Kunstsatirikerin Jerry Gogosian tot in São Paulo aufgefunden  |  | Hilde Lynn Helphenstein alias Jerry Gogosian | |
Unter dem Namen Jerry Gogosian berichtete die Bloggerin Hilde Lynn Helphenstein satirisch und mit Kenntnis über die Sitten der Kunstwelt. Nun wurde die Influencerin am Sonntag tot in dem Luxushotel Rosewood in São Paulo aufgefunden, wie brasilianische Medien gestern meldeten. Ein plastischer Chirurg habe laut dem TV-Sender Globo die Behörden informiert, nachdem er Helphenstein auf ihrem dreiwöchigen Trip in die Stadt beraten sollte, sie jedoch nicht erreichen konnte. Weder das Hotel, die U.S.-Botschaft in Brasilien noch die United Talent Agency, die die Kommentatorin seit 2024 vertritt, äußerten sich bisher zu dem Vorfall. Die Polizei behandelt den Sachverhalt als verdächtigen Todesfall und leitete bereits weitere Ermittlungen zur Todesursache ein.
Helphenstein, die 40 Jahre alt wurde, studierte Kunst in San Francisco und zeitweise auch an der Frankfurter Städelschule. Nachdem sie mehrere Jahre als Mitarbeiterin in Galerien tätig war, was sie unter anderem mit den Worten „Ich habe in sehr exklusiven Galerien gearbeitet, mit einer Kundschaft, die zu den korruptesten und bösartigsten gehörte, die die Welt je gesehen hat. Und die Künstler müssen sich diesen Kunden emotional anbiedern, weil das zu ihrem Job gehört“ kommentierte, gründete sie in Los Angeles ihren eigenen Projektraum „Hilde“. Als sie aus gesundheitlichen Gründen mehrere Monate lang ans Bett gefesselt war, entstand aus Frust und Langeweile die Idee, einen kritischen Blick auf die Kommerzialisierung der Kunst zu werfen. Dazu legte sich Helphenstein das sprechende Pseudonym „Jerry Gogosian“ zu, womit sie sich auf den Namen des bekannten New Yorker Kunstkritikers Jerry Saltz und den Galeristen Larry Gagosian, einen der führenden Kunsthändler weltweit, bezog. Mit dem Launch ihres Instagram-Accounts im Jahr 2018 eroberte die Bloggerin die Kunstwelt im Sturm.
Ihre scharfzüngigen Kommentare sowie ihre humoristischen Memes und Tratsch-Posts waren von einer intimen Nähe zur Branche geprägt und nahmen Auktionshäuser, Galerien, Sammler, Kunstmessen und Spekulanten gleichermaßen ins Visier. Jedoch verstand sie ihre Kritik nie als grundlegende Ablehnung der Kunstwelt: „Wir leben im Spätkapitalismus, ich kann nichts daran ändern, dass die Kommodifizierung von Flachheiten weitergeht“, erklärte sie dem Kunstmagazin Monopol in einem Interview. Das Magazin portraitierte die Bloggerin als „scharfsinnige Beobachterin eines Systems, das sie zugleich liebte und verspottete“. Zwei Jahre nach der Erstellung des Accounts gab der Artnet-Reporter Kenny Schachter die Identität hinter dem Blog bekannt, der zuletzt 145.000 Follower erreichte.
Seit dieser Zeit trat Hilde Lynn Helphenstein, die sich selbst als Konzeptkünstlerin verstand, auch unter ihrem richtigen Namen auf, kuratierte etwa im Herbst 2022 bei Sotheby’s in New York die Verkaufsausstellung „Suggested Followers: How the Algorithm is Always Right“, startete ihren Podcast „Art Smack“ und absolvierte ihren Master of Business Administration an der Stern School of Business der New York University. Im letzten Jahr gab Helphenstein schließlich bekannt, dass sie plane, ihren Blog zu schließen. Erst vor drei Tagen betonte sie in ihrem letzten Instagram-Post, dass man „die reiche Frau in sich fliegen lassen muss“ – ein Appell an eine Zukunft ohne den Charakter Jerry Gogosian, von dem sie sich mit der Zeit immer weiter entfernt hatte. |