia Heyward eine unpersönliche, anonymisierte Sprache ein, die sicherheitsrhetorische und propagandistische Formeln, Slang, kulturelle Codierungen und Textfragmente aus Fernsehen und Popmusik zitiert und auf unmittelbare emotionale Wirkung zielt.
Die Ausstellung „Julia Heyward – Voices of Many Voices läuft bis zum 31. Mai. 2026. Der Westfälische Kunstverein in Münster hat mittwochs bis sonntags von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro.
Westfälischer Kunstverein
Rothenburg 30
D-48143 Münster
Telefon: +49 (0)251 – 39 49 630 |