 |  | Das 1925/26 nach einem Entwurf von Walter Gropius errichtete Schulgebäude des Bauhauses in Dessau | |
Mit Glas, Stahl und Beton verbinden sich wirksamer als mit allen anderen Materialien Vorstellungen von Solidität, Fortschritt und Experimentierfreude. Gerade sie stehen für das neue Bauen schlechthin, für praktische, robuste Gebrauchsgegenstände und innovative Produktionsverfahren. Als weltweit wahrgenommene Visitenkarte dafür gilt der Werkstattflügel des im September 1925 begonnenen und nach rund einem Jahr Bauzeit am 4. Dezember 1926 bezogenen neuen Bauhausgebäudes in Dessau. Die vor einer Stahlbetonkonstruktion montierte Stahl-Glas-Fassade verkörpert den Aufbruch in eine neue Zeit. Der Einsatz dieser grundlegenden Baustoffe beförderte maßgeblich den Weg zu einer neuen, richtungsweisenden Architektur und damit zur Überwindung althergebrachter Materialien.
Zur Feier des einhundertjährigen Bestehens an diesem Ort gab Barbara Steiner, die amtierende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, die Losung aus, die Relevanz der maßgeblichen materiellen Grundlagen in den Blick zu nehmen. Die dreiteilige Jubiläumsschau „Glas | Beton | Metall“ untersucht zudem die engen Verflechtungen der Bauhausarbeit mit der Industriegeschichte des 20. Jahrhunderts. Erstmals werden wirtschaftliche, technologische sowie materielle Grundlagen von Architektur und Werkstattproduktion analysiert, wobei alle Sektoren sich mit dem vorangegangenen Entwicklungen und den Nachwirkungen, aber auch mit den Begleiterscheinungen wie Vertriebswegen, Produktionsbedingungen oder Ressourcenverschwendung weit ausholend befassen.
Die Säle der historischen Metallwerkstatt im zweiten Obergeschoss des Werkstattflügels rücken das Glas im Fokus. Unendlich formbar und Aushängeschild futuristischer Bauweise, körperlich und immateriell zugleich verkörpert es Transparenz und Leichtigkeit. Daher steht die Geschichte der Fensterscheibenproduktion und ihrer Varianten wie Draht- oder Flachglas am Anfang. Ausgehend von der mutmaßlich ersten Glasfassade aus dem Jahr 1903 für die Firma Steiff in Giengen oder Bruno Tauts visionärem Pavillon für die Glasindustrie auf der Kölner Werkbundausstellung von 1914, behandelt der zweite Abschnitt die Dinge des Alltags. Sachlich gestaltete, auf der Grundlage von stereometrischen Laborgläsern an Zweck und Technik orientierte Produkte wie Küchengeschirre von Wilhelm Wagenfeld sind ebenso zu sehen wie die Doppelkugelleuchte von Marianne Brandt. Albert Renger-Patzsch verstand es 1936 meisterhaft, die kühle Zweckbestimmung der Objekte in Aufnahmen für Produktkataloge zu vermitteln.
In den historischen Sälen der Weberei im ersten Obergeschoss widmet man sich dem Beton. Geradewegs läuft der Besucher auf eine hölzerne Verschalung zu. Der immense Holzverbrauch macht sogleich die Schattenseite einer durch Langlebigkeit, Wirtschaftlichkeit und Effizienz ausgezeichneten Bauweise deutlich. Für das Bauhaus bedeutete die Verwendung des Stahlbetons Grundlage für neue architektonische Ansätze, etwa freie und flexible Grundrissgestaltung, helle große Räume und Entkopplung von Tragwerk und gläserner Hülle. Diese Eigenschaften waren speziell für Industriebauten maßgeblich. Dazu werden historische Entwicklung, Vertriebswege oder Techniken erläutert, ebenso der Aufbau von mit Pilzsäulen gestützten Decken, die den Verzicht auf Unterzüge und damit reduzierte Geschosshöhen ermöglichten.
Diese Konstruktion findet sich auch im Sockelgeschoss, in der eine glitzernde, filigrane, ebenfalls recyclingfähige und aus modularen Metallgittern konzipierte Ausstellungsarchitektur die vielgestaltige Werkgruppe Metall am Beispiel von Modellen, Materialproben, Veröffentlichungen oder Originalen in großer Breite vorstellt. Neben bekannten Serienprodukten der Metallwerkstatt wie Stahlrohrmöbel, darunter Marcel Breuers „Hocker B 9“ für die Bauhauskantine oder Lampen des Bauhauses, zeugen auf „metallischen Festen“ getragene Metallmasken von der Begeisterung jener Jahre für diesen Werkstoff. Neben den formvariablen und belastbaren Möbeln einer neuen Wohnkultur zeigen Modelle wie das des 1928 nach Plänen von Peter Birkenholz in Dresden errichteten Kugelhauses ungewohnte Entwicklungen auf den Gebieten des Haus-, Kuppel- oder Fassadenbaus. Der blendenden, glänzenden Leichtigkeit stehen ein hoher Energieeinsatz, eine intensive Ausbeutung natürlicher Ressourcen und harte Arbeitsbedingungen gegenüber.
Den Verbrauch großer Ressourcen und gewaltiger Energiemengen, die Wiederverwertbarkeit und die Abfallproduktion thematisiert eine angegliederte Musterschau für nachhaltige Gestaltung im ehemaligen Kaufhausgebäude Zeeck. In dem 1908 eröffneten, 1920 erweiterten und nach der Wende leerstehenden Betonbau in der Innenstadt, einem Musterbeispiel für die Warenhausarchitektur der Moderne, geben Gestaltungsspuren an Böden, Decken und Wänden Einblicke in die Geschichte. Kürzlich von der Fassade entfernte Paneele der Blechvorhangfassade dienen nun als Wand- oder Podestflächen der Ausstellung „Algen | Schutt | CO2“. Hier werden disziplinübergreifende Forschungsansätze und kollaborative Arbeitsweisen beleuchtet, in deren Zentrum Alternativen zum Materialkanon der Moderne stehen. Dazu gehören Werkstoffe wie Lehm, Myzelien, Algen, Basalt oder Flachs. Schaubaustellen geben Einblicke in Prozesse und laden zur Teilnahme ein.
Dessau gilt als die Stadt mit den meisten Bauhausbauten überhaupt. Da lohnt es sich, einige Außenstellen des Bauhauses anzusehen. Das von Richard Paulick und Georg Muche in Dessau-Törten konzipierte Wohnhaus aus Stahl nimmt die Bemühungen in den Blick, dieses Material für den Massenwohnungsbau zu nutzen. Auf dem Weg dorthin passiert man das historische Arbeitsamt. Der runde historische Ziegelbau dient für Performances und Experimente rund um Werkstoff Backstein. Hier arbeitet die dänische Künstlergruppe Superflex an einer Installation aus rosafarbenen gebogenen Ziegeln aus ungebranntem Ton. In der bis heute genutzten denkmalgeschützten Bootshaus der Junkers Paddelgemeinschaft am Leopoldshafen wird unter dem Titel „Lamellen | Pfette | Knoten“ der abenteuerliche Export einer aus elf von Hugo Junkers patentierten Lamellenhallen bestehenden Flugzeugfabrik von Dessau in die Türkei im Jahr 1926 erzählt. Dieses Großprojekt zeugt vom Material- und Wissenstransfer aus Mitteleuropa in die junge Türkische Republik. Gleichzeitig macht es die Grenzen der Unternehmungen europäischer Firmen im Ausland deutlich: Viele Projekte scheiterten an falschen Einschätzungen lokaler Verhältnisse vor Ort. Alle Außenstationen bilden damit eine Brücke zwischen der Historie, der Vergänglichkeit des Ortes und möglichen Zukunftsvisionen.
Die zentrale Ausstellung „An die Substanz. Glas | Beton | Metall“ läuft bis zum 10. Januar 2027, die Schau „Algen | Schutt | CO2“ bis zum 27. September und die Freiluftpräsentation „Lamellen | Pfette | Knoten“ bis zum 28. Februar 2027. Geöffnet ist das Bauhausgebäude täglich von 10 bis 17 Uhr, ab November täglich außer montags. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 8 Euro. Zum Jubiläumstag am 4. Dezember wird eine Publikation erscheinen. |