Sexarbeit in der Bundeskunsthalle  |  | in der Ausstellung „Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ | |
Mit der Ausstellung „Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ begibt sich die Bonner Bundeskunsthalle forsch auf ein von Vorurteilen und Tabus besetztes Terrain. Dabei war und ist das Thema in vielen Sparten der Kunst präsent. Im 17. Jahrhundert waren Dirnen beispielweise ein gängiges Motiv in der niederländischen Malerei als Projektionsfläche erotischer Fantasien oder Spiegel moralischer Vorstellungen. Breiten Raum nehmen Bordelle, Nackttänzerinnen und die käufliche Liebe im Werk von Malern ein, die das zwischen Glitzer, Rauch und Jazz pendelnde Berliner Nachtleben in den 1920er Jahren illustrierten. Die multiperspektivisch angelegte Schau schildert den Gang durch die Kulturgeschichte der Sexarbeit nicht aus der Außenperspektive. Die Weiterentwicklung der 2024 im Schwulen Museum in Berlin gezeigten Ausstellung „With Legs Wide Open – Ein Husarenritt durch die Geschichte“ verantwortete Kuratorin Johanna Adam mit ihrem Team und holte sich Unterstützung bei forschenden Sexarbeiter*innen, die 2016 das Archiv „Objects of Desire“ gegründet haben, einen wichtigen Beitrag und vor allem die Innensicht zur aktuellen Ausstellung liefern.
Der großräumige Parcours windet sich an weit über 300 oft mehrteiligen Exponaten oder Werkgruppen vorbei, darunter Gemälden, Grafiken, Installationen, Fotografien, kunstgewerblichen Objekten oder Archivalien. Am Beginn stehen Darstellungen mit erstaunlich offen sexuellen Szenen auf Töpferwaren oder in Mosaiken der Antike. Im christlich geprägten Mittelalter sind jene Sujets seltener anzutreffen und wenn, dann eher moralisierend, während im Zeitalter der Renaissance Liebesdamen wieder häufiger sowie oft als elegante selbstbewusste Frauen auftreten. Rasch geht die Ausstellung zu ihrem Fokus auf die letzten 120 Jahre über. So trafen sich in der Belle Époque nach Vorstellungen der Pariser Oper aus armen Verhältnissen stammende Balletttänzerinnen hinter der Bühne mit wohlhabenden Mäzenen, die Gegenleistungen für ihre Unterstützung erwarteten.
Wie sehr Sexarbeit auch mit Performance zu tun hat, zeigen High Heels, Sneaker oder Lackstiefel, bizarr ausgestattete Kleider, Röcke oder Dessous, die allesamt als Arbeitsmittel die Attraktivität zu steigern versuchen. Einzelne Kapitel leiten den Blick auf bezahlte Liebesarbeit migrantischer Frauen, werfen Schlaglichter auf Sexmetropolen wie Berlin, den Köln-Bonner Raum oder die Hamburger Reeperbahn. Weitere Abschnitte widmen sich dem öffentlichen Raum, gesundheitlichen Aspekten wie Aids oder Covid-19 und anderen ernsten Themen wie der Verfolgung und Tötung von Sexarbeiter*innen. Dazu zählt auch die auf Weisung von Heinrich Himmler erfolgte Einrichtung von Bordellen in mehreren Konzentrationslagern, in denen über 200 Frauen zur Sexarbeit gezwungen wurden. Vorbei an prominenten Kurtisanen der jüngeren Vergangenheit, etwa der bekannten Frankfurterin Rosemarie Nitribitt, spannt sich der Bogen bis in die Jetztzeit. Seit den 1980er Jahren gründen sich Projekte und Organisationen, die zentrale Anliegen wie Rechte, Anerkennung, Gewaltprävention, Gesundheitsversorgung sowie Ein- und Ausstiegsarbeit für Sexarbeiter*innen ins Visier nehmen.
Die Ausstellung „Sex Work. Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ ist bis zum 25. Oktober zu besichtigen. Die Bundeskunsthalle hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 8 Euro. Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation erschienen, die im Museum 24 Euro kostet.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
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