Berlin entdeckt Marlow Moss  |  | in der Ausstellung „Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss“ | |
Mit der Ausstellung „Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss“ widmet das Georg-Kolbe-Museum in Berlin der Künstlerin ihre erste große Schau in Deutschland. Moss wird zwar als Schlüsselfigur der europäischen abstrakten Kunst gesehen, jedoch wurde ihr aufgrund von Verfolgung, Exil, dem Verlust vieler Werke und ihrer queeren Identität in der Kunstgeschichte lang nicht genügend Beachtung geschenkt. Mit dieser Präsentation, die sich auf die noch erhaltenen Skulpturen der Britin fokussiert, soll sich das nun ändern. Die Kuratorinnen Lucy Howart und Elisa Tamaschke eröffnen mit ergänzenden Werken von Leonor Antunes, Tacita Dean, Florette Dijkstra und Ro Robertson, die eigens für die Ausstellung geschaffen wurden oder in diesem Rahmen erstmals gezeigt werden, verschiedene Verbindungslinien zu Moss und stellen so einen Dialog zwischen historischer Avantgarde und aktueller Kunstproduktion her.
Marlow Moss wurde 1889 in London geboren und war Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie. Entgegen dem Wunsch ihrer Eltern begann sie 1916 ein Kunststudium an der St. John’s Wood School of Art und der Slade School of Fine Art, das sie allerdings aufgrund einer mentalen Krise abbrach. Nachdem Moss sich eine Zeit lang in Cornwall zurückgezogen hatte, kehrte sie 1923 nach London zurück, um ihr Studium im Fach Skulptur wiederaufzunehmen und dort ein Atelier zu eröffnen. Seitdem kleidete sich Moss bewusst androgyn und änderte ihren Namen von Marjorie zu Marlow. Ab 1927 bewegte sie sich in der Pariser Kunstszene und war 1931 ein Gründungsmitglied des Verbands Abstraction-Création, der als Ausstellungs- und Publikationsplattform ungegenständlicher Kunst konzipiert wurde und Künstler*innen diverser Strömungen zusammenbrachte. Hier lernte sie auch ihre spätere Lebenspartnerin, die niederländische Schriftstellerin Antoinette Hendrika Nijhoff-Wind, kennen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs musste Moss schließlich vor nationalsozialistischer Verfolgung fliehen und kehrte nach England zurück. Ein Großteil ihrer Arbeiten, die sie in Frankreich zurücklassen musste, wurde 1944 bei einem Bombenangriff zerstört, weswegen Moss’ Œuvre heute nur fragmentarisch überliefert ist. Laut den Kuratorinnen trugen „ihre Distanz zu den Kunstzentren der Nachkriegszeit sowie ihr queeres Selbstverständnis und ihre bewusste Ablehnung gesellschaftlicher Normen zusätzlich zu ihrem Ausschluss aus dem etablierten Kanon bei“.
Diese fragmentarische Überlieferung ihres Schaffens ist Ausgangspunkt der Ausstellung. Mithilfe von Skulpturen, Malereien, Zeichnungen, Fotografien, Filmen und Archivmaterialien aus internationalen Sammlungen eröffnen Howart und Tamaschke „neue Perspektiven auf Marlow Moss als radikale und prägende Stimme der Moderne“. Charakteristisch für ihr Schaffen sind klare geometrische Strukturen, rhythmische Kompositionen und der experimentelle Einsatz der Doppellinie, mit der sie das Zusammenspiel von Licht und Raum untersuchte. Bei „Spatial Construction“ von 1956/57 schuf die Künstlerin eine offene Skulptur aus Metallstreben, die sich mit dem Verhältnis von Volumen, Raum und Leere befasst. Einen anderen Ansatz wählte sie bei den zeitgleich entstandenen „Balanced Forms in Gunmetal on Cornish Granite“. In dieser künstlichen Anordnung stellt Moss Kugel- und Kegelformen aus Messing in einen direkten Kontrast mit einem Granitstein, der seine natürliche Beschaffenheit behielt.
Die Ausstellung „Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss“ läuft bis zum 26. Juli. Das Georg-Kolbe-Museum hat täglich außer dienstags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der zweisprachige Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet 35 Euro.
Georg-Kolbe-Museum
Sensburger Allee 25
D-14055 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 30 42 144 |