Justus Bier Preis für Kito Nedo  |  | Markus Draper, Grauzone, 2015 | |
Der Justus Bier Preis 2025 geht an Kito Nedo. Der 1975 in Leipzig geborene, in Berlin und Basel lebende Kritiker, Autor und Kurator, der Kulturwissenschaften, Neuere und Neueste Geschichte sowie Publizistik in Leipzig, Berlin und London studiert hat, wird für seine Ausstellung „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ ausgezeichnet, die bis Anfang Februar im Kunsthaus Minsk in Potsdam zu sehen war. Die Schau habe durch ihre kuratorische Konzeption, historische Tiefenschärfe und gesellschaftliche Aktualität überzeugt, so die Jury. „Sie widmet sich dem ostdeutschen Plattenbau nicht als nostalgischem Relikt oder sozialhistorischer Randnotiz, sondern als ambivalentem Erbe der Moderne – und damit als Schlüsselthema gegenwärtiger Debatten um Wohnen, Gemeinschaft und soziale Verantwortung“, heißt es in der Begründung weiter.
Der programmatische Titel „Wohnkomplex“, den Kito Nedo für seine Ausstellung wählte, entfaltet eine doppelte Bedeutung: Er verweist zum einen auf die architektonische Typologie, zum anderen auf die sozialen, politischen und emotionalen Verflechtungen des Wohnens. Die Ausstellung machte sichtbar, dass der Wohnungsbau der DDR Teil einer internationalen Moderne war, getragen von dem Anspruch auf soziale Gleichheit, kollektive Fürsorge und Fortschritt, zugleich aber geprägt von Normierung, Kontrolle und strukturellen Widersprüchen. Nedo habe den Plattenbau weder verklärt noch pauschal delegitimiert, sondern als historisch gewachsenes Projekt mit offenen, bis heute wirksamen Fragen betrachtet. Eine besondere Stärke der Ausstellung lag laut Jury in der Einbindung des Ausstellungsortes selbst: „Das ‚Minsk‘, ein ehemaliges DDR-Terrassenrestaurant, wird nicht als neutrale Hülle verstanden, sondern als historisch aufgeladener Resonanzraum. Architektur, Ausstellung und kuratorisches Narrativ greifen in dem von der Kooperative für Darstellungspolitik entwickelten Display präzise ineinander und machen Geschichte räumlich erfahrbar.“
Das Preisgremium lobte zudem die außerordentliche Qualität und überraschende Vielfalt der künstlerischen Arbeiten, die historische DDR-Positionen mit zeitgenössischer Kunst auf Augenhöhe zusammenführten. Zu sehen waren etwa Werke von Karl-Heinz Adler, Sibylle Bergemann, Kurt Dornis, Markus Draper, Wolfram Ebersbach, Nina Fischer und Maroan el Sani, Seiichi Furuya, Peter Herrmann, Sebastian Jung, Harald Metzkes, Sabine Moritz, Henrike Naumann, Manfred Pernice, Uwe Pfeifer, Sonya Schönberger, Nathalie Valeska Schüler, Wenke Seemann, Robert Seidel, Christian Thoelke, Stephen Willats oder Ruth Wolf-Rehfeldt. Die Arbeiten fungierten dabei nicht als illustrative Belege, sondern als eigenständige und vielstimmige Reflexions- und Resonanzräume unterschiedlicher Erfahrungen. Sie verhandelten die Wohnung, das Haus und die Großwohnsiedlung als Orte von Gesellschaft und Isolation, als Räume staatlicher Fürsorge, Planung und Kontrolle, ebenso wie als Feld individueller Aneignung, Erinnerung und Widerständigkeit.
Der mit 5.000 Euro dotierte Justus Bier Preis für Kuratoren wird von der Helga Pape-Stiftung Jens und Helga Howaldt in Hannover seit 2009 vergeben. Ausgezeichnet werden Ausstellungsprojekte und Publikationen aus dem deutschsprachigen Raum, die durch eine originelle Themenstellung und eine fundierte fachliche Aufarbeitung beeindrucken. Die Auszeichnung erinnert an Justus Bier, den ehemaligen jüdischen Direktor der Kestner Gesellschaft in Hannover. Bisher ging der Preis unter anderem an Christiane Meyer-Stoll, Markus Heinzelmann, Roland Nachtigäller, Stephanie Weber, Inge Herold und Karoline Hille, Ute Stuffer und Axel Heil, Annabelle Görgen-Lammers, Inke Arns, Igor Chubarov und Sylvia Sasse sowie zuletzt an Anke Blümm, Elizabeth Otto und Patrick Rössler für die Schau „Bauhaus und Nationalsozialismus“ in Weimar. Kito Nedo, der in seiner Ausstellung die historische Analyse, künstlerische Qualität und gesellschaftliche Verantwortung verbunden habe, wird die Auszeichnung am 16. April in Potsdam entgegennehmen. |