 |  | Alexander Kips, Prunkvase, 1895 | |
Das ließ sich Jörg Woltmann dann doch nicht entgehen. Der Bankier und Eigentümer der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin sicherte sich in der letzten Lempertz-Auktion eine extravagante Prunkvase für einen hohen Preis. Das museale Einzelstück hatte es aber auch in sich. Denn die monumentale Vase aus dem Jahr 1895 zeugt nicht nur von der Kunstfertigkeit und Raffinesse der Berliner Entwerfer und Modelleure jener Zeit, sondern ist auch historisch von Bedeutung. Denn als Geschenk Kaiser Wilhelms II. ging das luxuriöse Unikat an Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, einen engen Vertrauten und Freund des Herrschers, der ihn 1900 in den preußischen Fürstenstand erhob. Doch dann trat der Journalist Maximilian Harden auf den Plan und löste 1906 die weltweit beachtete Harden-Eulenburg-Affäre aus, was zu mehreren Prozessen gegen Berater und Freunde des Kaisers aus dem homoerotischen „Liebenberger Kreis“ führte. Harden inszenierte den Skandal gegen Philipp zu Eulenburg, Kopf des Kreises, bewusst, um den Kaiser innen- und außenpolitisch unter Druck zu setzen. Mehrere prominente Personen stolperten über diesen Skandal, nicht zuletzt der amtierende Reichskanzler Bernhard von Bülow, mit dessen Rücktritt im Jahr 1909 die Affäre endete.
Philipp zu Eulenburg musste gleichfalls seinen Hut nehmen, die Freundschaft mit dem Kaiser zerbrach. Neben dieser aufsehenerregenden Geschichte ist die Deckelvase aber auch ein beeindruckender Leistungsnachweis der Manufaktur; vereint die aufwändige Einzelanfertigung doch die technischen und künstlerischen Möglichkeiten von KPM an der Wende zum 20. Jahrhundert. Das Modell dieser perfekten Symbiose aus bildhauerischem und keramischem Können geht auf Alexander Kips zurück, seit 1888 künstlerischer Leiter der Manufaktur. Er ging an die Grenze dessen, was im Porzellan realisierbar war, und konnte sich dabei auf das Wissen und Können seiner Former und Bossierer verlassen. Bei den Grundformen des Vasenkörpers und Deckels orientierte sich Kips an der friderizianischen Tradition des 18. Jahrhunderts. Darauf ließ er eine üppige naturalistische Flora in Gestalt von frei geformten Blüten sprießen und bekrönte den Deckel mit einem Bouquet aus Ananas, Zitronen, Trauben, weiteren Früchten und Maiskolben. Die ungewöhnlichste der frei modellierten Applikationen ist der über einen Meter lange Leguan, der sich auf der Wandung schlängelt. Ohne Gegenwehr erhielt Jörg Woltmann bei immerhin hohen 300.000 Euro den Zuschlag für die Vase und führte sie für 381.000 Euro brutto nach Berlin an den Ort ihres Ursprungs zurück.
Duell in Glas
Neben diesem Meisterwerk lief die Jubiläumsversteigerung „20 Jahre Berlin Auktion“ für Lempertz über weite Strecken ertragreich. Bei einer losbezogenen Verkaufsrate von 61 Prozent spielten die über 350 Positionen an Gemälden, Glas, Möbeln, Leuchtern, Tabatieren, Porzellan, Silber, Skulpturen und Zeichnungen mit Bezug zu Preußen und Berlin am 25. April gut 1,1 Millionen Euro ein. Los ging es mit zwei Glassammlungen, in denen sich etwa ein barocker Pokal aus St. Petersburg mit dem Brustbild der russischen Zarin Elisabeth Petrowna nach ihrem Amtsantritt im Jahr 1741 (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR) und sein gleichaltriges, wohl niederländisches Pendant mit der seltenen Darstellung einer Schnapsbrennerei für jeweils 6.000 Euro behaupteten (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR). Gefragt waren zudem mehrere böhmische Zwischengoldbecher aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei denen sich ein Deckelbecher mit zwei Duellszenen im Wald und einem Reiter mit gezücktem Schwert auf dem Boden bei 8.000 Euro an die Spitze setzte (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR) und sein Kollege mit einem Jagdmotiv unverhofft 3.000 Euro erlöste (Taxe 800 bis 1.000 EUR).
Mit mehr Berliner Beimengung trat im Anschluss eine Kratervase der Berliner Manufaktur Werner & Mieth an. Das puderblau gefärbte Glas mit weißen Blattfriesen und antikisch gewandeten Knabenfiguren zwischen einem Opferaltar und einer Herme, gefasst um 1800 mit einer vergoldeten klassizistischen Bronzemontierung, schnellte von 3.000 Euro auf 23.000 Euro. Dagegen interessierte sich niemand für eine wandfüllende Tapisserie aus einer Chinoiseriefolge, die mit zwei Personen beim Gießen von Pflanzen in einem exotischen Garten vor hügeliger Landschaft um 1740 wahrscheinlich bei Charles Vigne in Berlin gewirkt wurde (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). In der schmalen Silberabteilung nahmen die Kunden einen Becher von Johann Bernhard Müller um 1740 mit achtzehn Münzen, auf denen das Brustbild König Sigismunds I. von Polen prangt, für 2.000 Euro (Taxe 1.600 bis 2.000 EUR) und ein schlichtes Leuchterpaar um 1750 auf achteckigem Fuß mit Balusterschaft und zylindrischer Tülle der Gebrüder Müller, eines Zusammenschlusses des Vorgenannten mit seinem Bruder Martin Friedrich Müller, für 3.200 Euro mit (Taxe 2.500 bis 3.000 EUR).
Ein Schiffsunglück
Die gut und reich sortierte Keramikabteilung wartete zunächst mit einer Deckelvase für 3.500 Euro, auf deren türkisfarbenem Fond Mitarbeiter der Fayencemanufaktur von Cornelius Funcke um 1715/30 drei manganfarbene Chinoiserien in Reserven gemalt hatten (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR), und mit einer in China produzierten Deckelterrine samt Unterplatte auf, die Auskunft über ein glückloses Ereignis des preußischen Überseehandels gibt. Die Preußisch-Asiatische Kompanie brachte an Bord ihres Schiffes „Prinz von Preußen“ 1755 als besonderes Geschenk für König Friedrich II. ein Service mit dem „Großen Preußischem Staatswappen“ aus Kanton mit. Kurz vor dem Zielhafen Emden lief das Schiff bei Borkum jedoch auf Grund, das Service wurde teilweise beschädigt und konnte dem preußischen König nicht mehr überreicht werden. Stattdessen wurden die erhaltenen Teile neun Jahre später versteigert. Auch hier half der geschichtliche Hintergrund zu einer Verbesserung der Zielvorgaben von 12.000 bis 15.000 Euro auf letztlich 42.000 Euro.
Danach machte sich dann endlich KPM breit, musste gerade bei teuren Waren aus der Frühzeit der Manufaktur aber einige Federn lassen. So blieben ein Dejeuner mit feinen Watteau-Szenen in Purpurcamaieu aus dem späten Rokoko von 1767 (Taxe 8.000 bis 9.000 EUR), ein gleichaltriges, schon klassizistischer ausformuliertes Vasenpaar mit weiblichen Frauenbüsten samt Efeukränzen im Haar und großen Blumen auf der Wandung (Taxe 50.000 bis 60.000 EUR) oder zwei konische Blumenübertöpfe mit Rosengirlanden in Purpur- und Grüntönen um 1795/1800 liegen (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR). Eine Schüssel aus der zweiten Lieferung des Tafelservices für das Berliner Schloss von 1773 mit fein gemalten Blumenbouquets, Insekten und einer gewundenen Goldlaubkante hatte es da besser; sie schwang sich von 1.000 Euro auf 3.000 Euro auf. Taxkonform kamen ein elfteiliges Dejeuner mit Früchtedekor in Goldmedaillons um 1779 und die seltene Figurengruppe der drei römischen Götter Mars, Venus und Vulkan in Biskuitporzellan um 1783/84 bei jeweils 3.000 Euro sowie ein Paar „Weimar-Vasen“, das mit seinen beiden Ligaturmonogrammen „AFC“ und „RDC“ auf die Trauung von Adolf Friedrich Carpow und Renate Dorothea Carpow in Danzig am 14. Februar 1791 verweist und bisher in der Familie ihrer Nachfahren verblieb, bei 4.000 Euro ans Ziel.
Erst bei den KPM-Porzellanen des 19. Jahrhunderts lief es deutlich besser. Das lag nicht zuletzt an der Sammlung Reinhard Schönfisch, der 160 Stücke aus den Epochen Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. mit einem Fokus auf Tischwaren zusammengetragen hatte. Gut 63 Prozent von ihnen fanden einen Abnehmer. Preislicher Gipfel waren hier die 16.000 Euro für eine Vase mit der Ansicht des Berliner Schlosses, der Langen Brücke und des Reiterstandbilds des Großen Kurfürsten, bei der sich ein KPM-Maler an einem Gemälde von Carl Daniel Freydanck aus dem Jahr 1842 orientiert hatte (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Dahinter folgte bei 9.000 Euro ein historistisches Vasenpaar mit den Allegorien der Architektur und der Malerei nach einem Modell von Julius Wilhelm Mantel um 1860 (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Gute Ergebnisse erzielten mehrere Dessertteller mit botanischer Malerei und einem Blattkranz in Sepia auf der Fahne für bis zu 3.600 Euro, deren Dekor Gottfried Wilhelm Völcker zugeschrieben wird (Taxen zwischen 800 und 3.000 EUR), ein Teller mit sechs verschiedenen Rosensorten in konzentrisch angeordneten Reserven mit Goldfond für 4.800 Euro, deren Namen auf der Rückseite verzeichnet sind (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), ein vTeller mit vier orientalisch gewandeten jungen Männern, inspiriert durch Thomas Moores Romanze „Lalla Rookh“, für 3.300 Euro (Taxe 3.000 bis 4.000 EUR) oder mehrere Dessertteller aus dem Hochzeitsservice für Prinzessin Luise mit erlesenen Kameenmalereien von 1825 für bis zu 4.000 Euro (Taxen zwischen 1.500 und 6.000 EUR).
Aus anderen Sammlungszusammenhängen überzeugten dann noch der goldene und mit fein gemalten Blütenkränzen verzierte „Tambour zu Confect“ aus dem Darmstädter Hochzeitsservice vor 1836 bei 6.000 Euro (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR) und vor allem eine runde Tischplatte mit Helios im Sonnenwagen. Bei der Götterwelt, die noch von drei Genien und einem fackeltragenden geflügelten Cupido im nachtblauen Himmel bevölkert wird, orientierten sich die Manufakturmaler um 1833/34 an einem aquarellierten Entwurf August von Kloebers. Hier standen 44.000 Euro auf der Rechnung (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Nur 10.000 Euro weniger brachte dann eine goldene Tabatiere mit der Ansicht des Berliner Stadtschlosses und dem bekrönten Ligaturmonogramm König Friedrich Wilhelms IV. im Innern ein, die einer der zahlreichen, während des 19. Jahrhunderts in Hanau erstarkten Manufakturen zugeschrieben wird (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).
Eine unbekannte Pianistin
Bei den Gemälden zeigten sich die Kunden wieder wählerischer. So konnte der Berliner Architekturmaler Wilhelm Brücke mit seiner Fantasie einer Stadtansicht mit antik-klassizistischen Bauwerken von 1828 zum zweiten Mal bei Lempertz nichts ausrichten (Taxe 120.000 bis 130.000 EUR). Auch Franz Skarbinas Gouache der belebten Friedrichstraße in Berlin (Taxe 25.000 bis 30.000 EUR) und Lovis Corinths formauflösendes aquarelliertes Spätwerk eines Blumenstilllebens von 1922 gingen an die Einlieferer zurück (Taxe 80.000 EUR). Dafür langte Philipp Franck bei seinem spätimpressionistischen Ölgemälde „Bootssteg am Wannsee“ an einem bewölkten Tag des Jahres 1933 mit 48.000 Euro kräftig zu (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Martha Dehrmann hielt sich bei ihrem Konzert der Berliner Philharmoniker von 1892 unter Hans von Bülow mit einer unbekannten Pianistin am Flügel an die vorgegebenen 5.000 Euro, während sich Carl Schuch über 11.000 Euro für seinen Blick aus dem dunklen Holz des Wildparks bei Werder auf eine helle Lichtung freute (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR).
Bei den Skulpturen reüssierten Gustav Adolf Landgrebes marmorne Büste des stürmischen Ludwig van Beethoven von 1890 bei 8.000 Euro (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR), Rudolf Marcuses dunkelbrauner Bronzeguss des nackten Gottes Merkur mit Speer und Schild bei 3.800 Euro (Taxe 1.000 bis 1.500 EUR) und vor allem ein überlebensgroßer kaiserlich-preußischer Adler. Der bekrönte Vogel aus grün patiniertem Kupferblech, der seine Schwingen ausbreitet und wohl zur Ausstattung eines der vielen Denkmäler aus kaiserlicher Zeit diente, wird dem Berliner Fabrikanten Rudolf Peters zugeschrieben und flog erst bei 23.000 Euro davon (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).
Gegen Ende der Auktion traten dann noch Keramikprodukte aus dem Jugendstil und der Moderne an, darunter Otto Eckmanns Vasenpaar, auf dessen krakelierter Wandung eine opake pflaumenfarbene Glasur herabläuft und für das Otto Schulz die florale Bronzemontierung besorgte, zu taxgerechten 4.000 Euro oder der böhmische Bildhauer Franz Metzner. Er entwarf in den Jahren 1898 und 1899 insgesamt 37 Modelle für KPM, so auch eine Vase mit zwei teuflischen Masken und weiß-blau-roter Verlaufsglasur, die sich ebenfalls an der unteren Schätzgrenze von 8.000 Euro orientierte. Das traf auch bei einer Deckelvase des Art Déco mit zwei Fasanen in einer schwebenden Blattgirlande von Adolf Flad aus den frühen 1920er Jahren mit 3.500 Euro zu. Über ihren Schätzpreisen platzierten sich der farbig staffierte „Japaner mit Fisch“ aus Adolph Ambergs beliebtem „Hochzeitszug“ bei 2.300 Euro und die Vase „Staude“ von 1935, bei der Trude Petri für die Form und mutmaßlich Erich Loesert für die Bemalung mit Gräsern und Schilfhalmen samt Libellen zuständig waren, bei 2.400 Euro.
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |