 |  | Nikolaus Gysis, Grieche in Nationaltracht, um 1865/68 | |
Mit einer nicht ganz alltäglichen Auktion startete der Münchner Versteigerer Neumeister Ende Februar ins neue Jahr und bot mehrere hundert Zeichnungen, über vierzig, vorwiegend studienhafte Gemälde und einige Plastiken von Nikolaus Gysis an. Das Konvolut stammte aus dem Nachlass des 1842 in dem kleinen Dorf Sklavochori auf der Kykladen-Insel Tinos geborenen Griechen, der als einer der ersten seiner Landsleute dank eines Stipendiums ab 1865 die Münchner Kunstakademie besuchte, hier heimisch wurde, das Kunstleben der Stadt im ausgehenden 19. Jahrhundert mitprägte und schließlich 1901 in München auch starb. Anders als der Großteil seines Vermächtnisses blieben die Kunstwerke, die seine Tochter Penelope erbte, vor der Vernichtung im Zweiten Weltkrieg bewahrt, weil sie nach Beuerberg bei Wolfratshausen ausgelagert waren. Jetzt stießen sie bei Neumeister vor allem über das Internet auf rege Nachfrage. Wie Geschäftsführerin Katrin Stoll mitteilte, gaben vorwiegend internationale Kunstliebhaber, insbesondere aus Griechenland, ihre Gebote ab.
Schließlich kamen eine hohe losbezogene Verkaufsrate von 83,7 Prozent und ein Bruttoumsatz von knapp 300.000 Euro zusammen. Den höchsten Zuschlag erhielt mit 15.000 Euro zum oberen Schätzwert die flott entwickelte Ölstudie „Die Verabschiedung vom Vater“, in der ein kleiner Junge eben mit Begleitern von zuhause aufbricht, was Nikolaus Gysis’ eigener Lebenserfahrung entspricht. Eigentlich hätte an erster Stelle das realistische, ausdrucksstarke Portrait seines Vaters Onoufrios stehen sollen, der das künstlerische Talent seines Sohnes früh erkannte und förderte. Doch der Zimmermann in griechischer Tracht mit zwei Messern aus den 1870er Jahren konnte bei einer Bewertung von 20.000 bis 30.000 Euro bisher nichts ausrichten, ebenso wie ein Tondo mit dem idealistisch-allegorischen Thema „Des Künstlers Seele“ für 12.000 bis 15.000 Euro.
Dabei waren es gerade die symbolistisch-esoterischen Werke, die bei den Sammlern Anklang fanden, etwa die Vorstudie zu dem Gemälde „Siehe, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht“, dessen Ausführung in der Nationalgalerie in Athen hängt. Die Symmetrie und Strenge der Farbspektren in einer sternartig geometrischen Formation vor schwarzem Grund, in die Gysis eine Kreisstruktur mit einer schemenhaften Figur eingeschoben hatte, erreichten die obere Taxe von 8.000 Euro. Das in vergleichbarer Intention geschaffene, abstrakte Rundbild „Farbflächen in Kristallform“ behauptete sich mit 5.500 Euro gewinnbringend (Taxe 1.200 bis 1.500 EUR). Gysis’ christlich-symbolistische Bildwelt fand in dem Hochformat „Madonna mit Kind“ bei 5.000 Euro (Taxe 5.000 bis 6.000 EUR) oder in einer Kohlestudie mit dem Haupt Christi samt geschlossenen, leeren Augen bei 2.000 Euro ihre Abnehmer (Taxe 800 bis 1.200 EUR). Sein ebenfalls religiös konnotierter „Sturz des Luzifers“, der sich schon fast vollständig in einer dunklen Farbwolke mit roten Leuchtpunkten auflöst, konnte sich über 5.500 Euro freuen (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR).
Aber auch die noch dem Realismus verpflichteten Werke taten sich leicht, so der „Großvater neben der Wiege“, der von 6.000 Euro auf 8.000 Euro stieg, oder die Rötelzeichnung eines bärtigen alten Männerkopfes, die von 2.000 Euro auf 7.500 Euro schnellte. Gysis’ schlichtes Arrangement eines Holzkrugs mit Granatapfel erwirtschaftete taxgerechte 3.000 Euro, während sein üppigeres „Stillleben mit Äpfeln“ 4.500 Euro einspielte (Taxe 1.000 bis 1.200 EUR). Die Kohlestudie mit filigranen blühenden Zweigen, um 1883 in Vorbereitung auf sein Gemälde „Die Freude“ gezeichnet, schlug sich mit 1.800 Euro ebenfalls positiv (Taxe 400 bis 500 EUR). An der Ölskizze eines angeschnittenen Stücks Schinkens aus den frühen 1880 Jahren blieben 1.400 Euro hängen (Taxe 300 bis 500 EUR). Der zeichnerische Entwurf für ein historistisches Plakat oder eine Urkunde, in der die Allegorie der Viktoria beim Anzünden einer Feuerschale von einem Bettler und einem Athleten begleitet wird, erlöste ebenfalls ansehnliche 3.600 Euro (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR).
Sein klug gewählter Ausschnitt „Interieur mit Fenster und blauem Vorhang“, den Nikolaus Gysis während eines Aufenthalts in Oberaudorf im Inntal malte, kletterte von 1.200 Euro auf 4.400 Euro. Bei einer abendlichen „Landschaft mit drei Bäumen“, ebenfalls Mitte der 1880er Jahre in Oberaudorf mit einem orangerot glühenden Himmel angelegt, sprangen 4.000 Euro heraus (Taxe 1.800 bis 2.000 EUR), für eine weitere Landschaftsstudie aus dieser Gegend unter dichter Wolkendecke 2.000 Euro (Taxe 1.000 bis 1.200 EUR). Bei einer humoristischen Modellstudie zum seinem letzten, 1898 entstandenen Genregemälde „Der Konditor“ waren es am Ende 5.500 Euro (Taxe 4.000 bis 5.000 EUR) und für das flott entwickelte, freche „Scherzende Mädchen“ 2.600 Euro (Taxe 1.000 bis 1.200 EUR). Der „Grieche in Nationaltracht“, ein seltenes und kleines, aber fast bildmäßig um 1865/68 ausgeführtes Frühwerk des Künstlers, kam auf 9.500 Euro und verdoppelte damit seinen Schätzpreis beinahe.
Erfreuliche Steigerungsraten erzielten zudem einige Portraits und Szenen aus Gysis’ Familienleben, darunter die berührende Kreidezeichnung „Mädchen, an einer Fensterbank lehnend“, ein Bildnis der kleinen Margarita Gysis aus den frühen 1880er Jahren, mit 4.000 Euro oder die in selber Technik mit Kohle und weißer Kreide auf dunkelbraunem Papier ausgeführte „Familie des Künstlers beim Auspacken von Geschenken“ mit 2.200 Euro (Taxe je 800 bis 1.000 EUR). Für eine engelsgleiche Porträtstudie, hinter der wahrscheinlich Penelope Gysis steht, kamen taxgerechte 5.000 Euro zusammen. Den Spitzenpreis bei den Skulpturen ergatterte die bronzierte Gipsfigur „Der Unfall“. Die Bewegungsstudie eines jungen Mannes, der aus dem Gleichgewicht gerät und seine Platte mit Früchten bald fallen lässt, verbesserte sich von 1.200 Euro auf 4.000 Euro. In der gleichen Materialität schuf Nikolaus Gysis zudem ein drei identische Mädchen beim Nähen, Lesen und Stricken, die für jeweils 1.700 Euro abwanderten (Taxe je 1.000 bis 1.200 EUR).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |