Bayern restituiert Ury-Gemälde  |  | Lesser Ury, Interieur mit Kindern (Die Geschwister), 1883 | |
Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geben ein Werk von Lesser Ury an die Nachkommen Curt Goldschmidts zurück. Dabei handelt es sich um das noch dem Realismus verpflichtete Gemälde „Interieur mit Kindern (Die Geschwister)“ aus dem Jahr 1883, das spätestens 1921 in den Besitz des Berliner Bankiers und jüdischen Kunstsammlers gelangte. Goldschmidt war Teilhaber und später Besitzer des Bankhauses Joseph Goldschmidt & Co., das sein Vater im Jahr 1900 gegründet hatte. Als promovierter Jurist und Bankier gehörte er zu den prägenden Figuren des Berliner Unternehmertums und Gesellschaftslebens. Goldschmidt pflegte auch enge Kontakte zur Kunstszene; so porträtierte ihn etwa Max Liebermann. Die Familie lebte in der Stülerstraße im Berliner Tiergartenviertel und besaß zudem ein Landgut in Kötzschenbroda bei Dresden.
Anfang der 1930er Jahre geriet das Bankhaus Goldschmidt zunehmend unter wirtschaftlichen und politischen Druck. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme verschärfte sich die Situation für jüdische Unternehmer. Antisemitische Maßnahmen und politische Eingriffe führten schließlich zum Verlust des Bankhauses und des privaten Vermögens. Am 23. September 1935 wurde das Konkursverfahren eröffnet. Infolgedessen verlor die Familie ihre repräsentative Wohnung in der Stülerstraße. Das gesamte Inventar wurde im November 1935 im Auftrag des Konkursverwalters versteigert. Unter den insgesamt 350 Positionen der Auktion befand sich auch Urys Gemälde mit einem Schätzpreis von 800 Reichsmark. Allerdings ist weder belegt, ob es verkauft wurde, noch wer es erwarb. Der Erlös der gesamten Auktion kam nicht Curt Goldschmidt zugute, sondern wurde im Rahmen der Vermögensverwertung zugunsten staatlicher Stellen abgeführt. Goldschmidt selbst floh 1937 nach Paris, lebte verarmt und zeitweise versteckt während der deutschen Besatzung und starb dort am 31. März 1947.
Urys anheimelnde Kinderszene tauchte 1940 im Auktionshaus Lempertz in Köln wieder auf und war im Katalog mit einem Stern als Hinweis auf den „nicht arischem Besitz“ gekennzeichnet. Das Werk wurde für 220 Reichsmark verkauft, doch weder der Einlieferer noch der Käufer sind bekannt. Nach weiteren Zwischenstationen erwarben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen das Gemälde 1972 über die Münchner Galerie Neumeister aus dem Warenbestand des Kunsthändlers Rudolf Neumeister, der das Werk spätestens seit 1969 besaß. Wie und wo Neumeister das Gemälde erworben hatte, ließ sich bislang nicht klären. „Mit der Restitution des Gemäldes ‚Interieur mit Kindern (Die Geschwister)‘ wird ein Werk zurückgegeben, das nicht nur ein bedeutendes Beispiel der Kunst Lesser Urys ist, sondern zugleich die Geschichte jüdischer Sammler und Mäzene im Berlin der frühen Moderne widerspiegelt. Die Rückgabe würdigt die doppelte jüdische Provenienz des Gemäldes – von seinem Schöpfer über seine Sammler bis hin zu seinem Verlust infolge nationalsozialistischer Verfolgung“, so Museumsdirektor Anton Biebl. |