Kolbes restituiertes Hauptwerk wird versteigert  |  | Georg Kolbe, Tänzerinnen-Brunnen, 1922 | |
Das Berliner Auktionshaus Grisebach offeriert bei seiner Sommeraktion eines der Spitzenwerke von Georg Kolbe. Vorausgegangen ist die Restitution seines „Tänzerinnen-Brunnens“ an die Erben von Heinrich und Jenny Stahl aus dem Georg-Kolbe-Museum in Berlin. Bei der monumentalen Brunnenanlage aus Bronze und Travertin, in der eine nackte Frau exaltiert auf einem Steinsockel in Gestalt einer stilisierten Lotusblüte tanzt, der von drei kauernden schwarzen Männern getragen wird, handelt es sich laut Grisebach um „eines der eindrucksvollsten und zugleich bewegendsten Werke der klassischen Moderne“, das mit einem Schätzpreis von 1 bis 1,5 Millionen Euro in die Auktion geht.
Georg Kolbe schuf den Brunnen 1922 für die Villa des Ehepaars Stahl. Heinrich Stahl, Direktor der Victoria-Versicherung in Berlin, war seit 1933 Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Wegen seines jüdischen Glaubens wurde das Ehepaar von den Nationalsozialisten verfolgt und war gezwungen, seinen gesamten Besitz und seine Villa inklusive des Brunnens unter Wert zu verkaufen. Heinrich und Jenny Stahl wurden 1942 in der Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo Heinrich noch im selben Jahr ermordet wurde. Jenny Stahl überlebte das Lager und emigrierte zu ihrem Sohn in die USA. Dort verstarb sie 1967, ohne je Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Verbrechen der Nationalsozialisten erhalten zu haben. Dadurch gilt der Brunnen eindeutig als NS-Raubgut.
Kolbes Werk, das lange Zeit verschollen war, wurde 1978 wiedergefunden, von der Kolbe-Stiftung angekauft und im Garten ihres Museums aufgebaut. Seit den 1980er Jahren steht das Museum in Kontakt mit den Nachfahren von Heinrich und Jenny Stahl. Diese wünschten sich eine klare Benennung der Begriffe „NS-Raubkunst“ oder „NS-verfolgungsbedingter Vermögensentzug“ auf einer Plakette am Brunnen, wobei das Museum diese Begriffe nicht verwendete und den Forderungen der Erben nicht nachkam. 2001 verzichtete Werner Stahl, Enkel von Heinrich und Jenny, auf Ansprüche der Restitution. Da er dies jedoch nicht im Namen der gesamten Familie erklärt hatte, suchte das Museum seit Anfang 2025 erneut den Kontakt mit den Erben der Familie Stahl. Im Februar 2026 wurde bekannt, dass die Restitutionsfrage geklärt werden konnte: Die Erben nahmen das Angebot der vollständigen Rückgabe des Brunnens an.
Im November 2025 konnte Grisebach mit einem lebensgroßen stehenden Frauenakt von Georg Kolbe einen Weltrekord für eine Skulptur des Bildhauers erzielen: Seine „Stehende Frau“ wurde für 1,12 Millionen Euro netto zugeschlagen. Laut Grisebach hat der „Tänzerinnen-Brunnen“ nun das Potential, den Weltrekord aus dem vergangenen Jahr noch zu überbieten. Das Georg-Kolbe-Museum wird aufgrund fehlenden Etats für Ankäufe an der Auktion wohl nicht erfolgreich teilnehmen können. Eine Rechercheausstellung zur Geschichte des Brunnens ist seit 2025 im Untergeschoss des Museums zu sehen. Zudem möchte das Museum auch weiterhin an die Familie Stahl und ihr Schicksal erinnern. |