Preis der Schering Stiftung für Colectivo Los Ingrávidos  |  | Colectivo Los Ingrávidos, El Nido del Sol, 2021 | |
Das Colectivo Los Ingrávidos aus dem mexikanischen Tehuacán erhält den Preis für künstlerische Forschung der Schering Stiftung 2026. Seit 2020 werden so Künstler*innen gewürdigt, die „mit ästhetischen Mitteln eigenständige Formen der Wissensbildung entwickeln“. Aus zwölf Kandidat*innen, die von Kunstexpert*innen nominiert wurden, überzeugte das 2012 gegründete Filmkollektiv mit seiner „einzigartigen Arbeitsmethodik“, weshalb die Jury es dabei unterstützen möchte, „ihre forschungsbasierte Praxis einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen“. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert und umfasst eine Einzelausstellung, die im Herbst 2027 im KW Institute for Contemporary Art in Berlin eröffnet. Im Rahmen der Ausstellung plant das Kollektiv, ein neues Projekt mit eigener Begleitpublikation zu realisieren.
Mithilfe von analogem und digitalem Filmmaterial, Found Footage, Archivalien, Mythologie, Agitprop, sozialem Protest und dokumentarischer Poesie setzen sich Los Ingrávidos mit den Bedeutungszusammenhängen und Strukturen etablierter audiovisueller Medien auseinander, um versteckte Ideologien aufzudecken und gegen die Langeweile konventioneller Fernseh- und Kinoproduktionen anzugehen. Die Jury beschreibt ihre Projekte als „visuelles Gewebe und akustische Klangteppiche“, die verfestigte Strukturen lösen und verborgene politische Möglichkeiten von Medien aufdecken und dokumentieren. Indem Klänge und Bilder zu einer Art bewegter Collage verschmelzen, werden parallel zu den formalen Grenzen der Medien und den ideologischen Grenzen ihrer Inhalte auch die sensorischen Grenzen des Betrachters verwischt.
Die charakteristische Arbeitsweise der Gruppe, deren Mitglieder anonym agieren, um sich in ihrem Heimatland mit hoher Kriminalitätsrate nicht zu gefährden, ist von der historischen Avantgarde inspiriert, deren Werke mit Form und Inhalt widerständige Strukturen gebildet haben, die der Entfremdung entgegenwirken sollten. In einem zeitgenössischen Rahmen setzt sich das Kollektiv also kritisch mit der durch Medien verursachten Isolation auseinander und versucht, mit seiner Kunst eine oppositionelle Kraft zu bilden. Bei ihrer Entscheidung betont die Jury die Aktualität dieses Themas in Zeiten sozialer, politischer und ökologischer Krisen. Das Colectivo Los Ingrávidos stelle sich bewusst gegen passive Mediennutzung und den gesellschaftlichen Rückzug ins Private. Stattdessen plädiere es für ein Kino, das als kollektive, immersive Erfahrung ein kritisches Bewusstsein schärft und als Werkzeug des Protests gegen ästhetische Hegemonien dient.
Die poetischen und gleichzeitig politischen Arbeiten des Künstlerkollektivs sind international anerkannt und wurden bereits bei diversen Filmfestivals wie dem International Film Festival Vienna oder dem Toronto International Film Festival gezeigt. Außerdem wurden seine Werke bei Screenings wie der Modern-Mondays-Serie im Museum of Modern Art in New York oder der Seoul Media City Biennale 2025 präsentiert. Auch Kunst- und Filminstitutionen wie das Harvard Film Archive oder Institute of Contemporary Arts in London haben Filmprojekte des Colectivo Los Ingrávidos ausgestellt. |