Die Marianne Aue und Nachkriegsavantgarde in Koblenz  |  | Marianne Aue, Ohne Titel (Nr. 102), 1961 | |
Das Ludwig Museum in Koblenz holt mit der Schau „Unknown Zero“ wieder das Schaffen von Marianne Aue ans Tageslicht und würdigt damit eine Vertreterin der Nachkriegsavantgarde, die wohl aus familiären Gründen weniger als zehn Jahre lang künstlerisch tätig war und deswegen lange unbeachtet blieb. Aue, 1932 in mährisch-schlesischen Freudenthal, heute Bruntál, geboren, arbeitete vor allem mit monochromen Strukturreliefs, die zwischen Malerei und Plastik angesiedelt sind. Sie interessierte sich stark für die Wechselwirkung von Licht und Schatten. Ein weiterer zentraler Teil ihres Werkes sind die teils zarten Monotypien vom Beginn der 1960er Jahre. Ihr Nachlass wurde in den letzten Jahren wiederentdeckt, als Teil der europäischen Avantgarde wahrgenommen und in den Kontext zu verschiedenen historischen Bewegungen gestellt. Eine Präsentation im Kunstmuseum Gelsenkirchen Ende 2024 war die erste museale Einzelausstellung zu Aue seit den 1960er Jahren. Die Schau in Koblenz arbeitet ihre enge Verbindung zu den Aktivitäten der internationalen Nouvelles Tendances auf und verortet sie im künstlerischen Umfeld von Piero Manzoni, Yves Klein, Jean Tinguely oder Jesús Rafael Soto ebenso wie im ZERO-Kreis. Als einzige Frau behauptete sich Marianne Aue mit ihren Werken und gilt als Pionierin in beiden Gruppierungen.
Marianne Aue, die in den 1950er Jahren an der Werkkunstschule in Krefeld studiert hatte, schuf ab Anfang der 1960er Jahren Arbeiten, die eine formale Nähe zur ZERO-Bewegung aufweisen. Das Ziel der 1957 gegründeten Gruppe war es, Kunst durch Licht, Bewegung, Raum, serielles Denken und sinnliche Erfahrung jenseits traditioneller Malerei neu zu vermitteln. Obwohl Aue nicht zum engeren Kreis der ZERO-Gründer Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker gehörte, zeigen ihre Werke zentrale Prämissen der Strömung. So verdeutlicht etwa ihre mit mit Gold bemalte Holztafel „No. 102“ von 1961 mit gebrochenen und unterschiedlich langen schlanken Vertikalen das Moment des Seriellen und das Spiel mit Licht und Schatten auf monochromen Grund. Das Moment des Räumlichen, das die bisher zweidimensionale Bildfläche erweitert, griff Aue in dem drei Jahre jüngeren königsblauen runden Strukturrelief „No. 153“ auf. Hier sind die Geraden nicht nur kurz, sondern auch in ihrer Dicke und Höhe rhythmisiert, so dass der Eindruck eines Strebens zum Zentrum oder einer zentrifugal verdichteten Bewegung entsteht.
Marianne Aue selbst erklärte ihren Ansatz der Wechselwirkung von Licht und Schatten: „Was ich zu meinen Arbeiten benötige, ist Schatten.“ Damit machte sie ihr Bild und den Bildraum physisch erfahrbar. Auch spätere Konzepte, die in Verbindung mit kinetischer Kunst und Op-Art stehen, werden in Koblenz ebenfalls berührt. Aues Werke bewegen sich oft zwischen abstrakter Malerei und plastischem Relief. Ihre häufig geometrisch organisierten Werke zeigen eine Art Visualisierung von Bewegung mittels Wiederholung und Variation von Elementen. In ihren Monotypien arbeitete sie weiterhin mit dem Wechsel aus Hell und Dunkel. Schraffuren und Wiederholungen scheinen das Bild geradezu vibrieren zu lassen, wie in der clusterartigen Verdichtung auf dem „Papier 2“, deren Vertikalen sich beinahe kämpferisch mustern.
Die Ausstellung „Marianne Aue. Unknown Zero“ läuft bis zum 24. Mai. Das Ludwig Museum hat dienstags bis samstags von 10:30 bis 17 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Für Kinder bis 12 Jahr ist er frei.
Ludwig Museum im Deutschherrenhaus
Esther-Bejarano-Straße 1
D-56068 Koblenz
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