Oberhausen: Mit Anja Niedringhaus an vorderster Front  |  | Anja Niedringhaus, Ein irakisches Mädchen verlässt die Grundschule im Zentrum von Bagdad, 12. Okt. 2004 | |
„An vorderster Front“ bewegt sich die Ludwig Galerie Schloss Oberhausen derzeit auf den Spuren der Fotografin Anja Niedringhaus. Dieser Ausstellungstitel suggeriert das spezielle Arbeitsfeld der Fotoreporterin, die sich mit militärischen Spannungen beschäftigte. Den Besucher nimmt die von Christine Vogt kuratierte Werksübersicht aus rund 250 Aufnahmen in zahlreiche Gegenden mit, in denen stark umkämpfte Konflikte in den letzten Jahrzehnten tobten. Dazu gehört unter anderem der Balkan, der Gazastreifen, Libyen, der Irak, insbesondere aber Afghanistan, ein Schwerpunkt der „Bilderkriegerin“. Neben diesen Themenblöcken erschließt die Schau auch andere, weniger bekannte Tätigkeitsbereiche von Niedringhaus, speziell das Porträt sowie die Sportfotografie.
Der Hauptantrieb für die 1965 in Höxter geborene Fotoreporterin war die Intention, mit dem Medium der Fotografie Aufklärung zu betreiben. „Wenn ich nicht fotografiere, wird es nicht bekannt“, hieß ihr Motto. Mit zwölf Jahren griff Anja Niedringhaus erstmals zur Kamera, mit 16 Jahren arbeitete sie bereits für eine Lokalredaktion. Von da ab schuf sie durchgehend auch während ihres Studiums in Göttingen und diverser Praktika, aber ohne klassische Ausbildung Bildreportagen, bevor sie zunächst ab 1989 als Fotografin bei der „European Pressphoto Agency (EPA)“, einem Zusammenschluss europäischer Bildagenturen, ab 2002 dann als feste Angestellte bei der Genfer „Associated Press (AP)“ tätig war. Obgleich die Fotos mit dem Agenturkürzel AP unterzeichnet sind, werden viele ihrer Aufnahmen mit Anja Niedringhaus schon bei flüchtiger Inaugenscheinnahme verbunden, da ihre individuelle Handschrift einen hohen Wiedererkennungswert bietet.
Einerseits hielt sie bei Einsätzen vor Ort mit den Soldaten die schier unfassbare Normalität der Brutalität fest. Verwundete Krieger, Soldaten im Einsatz oder um Kameraden trauernde Kämpfer zeigen, wie unglaublich nahe sie dem Geschehen war. Andererseits schaute sie empathisch auf die Zivilisten, deren Leid, Trauer, Überlebensstrategien. Frauen beim Burkakauf, spielende Kinder, elegant gekleidete Schüler auf dem Weg zum Unterricht unterstreichen ihre Bestrebungen, Menschlichkeit hervorzukehren. Darüber hinaus porträtierte Niedringhaus Nomaden oder Abgeordnete. Den Abschluss bilden Fotografien aus der Sportwelt. Auch hier sind Menschen in Aktion. Mut, Siegeswille, kollektives Erlebnis, Ausdauer, aber auch Erschöpfung oder Niederlagen spürte die Fotografin bei zahlreichen Weltmeisterschaften, neun Olympischen Spielen oder vielen Turnieren wie in Wimbledon auf. Erneut zeigt sich ihr Gabe, im richtigen Augenblick „Momente für die Ewigkeit“ in fesselnden Kompositionen auf den Punkt zu bringen.
Im Jahr 2000 stieg Niedringhaus auf digitale Spiegelreflexkameras um, was die Arbeit erheblich erleichterte. Zugleich entwickelte sich das Genre vom kompakt eine Geschichte erzählenden Einzelbild hin zum Fotoessay, in dem das singuläre Bild an Kraft verliert. Im Jahr 2005 wurde sie als erste deutsche Fotojournalistin mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet. Am 4. April 2014 fiel sie in Afghanistan einem Attentat zum Opfer. Auch wenn ihre Fotografien, die Niedringhaus als Botschaften für den Frieden verstand, für Zeitungen oder Magazine aufgenommen wurden, entfachen sie in Ausstellungen und in Buchpublikationen eine bestechende Anziehungskraft, der man sich kaum entziehen kann.
Die Ausstellung „Anja Niedringhaus – An vorderster Front. Pulitzer-Preisträgerin, Pressefotografin, Porträtistin“, ist bis zum 13. September zu sehen. Die Ludwig Galerie Schloss Oberhausen hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 30 Euro kostet.
Ludwig Galerie Schloss Oberhausen
Konrad-Adenauer-Allee 46
D-46049 Oberhausen
Telefon: +49 (0)208 – 412 49 28 |