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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Das Wiener Auktionshaus Dorotheum setzt bei seiner modernen Kunst auf Frankreich, Österreich und Italien. Andere Landstriche sind seltener vertreten

Monets Weg in die Abstraktion



Claude Monet,  Waterloo Bridge. Brouillard, 1901

Claude Monet, Waterloo Bridge. Brouillard, 1901

Zu sehen ist fast nichts, doch die Stimmung ist eindrücklich. Aus den hellen dunstigen Blautönen schält sich so etwas wie ein Brückenbogen heraus; davor könnten einige Boote im Wasser liegen. Aber klar zu erkennen, sind sie nicht. So sah Claude Monet auf einem Pastell die Waterloo Bridge bei Nebel in London. Als er im Winter 1900/01 zum dritten Mal in die britische Hauptstadt reiste, tat er dies mit einem künstlerischen Ziel: Die Metropole und ihre einzigartige Atmosphäre sollten zum Gegenstand einer Werkgruppe werden. In dem Zusammenspiel aus Wasser, Industriebauten, Verkehr und Wetter bot London dem Künstler immer wieder neue Gelegenheiten, sich mit Licht, Farbe und Atmosphäre zu beschäftigen und der städtischen Szene stets neue Nuancen abzuringen. In einer Mischung aus Wasser, Rauch und Dunst verwandelte Monet die Stadtlandschaft in ein vibrierendes Gefüge, in dem sich Formen auflösten, Konturen verschwammen und die Architektur nur noch als schemenhafte Erscheinung im Licht auftrat. Gerade diese flüchtigen Erscheinungen faszinierten ihn. Mit der Konzentration auf die blassen Blautöne, die silbrigen Grauwerte und den zarten Schleier aus Weiß schritt Monet auf dem Weg in Ungegenständlichkeit weit voran, was das Dorotheum nun mit 300.000 bis 500.000 Euro honoriert sehen will.


Mit dieser Bewertung hat sich Monets flüchtige Atmosphäre an die Spitze der Auktion „Moderne“ gesetzt. An diese Schätzung kommt am 19. Mai in Wien nur noch Gino Severinis Vision „Il Paradiso Terrestre“ heran. Als der Italiener Ende der 1930er Jahre gerade die motivverwandten Mosaike für den Palazzo delle Poste in Alessandria anfertigte, schuf er diese archaische Landschaft, in der Dinosaurier, Zebras, Pferde, Schafe, Schlangen, Pinguine und weitere Arten exotischer und domestizierter Tiere nebeneinander bis zu einem nackten sitzenden Mann herziehen. Der Akt der Schöpfung von den frühesten Vulkanausbrüchen, die der Welt Gestalt verliehen, bis zum Auftreten der Menschheit ist mit 300.000 bis 400.000 Euro angesetzt. Weitere Italiener mischen an vorderster Front mit, darunter Giorgio de Chirico mit seinem frühen neobarocken Gemälde „Cavallo e zebra sulla spiaggia“, in dem er um 1930 mit den Säulenfragmenten eine Sehnsucht an die Antike aufleben lässt (Taxe 220.000 bis 300.000 EUR). Mehr in surreale, übernatürliche Gefilde geht es in seiner späten Leinwand „Apparizione del cavallo in un interno metafisico“ von 1969, in der ein Schimmel durch ein Fenster auf durchlöcherte geometrische Holzformen und Volutenspangen schaut (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Das Pferd war zudem ein Lieblingsmotiv von Marino Marini, das er meist mit einem Reiter paarte und damit das enge, oft spannungsreiche Verhältnis von Tier und Mensch thematisierte, so auch 1951 in dem 55 Zentimeter hohen Bronzeguss eines arm- und beinlosen „Cavaliere“ (Taxe 240.000 bis 320.000 EUR). Einige italienische Werke aus den 1930er bis 1950er Jahren lassen den Betrachter in die Welt des Realismo eintauchen. Dazu zählen unter anderem Renato Guttusos energisches Bildnis seines Künstlerkollegen Nino Franchina, eines bedeutenden Bildhauers der abstrakten Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), Xavier Buenos nachdenkliches Selbstportrait als Straßenkünstler von 1940 (Taxe 26.000 bis 38.000 EUR) oder Cagnaccio di San Pietros „Natura morta“ mit drei toten Enten auf einem Tisch in einem ansonsten leeren Zimmer von 1935 (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Als eine der wenigen Malerinnen reiht sich hier Edita Broglio mit ihrem „Cortiletto“ von 1952 ein. Ihr Innenhöfchen mit einer modernen Frau, die vor einem großen Terrakottagefäß eben mit einem Schlauch mehrere Stockrosen mit Wasser besprengt, soll 7.000 bis 10.000 Euro einspielen. Massimo Campigli ließ sich hingegen von der Kunst der Etrusker inspirieren und malte 1953 in einem archaischen Stil vier Frauen beim freudvollen „Gioco del diabolo“ (Taxe 60.000 bis 90.000 EUR).

Unter den Protagonisten der Wiener Moderne ragt im Dorotheum wieder einmal Egon Schiele heraus. Nachdem das Wiener Auktionshaus mit seinem „Kauernden Rückenakt“ aus dem Jahr 1917 im vergangenen November bei 2,7 Millionen Euro erfolgreich war, gehen nun Schieles ruhig „Sitzendes Mädchen mit rotem Hut“ bei 240.000 bis 300.000 Euro und die lediglich mit Kohle ausgearbeiteten „Zwei liegenden Akte“ von 1917 bei 180.000 bis 250.000 Euro an den Start. Recht günstig ist sein gleichaltriger „Stehender Rückenakt“ in gebeugter Haltung mit 90.000 bis 120.000 Euro bewertet; die Kolorierung mit Gouache und Aquarell ist zwar charakteristisch für das Schaffen von Schiele, stammte allerdings von anderer Hand. Mit mehreren seiner typischen Entwurfszeichnungen beteiligt sich zudem Gustav Klimt, darunter mit einem „Nach rechts liegenden Paar“ von 1914 (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR) oder dem mit Rötel entwickelten Brustbild einer ebenfalls liegenden Frau mit geschlossenen Augen, einer Studie zu dem Gemälde „Die Jungfrau“ um 1911/12 (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR).

Einen Schwerpunkt setzt die Auktion bei Albin Egger-Lienz, dessen hundertster Todestag sich im November jährt. Die beiden Ölgemälde „Zwei Schnitter“ um 1922/24 und die bäuerliche „Mahlzeit“ um 1920/21 sowie das ebenfalls braun grundierte Aquarell eines Bauernkopfes mit Helm aus dem „Totentanz“ veranschaulichen die malerische Auseinandersetzung des Künstlers mit existenziellen Themen: mit dem Zyklus von Leben und Tod, der Verbundenheit von Mensch und Natur, der harten Arbeit um das tägliche Brot und den Schrecken des Krieges. Das Aquarell liegt bei 50.000 bis 70.000 Euro, die Ölgemälde zwischen 150.000 und 250.000 Euro. Bei Carl Moll geht es dagegen meist heiter und unbekümmert zu, selbst wenn die Natur bei seinem „Frühling in Grinzing“ noch nicht voll erblüht ist (Taxe 50.000 bis 80.000 EUR), ebenso bei August Riegers buntem „Sonnigem Nachmittag auf der Terrasse im Park“ (Taxe 7.000 bis 12.000 EUR). Aus der Vogelperspektive hat Wilhelm Nikolaus Prachensky 1921 eine Dachlandschaft aufgenommen und die verschachtelten, von schräg oben gesehenen Häuser mit nervösem Pinselstrich ausgearbeitet, was an Egon Schieles Bilder aus Krumau erinnert (Taxe 40.000 bis 50.000 EUR).

Unheimlich wird es dann bei Franz Sedlacek: Über seiner fantastischen düsteren „Landschaft mit Burg“, einem Fragment eines größeren Ölgemäldes aus dem Jahr 1930, ziehen dräuend dunkle Wolken, kahle Bäume ragen in den Himmel auf, und unwirkliche Farben bis hin zu einem Schwefelgelb lagern sich über die Natur (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR). Mit kubistischen Versatzstücken hat Christian Hess 1932 sein Ölgemälde „Bei der Modistin“ angelegt und die titelgebende Protagonistin in den Vordergrund gerückt (Taxe 15.000 bis 25.000 EUR). Mit Stillleben beteiligen sich Rudolf Wacker, der aus seinem Atelierfundus 1926 eine Geranie, volkstümliche Hinterglasmalerei mit einer Jesus-Darstellung, eine Kartenspielschachtel, eine Vogelfigur und die titelgebende Barockskulptur eines Engels zusammengestellt hat (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR), Gerhild Diesner mit ihrem farbintensiven, flächig entwickeltem „Obststillleben mit Nüssen“ von 1975 (Taxe 18.000 bis 30.000 EUR) oder der Tscheche Václav Špála mit seiner expressiven ovalen Komposition aus Äpfeln und Birnen in und um eine Schale von 1926 (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR).

In den französischen Kunstkreis geht es mit einigen Surrealisten, darunter Victor Brauner und seiner vor Schreck verzerrten Gesichtsmaske „La Substance du périssable“ aus dem Jahr 1952 (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR), Wifredo Lam und seinem stammesrituellen, rot glühenden Objekt „L’Oiseau Flamme“ von 1973 (Taxe 70.000 bis 100.000 EUR) oder Max Ernst und seinem kristallin aufgebrochenem Landschaftsgefüge von 1958 (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR). Konzentriert hat Hans Arp 1948 auf seiner Collage bumerangähnliche Flächenformen in einer ausgeglichen Spannung zueinander gesetzt. Die „Collage charte(s)“ aus der Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch will 40.000 bis 60.000 Euro sehen. Dichter hat Sonia Delaunay-Terk 1969 auf ihrer Gouache „Rythme couleur“ die kraftvollen Farbrechtecke aneinandergefügt und sie um wenige Grad leicht aus der Vertikalen verschoben (Taxe 30.000 bis 50.000 EUR). Mit dem „Pierrot debout aux rideaux rouges, entrée en scène“ hat Georges Rouault einem seiner bevorzugten Themen gehuldigt und den Clown in seiner tragikomischen Gleichzeitigkeit eingefangen (Taxe 50.000 bis 70.000 EUR).

Pablo Picasso tritt in Wien als Zeichner an und schickt sein Grafitblatt „Les Déjeuners“ von 1961 für 120.000 bis 160.000 Euro ins Rennen, das zu einer Werkreihe gehört, in der er sich zwischen 1959 und 1962 mit Edouard Manets berühmtem Gemälde „Das Frühstück im Grünen“ beschäftigt hat. Eine elegische Stimmung entwickelte Jules Pascin 1918 in seinem Portrait „Hermine assise“ und verewigte damit seine Lebensgefährtin, die Malerin Hermine David, eine Urenkelin des Revolutionsmalers Jacques-Louis David (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Als Surrealist gilt der gebürtige Chilene Roberto Matta, der mit seiner energiegeladenen Leinwand „Désobéissance“ von 1959 ein visuelles Pendant zum Free Jazz geschaffen hat (Taxe 90.000 bis 140.000 EUR). Der Niederländer Dick Ket fertigte bei einem Gesamtwerk von 140 Gemälden immerhin vierzig Selbstportraits, so auch 1924, als er sich im Halbprofil auf sein Gesicht konzentrierte und mit fragendem Blick direkt den Betrachter gefangen nahm (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR).

Die Auktion beginnt am 19. Mai um 18 Uhr. Die Besichtigung ist bis zum Auktionsbeginn täglich von 10 bis 18 Uhr, an Christi Himmelfahrt und am 17. Mai von 14 bis 17 Uhr möglich. Der Internetkatalog listet die Objekte unter www.dorotheum.com.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at

Startseite: www.dorotheum.com



12.05.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Werner Häußner

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