 |  | Thomas Bayrle, VW-Käfer (blaue Version), 1969 | |
Die Kunst von Thomas Bayrle entfaltet sich aus der Idee der Wiederholung. Aus unzähligen kleinen Motiven entstehen Bilder, die aus der Ferne klar und monumental wirken, aus der Nähe aber in ihre Einzelteile zerfallen. Zwischen Popästhetik, religiöser Ikonografie und den Rhythmen moderner Massenproduktion hat Bayrle eine Bildsprache entwickelt, die ebenso hypnotisch wie kritisch ist. Jedoch wird seine künstlerische Handschrift, die sich in den 1960er Jahren herausbildete, erst vor seinem biografischen Hintergrund lesbar. Thomas Bayrle ist gelernter Musterzeichner und Weber und kam hier mit der seriellen Struktur von Stoffdessins und dem gleichbleibenden, repetitiven Sound von Webstühlen in Berührung, ehe er von 1958 bis 1961 seine Ausbildung an der damaligen Werkkunstschule in Offenbach am Main fortsetzte. Als freischaffender Künstler in Frankfurt am Main finanzierte er sich zunächst als Verleger und Drucker von Künstlerbüchern oder Werbeplakaten. Auf diesem Weg nutzte Bayrle als einer der ersten deutschen Kreativen in den 1980er Jahren neue Bildgenerierungsmöglichkeiten wie Computer, Drucker und Fotokopierer.
Seine Kunstwerke basieren hauptsächlich auf seriellen Prozessen, in denen ein Bildzeichen maschinell reproduziert und manuell angeordnet wird, bis ein neues Gesamtbild entsteht. Dank dieser unverwechselbaren Handschrift gehört Thomas Bayrle mittlerweile zu den bedeutendsten Pop Art-Künstlern in Deutschland. Einen solchen Kultstatus wie seine Künstlerkollegen Gerhard Richter oder Sigmar Polke hat Bayrle jedoch bisher nicht erreicht. Der Kulturspeicher in Würzburg widmet dem Künstler nun die Einzelausstellung „Thomas Bayrle – Stadt, Land, alles im Fluss“ und präsentiert Arbeiten, die sich mit Natur, Urbanität oder Mobilität beschäftigen und damit Themen, die laut Kurator und Museumsdirektor Marcus Andrew Hurttig Bayrles Schaffen seit Jahrzehnten prägen und zugleich symptomatisch für die Topografie und Stadtgeschichte Würzburgs stehen.
Die Ausstellung gibt mit rund 70 Exponaten einen Überblick auf das Gesamtwerk des Künstlers, angefangen mit berühmten Arbeiten wie „Kikeriki / Cock-A-Doodle-Doo“ von 1969 bis hin zu jüngsten Werken aus den vergangenen Jahren. Sein frühes Schaffen ist stark von den Konsumgütern inspiriert, die die westlichen Industrienationen als Teil der Werbekultur seit der Nachkriegszeit überfluten. Mit einer scheinbar affirmativen, hintergründig aber ironischen und skeptischen Haltung äußert Thomas Bayrle so Kritik am Kapitalismus. Dieser Themenfokus lässt ihn primär als Pop Art-Künstler in Erscheinung treten. Arbeiten wie „Der Butteresser“ oder „Die Tassenfrau“ schuf Bayrle in der Technik der „Superform“, bei der ein ständig reproduziertes Bildpartikel letztendlich in ein anderes Sujet übergeht. Mit „Supersuperform“ beschreibt er Werke, in denen das Gesamtbild aus dem ursprünglichen, vielfach reproduzierten Motiv in vergrößerter Form erwächst. Dies lässt sich vor allem bei seinen bekannten Darstellungen von Autos beobachten, die sein Früh- und Spätwerk in der Würzburger Ausstellung thematisch verbinden.
Als multimedialer Künstler sprengt Thomas Bayrle allerdings öfters mal den Rahmen. So druckt er bei „American Dream (Chrysler)“ von 1970/2026 das durch einen Bilderrahmen abgrenzte Motiv auch mehrfach auf eine Tapete, die schließlich am Installationsort aufgezogen wird und den Hintergrund für das gerahmte Werk bildet. Bayrle äußert hiermit eine subtile Kritik am Kunstbetrieb, indem er eine Diskrepanz anspricht: Nur durch den Rahmen erhält das Bild einen Wert, der der Tapete, obwohl sie das selbe Motiv zeigt, nicht zugesprochen wird. Durch die Zerstörung der Tapete nach jeder Installation betont Bayrle diesen Fakt erneut. Sein Credo dabei: Kunst soll nicht länger den Eliten vorbehalten bleiben, sondern für die breite Masse zugänglich sein. Aus diesem Grund bietet Bayrle beispielsweise Regenmäntel an, die in seiner charakteristischen Bildsprache bedruckt sind und zum Verkauf im Museumsladen ausliegen. So kann jeder ein Stückchen Kunst mit nach Hause bringen.
In der Auswahl der Exponate im Kulturspeicher fokussiert sich Marcus Andrew Hurttig besonders auf das Themengebiet der Urbanität und sieht in den Fragen von Mobilität sowie den Utopien und Grenzen der autogerechten Stadt Entsprechungen zum Schaffen Bayrles. Gerade die mittelalterliche und barocke, oft noch kleinteilige und labyrinthartige Struktur der Straßenzüge, die nach der fast vollständigen Zerstörung Würzburgs am Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend wiederhergestellt wurde, kommt durch den motorisierten Individualverkehr heute an ihre Grenzen. Zudem sind in der von hohen Temperaturen geprägten Stadt im Zuge des Klimawandels Transformationen notwendig, was sich etwa auf Bayrles Ölgemälde „Blattschneiderameise“ von 1987 in einem Geflecht von grünen Straßen spiegelt, das an das Dickicht eines Urwalds erinnert.
Skulpturale Arbeiten wie „Yen (Rampe für Film)“ von 1979 greifen dieses Thema erneut auf. Aus Karton formte Thomas Bayrle ein ähnliches Relief aus einem verworrenen Straßengeflecht, über das Modellautos fahren. Gleichzeitig bilden die Straßen aus entfernter Betrachtung das Währungszeichen für den japanischen Yen und damit den engen Zusammenhang zwischen Geld, Marktwirtschaft und Automobilbranche ab. In seiner jüngsten Kunst tauchen zunehmend christliche Bildwelten auf, die Bayrle wiederum in den urbanen Kontext einbindet. So baute er 2014 eine Darstellung von Maria mit dem Christuskind als „Autofreier Sonntag“ aus verschiedenen Fahrbahnsträngen zusammen. Vergleichbar ging er 2006 bei seinem Video „Autobahnkreuz“ vor: Der gekreuzigte Christus setzt sich bei näherer Betrachtung aus sich wiederholenden kleinen Aufnahmen einer befahrenen Autobahn zusammen. Der Film wechselt hierbei seine Perspektive und zoomt vom Gesamtbild aus der Ferne auf die genagelte Hand oder den Kopf mit der Dornenkrone.
Hurttig hat auch einige skulpturale Arbeiten des Künstlers integriert, die mit ihren Bewegungen und Tonspuren die Besucher durch die Ausstellung begleiten. Auch dabei nutzt Bayrle Versatzstücke aus der Automobilbranche. Der „Dirigent“, der aus zwei Lautsprechern und zwei Scheibenwischern besteht, heißt die Gäste am Eingang willkommen. Einen V8-Lincoln-Motor kombinierte Bayrle mit der Tonspur eines Rosenkranzgebets, in dessen Takt sich der „Big Block“ von 2012 nun bewegt. Das monotone Brummen und Arbeiten des Achtzylinders in Verbindung mit der monotonen, ritualisierenden Art des Gebets bildet eine Parallele zu der seriellen Methode, die sich in seinen anderen Werken widerspiegelt. Damit setzt Thomas Bayrle der beschleunigten und in Einzelteile zersplitterten Gegenwart der heutigen Gesellschaft den Ruhepunkt des alten Glaubens gegenüber: Aus Autos, Straßen und Motoren werden meditative Bild- und Soundwelten, die das Christentum seit Jahrhunderten prägen.
Die Ausstellung „Thomas Bayrle. Stadt, Land, alles im Fluss“ ist bis zum 17. Mai zu sehen. Das Museum im Kulturspeicher hat dienstags von 13 bis 18 Uhr, mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr und zusätzlich jeden dritten Donnerstag im Monat bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro; für Personen bis 18 Jahre ist er frei. |