Kult der Schönheit: Godwin, Wilde und das Aesthetic Movement in Berlin  |  | Edward William Godwin, Buffet, 1867 | |
Das Berliner Bröhan-Museum behandelt in der Ausstellung „Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne“ zwei bedeutende Akteure des „Aesthetic Movement“, das maßgeblich zu der Entstehung der gestalterischen Moderne beigetragen hat. Ausgehend von der beispielhaften Verbindung von Kunst, Design und Lebensstil, die Godwin und Wilde kultivierten, beleuchtet das Kuratorenteam Tobias Hoffmann, Fabian Reifferscheidt und Theresa Augustin die ästhetischen und gesellschaftlichen Grundlagen dieser Bewegung sowie ihre Einflüsse auf die Entwicklung des Designs, die sich weit über das 19. Jahrhundert und einzelne Disziplinen erstreckten. Anhand zahlreicher Leihgaben wird der Künstler so als „Dandy zwischen Dekadenz und Moderne“ thematisiert.
Die intellektuell fundierte Bewegung des Ästhetizismus, die etwa von 1890 bis 1920 andauerte, identifizierte das Streben nach Schönheit und Geschmackserhöhung als Hauptziel der Kunst. Ähnlich wie beim Dandytum war es das Ziel, das Leben zum Kunstwerk zu machen. Alle Bereiche wie Habitus, Ausdrucksweise, Kleidung, Wohnung und Lebensweise sollten sich durch eine extreme Verfeinerung und Manieriertheit vom Leben der breiten Masse unterscheiden. Einer ihrer bedeutendsten Anhänger war der Architekt und Möbeldesigner Edward William Godwin, der 1833 in Bristol geboren wurde und Ruhm durch seine progressiven, teilweise radikalen Entwürfe erlangte. Während sich seine früheren Werke stark an der Gotik orientierten, war Godwin einer der ersten Designer, der das europäische Gestaltungsrepertoire durch japanische Einflüsse erweiterte, was zu der Entstehung des anglo-japanischen Stils führte. Die meist ebonisierten, klar gegliederten und ornamentlosen Möbel dieser Stilrichtung werden als frühe Beiträge zur Entwicklung des modernen Designs in Europa gesehen.
Godwins Buffetschrank aus dem Jahr 1867, der auch der Teil Ausstellung ist, spiegelt die charakteristischen Merkmale dieses Stils anschaulich wider: Das dunkle Möbelstück besteht aus einem Sideboard und einem Aufsatz mit zwei weiteren Fächern. Eindrucksvoll ist hierbei die große Aussparung im Zentrum des Möbelstücks. Godwin übernahm hiermit vor allem den Gedanken der Leere aus der japanischen Gestaltung. Während vorherige Möbel weitaus kompakter waren, arbeitete der Architekt hier mit einer offeneren Konstruktion, die durch die beinahe freischwebenden Schrankfächer auch das Prinzip von Tragen und Lasten betont. Weitere Inspirationen fand Godwin in antiker und frühgotischer Architektur, archäologischen Funden, im Schaffen Shakespeares, der Industrie und Wissenschaft sowie seiner eigenen Fantasie.
Im viktorianischen England wurde Inneneinrichtung zunehmend als Medium der Selbstrepräsentation angesehen, was Edward William Godwin in seinen Möbelstücken aufgriff. Vorgefundene Formen veränderte, steigerte, reduzierte oder kombinierte er seinen eigenen Bedürfnissen entsprechend neu. Im Kontext der viktorianischen Gestaltung sind seine Designs ausgesprochen ungewöhnlich. Godwin schuf diese „Art Furniture“ für ein ebenso hochgebildetes Publikum, das seine subtilen Bezüge auf außereuropäische Kulturen erkannte und zugleich wohlhabend genug war, um solche Stücke zu erwerben. Godwin war zusätzlich als Kostümbildner, Autor, Archäologe, Antiquar und Innenraumgestalter tätig, weshalb sein Werk sowohl disziplinäre Grenzen als auch soziale Konventionen überschritt.
Der brillante Schriftsteller Oscar Wilde, 1854 in Dublin geboren, wurde von einem Bewunderer zu einem engen Freund und Sinnesgenossen Godwins, weil sie das Verlangen nach einer Ästhetisierung des Alltags teilten. Aufgrund seiner Sprachgewandtheit und seines extravaganten Auftretens wurde er im sittsamen England gleichzeitig bewundert und verleumdet. Als „Prophet des Ästhetizismus“ schrieb und predigte er über seine Überzeugungen, beispielsweise in dem Vorwort zu seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Durch seinen öffentlich inszenierten Lebensstil prägte Wilde den viktorianischen Zeitgeist zwischen Dandytum und Dekadenz, was mit Godwins Überzeugungen harmonierte.
Das künstlerische Werk beider Männer ist von ihrer umfassenden Bildung und starker Wissbegier in den Bereichen der Architektur, Kunst- und Kulturgeschichte bestimmt. In ihrer Freundschaft und Arbeit inspirierten sie sich gegenseitig, wobei die gemeinsam gestaltete Wohnung von Wilde in der Londoner Tite Street als Höhepunkt gesehen wird. Radikal war ihr Bruch mit dem damals gängigen Einrichtungsstil, indem sie etwa das Speisezimmer in verschiedenen Weißtönen strichen und darin weiß lackierte Möbel platzierten. Die Ausstellung verbildlicht die Verbindung der beiden Künstler durch Godwins Möbel-, Interieur- und Architekturentwürfe, die von Aphorismen Wildes begleitet und kommentiert werden, wobei durch ästhetizistische Mittel ihre gestalterische Haltung visualisiert werden soll.
Die Ausstellung „Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne“ läuft bis zum 30. August. Das Bröhan-Museum hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist er kostenfrei. Der Katalog aus Wienand Verlag kostet im Museum 28 Euro.
Bröhan-Museum
Schlossstraße 1a
D-14059 Berlin
Telefon: +49 (0)30 – 326 906 00 |