Kjartansson bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen  |  | Ragnar Kjartansson, Sunday Without Love, 2025 | |
Die diesjährige Kunstausstellung der Ruhrfestspiele würdigt Ragnar Kjartansson, der zu den einflussreichsten zeitgenössischen Künstler*innen des nordischen Raums zählt. Die Schau „Sunday Without Love“ in der Kunsthalle Recklinghausen ist eine Weiterentwicklung der Ausstellung „A Boy And A Girl And A Bird“, die 2025 im Kumu Kunstmuseum in Tallinn konzipiert und von dem Recklinghausener Kuratorenteam weiterentwickelt wurde. Die Deutschlandprämiere bringt den Besuchern mit vier Videoinstallationen und der neuen Gemäldeserie „Weekdays in Arcadia“ die letzte Dekade von Kjartanssons Œuvre näher.
Der 1976 geborene Isländer begann seine Karriere in den frühen 2000er Jahren zunächst als Frontmann der Electroclash- und Glamrock-Band „Trabant“, was sein künstlerisches Schaffen bis heute prägt. Erst später entdeckte Ragnar Kjartansson sein Interesse, sich im Kontext der Bildenden Kunst mit Musik zu beschäftigen, etwa in Videoinstallationen oder Performances. Durch seine Teilnahme an der Biennale von Venedig im Jahr 2009 erlangte er internationale Bekanntheit. Kjartanssons Kunst wurde mittlerweile in bedeutenden Institutionen wie dem MoMA und dem Metropolitan Museum in New York, dem Palais de Tokyo in Paris, dem Barbican Centre in London und dem Louisiana Museum of Modern Art nördlich von Kopenhagen gezeigt.
In selbstironischer Manier beschäftigt er sich mit Themen wie Liebe, Identität, Männlichkeit, Melancholie oder Ohnmacht, wobei Kjartansson zugleich kulturelle und geschlechtliche Rollenbilder dekonstruiert. Bewusst stellt er Bezüge zu kunsthistorischen Traditionen auf, wobei für ihn besonders das Genre der Landschaftsmalerei aus dem 19. Jahrhundert und die feministische Performancekunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts relevant sind. Sein Image als „feministischer Country-Sänger“ mag zunächst unkonventionell erscheinen, jedoch wird es von ihm auf bemerkenswerte Art und Weise verkörpert. Seine Arbeiten bieten eine konzeptionelle Dichte, die von kulturellen Referenzen und Zitaten geprägt ist und eine affektive Wirkung beim Betrachter auslösen soll.
Das Videoprojekt „Sunday Without Love“ aus dem Jahr 2025 ist in Recklinghausen ist der neueste Beitrag Kjartanssons. Wie viele seiner Werke wurde das Stück zunächst für eine Live-Performance geschaffen und später als Video festgehalten. Das Projekt basiert auf zwei scheinbar unabhängigen kulturellen Referenzen: zum einen das Lied „Ohne Liebe Lernen“ von Rocko Schamoni, das der Künstler mit seinem langjährigen Musikerkollegen Davíð Þór Jónsson adaptiert und ins Englische übersetzt hat. Die zweite Referenz ist eine Postkarte aus dem 20. Jahrhundert, die Menschen in einheitlichen Trachten an einem unspezifizierten Ort in den Bergen zeigt, wobei einer von ihnen unpassenderweise eine Jazzgitarre hält. Laut den Kurator*innen imitieren die Komposition und die Bekleidung dieser Darstellung die Genremalerei des 17. Jahrhunderts. Kjartansson kostümierte sich mit anderen Performer*innen, um die Postkarte nachzustellen. Zusammen führten sie „einen fragilen, sich immer wiederholenden Chor in einer ähnlich idyllischen Umgebung auf“. Eine Kritikerin beschreibt die Aufführung folgendermaßen: „Vor der Kulisse der stillen Landschaft unterbrechen die Lyrics ‚You must learn to live without love‘ die bukolische Stimmung mit einem Gefühl von Abschied und stoischer Resignation.“
Die Ausstellung „Ragnar Kjartansson: Sunday Without Love“ läuft bis zum 16. August. Die Kunsthalle Recklinghausen hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.
Kunsthalle Recklinghausen
Große-Perdekamp-Straße 25-27
D-45657 Recklinghausen
Telefon: +49 (0)2361 – 50 19 35 |