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Eleanor Antins Rollenspiele in Vaduz

Eleanor Antin, Nurse Eleanor, R.N., 1976/2007

Im vergangenen Jahr hat Eleanor Antin ihren 90. Geburtstag gefeiert. Nun würdigt das Kunstmuseum Liechtenstein die Pionierin der künstlerischen Selbstinszenierung mit der ersten Retrospektive in Europa. Organisiert vom Mudam Luxembourg und für Vaduz kuratiert von Christiane Meyer-Stoll und Henrik Utermöhle, spannt die Ausstellung einen Bogen von Antins frühen performativen Arbeiten der 1960er Jahre bis zu jüngsten Werken und demonstriert, wie aktuell und wirkmächtig ihre Kunst bis heute ist. Nach ihrem Studium der Schauspielerei und beruflichen Anfängen als Dichterin, Tänzerin und Bühnenkünstlerin wandte sich Eleanor Antin zunächst der Malerei, dann der Konzept- und Performancekunst zu. Seit den späten 1960er Jahren erkundet sie die fluide Existenz des Selbst und schlüpft dazu in diverse Rollen, die verschiedene Identitäten, historische Bezüge und innere Widersprüche in sich tragen. Antin stellt somit Fragen nach dem Wesen einer Person, Geschichte und Repräsentation. Mit ihren Fotografien, Filmen, Texten, Performances, bildhauerischen Arbeiten und Installationen, in denen sich tiefgründiger Humor mit feinsinniger Erzählkunst verbindet, lädt sie dazu ein, vertraute Narrative neu zu betrachten und verblüffende Perspektiven auf unser individuelles und gesellschaftliches Selbstverständnis zu erkunden.

Die Retrospektive in Vaduz startet bei der Videoarbeit „Representational Painting“ von 1971, in der Antin nur mit Jeans und BH bekleidet ist, sich genüsslich schminkt und so einen Einblick in einen intimen Moment der Selbsterkundung gibt. Eine ihrer bekanntesten Schöpfungen ist die frühe legendäre Aktion samt Postkartenserie „100 Boots“ von 1971/73. Dafür schickte sie hundert schwarze Gummistiefel auf eine abenteuerliche Reise von Kalifornien nach New York und inszenierte die Stiefel wie bei einem Road Movie oder Krimi, was Erinnerung an Aufbruch, Verfolgung und Flucht wachruft. Die Dokumentation dieser wegweisenden Arbeit wurde 1975 erstmals im Museum of Modern Art in New York präsentiert. Bedeutend für ihr frühes Schaffen war zudem die Fotoserie „Carving: A Traditional Sculpture“ von 1972, in der Eleanor Antin ihren eigenen Körper über 37 Tage hinweg im Sinne einer Bildhauerin formte und protokollierte. Damit untersuchte sie radikal Vorstellungen von Selbstbestimmung und Körperlichkeit.

Zentral für ihre performativen Selbstinszenierungen wurden die Charaktere des Königs, der Ballerina und der Krankenschwester, in die sie immer wieder schlüpfte, um gesellschaftliche Rollenbilder, Machtstrukturen und kulturelle Zuschreibungen aufzudecken. „Der König kam zuerst, als ich herausfinden wollte, wie mein männliches Selbst sein würde, wer er wäre. Und mir wurde klar, dass mein bärtiges Ich ein König war – ein Doppelgänger von Karl I, und dass Könige ein Land, ein Königreich haben müssen – selbst wenn es ein verlorenes ist. Er wurde mein politisches Selbst“, so Antin. In der Fotoserie „Caught in the Act“ von 1973 stellte Antin die ideale Verkörperung einer Primaballerina mit klassischen Ballettpositionen, wie Arabeske, Pirouette oder dem Balanceakt auf Spitze, dar, während ein Video das Making-of im Fotostudio festhielt und damit die Konstruktion der Posen entlarvte. Die Krankenschwester ist ihre ambivalenteste und verschmitzteste ihrer Identitäten: Verführerin und Verführte zugleich, oszilliert sie zwischen Ausgeliefertsein und Handlungsmacht. Wie ein Kind, das ganz in sein Spiel vertieft ist, entwickelt sie ihre Narrative mit aus Papier ausgeschnittenen Figuren; sie lässt sie sprechen und handeln, weinen, lachen und Sex haben.

Die Ausstellung „Eleanor Antin. Eine Retrospektive“ ist bis zum 27. September zu sehen. Das Kunstmuseum Liechtenstein hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Franken, ermäßigt 10 Franken und ist für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre, ebenso mittwochs für alle gratis. Die begleitende Publikation „Eleanor Antin. Works 1965-2017“ aus dem Hatje Cantz Verlag kostet 48 Franken.

Kunstmuseum Liechtenstein mit Hilti Art Foundation
Städtle 32
FL-9490 Vaduz
Telefon: +423 – 235 03 00


30.03.2026

Quelle: Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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