Egidio Marzona gestorben  |  | Der Kunstsammler und Mäzen Egidio Marzona ist tot | |
Der 81jährige Galerist, Sammler, Verleger und Mäzen Egidio Marzona ist tot. Wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mitteilte, sei der Deutsche italienischer Abstammung gestern im Kreise seiner Familie und Freunde in Berlin gestorben. „Egidio Marzona hat sein Leben der Kunst gewidmet. Er war ein leidenschaftlicher und unermüdlicher Sammler der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, der so die künstlerischen und geistigen Bewegungen eines ganzen Jahrhunderts zu erfassen suchte“, würdigte Marion Ackermann, Präsidentin der SPK und ehemalige Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, den Verstorben. „Seine Sammlung beschränkt sich nicht nur auf Kunstwerke, sondern erstreckt sich auf Zeugnisse des gesamten Prozesses des künstlerischen Schaffens. Berlin und auch Dresden verdanken ihm viel, denn er hat seine Sammlungen nach und nach den jeweiligen Museen übergeben, wo sie wie eine Batterie wirken, die immer wieder neue Narrative und Kontexte ermöglicht.“
Egidio Marzona, geboren 1944 in Bielefeld, begann in den 1960er Jahren, Kunstwerke, Skizzen, Briefe, Notizen, Schallplatten, Ausstellungsplakate und weitere Zeugnisse künstlerischer Produktion und Vermarktung zu sammeln und baute eine Kollektion von über eineinhalb Millionen Objekten auf. Teile dieser Sammlung befinden sich heute in der SPK in Berlin sowie im „Archiv der Avantgarden“ in Dresden. Bereits in jungen Jahren hatte Egidio Marzona erste Werke zeitgenössischer Kunst erworben und betätigte sich als Galerist in Bielefeld und Düsseldorf. Ab den 1970er Jahren gab er als Verleger seiner Edition Marzona Publikationen zu den Themen Bauhaus, Fotografie, Typografie und Architektur heraus. Zunehmend widmete er sich ausnahmslos dem Auf- und Ausbau seiner Kunstsammlung, die sich zunächst auf die damals aktuellen Kunstströmungen Minimal Art, Konzeptkunst, Land Art und Arte Povera konzentrierte.
Sukzessive weitete Egidio Marzona seine Sammeltätigkeit auf das gesamte 20. Jahrhundert aus und trug parallel dazu ein umfangreiches Archiv aus Briefen, Fotografien, Ephemera, Zeitschriften und Büchern zusammen, da sein Interesse nicht nur den Kunstwerken selbst, sondern auch dem Prozess ihrer Entstehung galt. Dabei sammelte er heterogen und ohne Hierarchien und behandelte alle Materialien, die im Kontext der Kunstproduktion anfallen, gleichwertig. Für ihn war ein getippter Brief genauso bedeutsam wie ein Gemälde, eine kleine Skizze auf einer Serviette genauso wichtig wie ein Aquarell, eine Schallplatte genauso bedeutend wie ein gedrucktes Buch oder eine Künstlerzeitschrift. Zwischen 2002 und 2014 übernahm die SPK von Marzona teils als Ankauf, teils als Schenkung mehr als 600 Kunstwerke und 40.000 Archivalien, die auf verschiedene Häuser aufgeteilt sind und künftig in das im Bau befindliche Museum Berlin Modern integriert werden sollen. 2025 schenkte Marzona der Kunstbibliothek der SPK 22 seltene, von Künstler*innen gestaltete Bücher der Konzeptkunst aus den 1960er Jahren.
Auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden profitierten von seinem mäzenatischen Wirken. Mit rund 1,5 Millionen Objekten aus Marzonas Sammlung wurde dort ab 2016 das „Archiv der Avantgarden“ aufgebaut. Dafür ließ der Freistaat Sachsen das Blockhaus an der Elbe in Dresden durch das spanisch-deutsche Architekturbüro Nieto Sobejano herrichten. Das Archiv dient als Forschungs- und Ausstellungsplattform, umfasst Werke aller Gattungen von der Zeit des geometrischen Jugendstils bis zur Postmoderne, dazu Dokumente und Publikationen aus den Feldern Literatur, Politik, Philosophie, Film, Tanz und Theater und soll zum Nachdenken und zum Dialog über ungeklärte Fragen der globalen Avantgarden anregen. Von der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikverbandes AICA wurde das „Archiv der Avantgarden“ 2024 zum Museum des Jahres gewählt.
Darüber hinaus machte Egidio Marzona seine Sammlung auch anderen Orten für die Öffentlichkeit erlebbar, was ihm fundamentales Anliegen war. In Villa di Verzegnis im Friaul, woher seine Familie väterlicherseits stammt, richtete der Sammler ab 1989 einen Skulpturenpark mit Werken unter anderem von Bruce Nauman, Richard Long, Sol LeWitt und Carl Andre ein. 2018 initiierte er die „Marzona Stiftung Neue Saalecker Werkstätten“ mit Sitz in Naumburg an der Saale. Die von der Stiftung gegründete Design Akademie Saaleck widmet sich durch die Vergabe von Stipendien der Förderung von innovativen Designern, Handwerkern, Architekten und Künstlern und wird vom Bund und vom Land Sachsen-Anhalt unterstützt. Zudem gehörte Marzona zu den Mitinitiatoren der Kunst-Werke Berlin und war Mitglied des Board of Trustees des Museum of Modern Art/PS1 in New York. |