Erster LMV-Kunstpreis für Natascha Sadr Haghighian  |  | Ausgezeichnet: Natascha Sadr Haghighian, 86° Walter Halit, 2025 | |
Erstmals hat der in Münster ansässige Versicherungskonzern LMV einen Kunstpreis aufgelegt und ihn an Natascha Sadr Haghighian vergeben. Die Jury sprach sich einstimmig für das Werk „86° Walter Halit“ der deutsch-iranischen Künstlerin aus. Mit der Installation auf dem Dach des Kasseler Regierungspräsidiums schaffe Haghighian laut Jury ein weithin sichtbares und eindringliches Erinnerungszeichen gegen rechtsextreme Gewalt. Das Werk verweist auf die Schicksale des ehemaligen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und Halit Yozgat, im Jahr 2006 das letzte Opfer der NSU-Mordserie, deren gewaltsame Tode eng mit der Stadt Kassel verbunden sind, und macht die Auseinandersetzung mit rechter Gewalt im öffentlichen Raum präsent.
Die siebenköpfige Jury aus Vertreterinnen und Vertretern von Kulturinstitutionen, Kunsthochschulen und dem Kulturjournalismus hob insbesondere hervor, wie Natascha Sadr Haghighian mit ihrer Lichtskulptur die vermeintliche Neutralität des Behördengebäudes gezielt infrage stellt. Die auffällige Farbgestaltung setze ein unübersehbares Zeichen im öffentlichen Raum und eröffne zugleich eine Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und Herausforderungen demokratischen Zusammenlebens. Durch die Verwendung der Vornamen „Walter“ und „Halit“ verleihe die Künstlerin dem Erinnern eine persönliche Ebene, die über die einzelnen Biografien hinausweist und verschiedene Formen rechter Gewalt miteinander in Beziehung setzt. Ergänzt wird die Installation durch Audiobeiträge und eine interaktive digitale Landkarte, die das Gedenken in den städtischen Alltag einbindet und für Besucherinnen und Besucher unmittelbar erfahrbar macht.
Natascha Sadr Haghighian, 1967 in Teheran geboren, studierte an der Kunsthochschule für Medien Köln bei Valie Export und am Art Institute of Chicago bei Lin Hixson. Seit den 1990er Jahren ist sie in Berlin tätig und zusätzlich seit 2014 als Professorin für Bildhauerei an der Hochschule für Künste Bremen. 2019 vertrat sie Deutschland bei der Biennale in Venedig. Der LMV-Kunstpreis, der künftig alle zwei Jahre verliehen werden soll, ist mit insgesamt 50.000 Euro dotiert. Neben dem Preisgeld von 25.000 Euro sind auch eine Ausstellung auf dem LMV Campus sowie Diskursveranstaltungen in Münster und Kassel inbegriffen. Mit der Auszeichnung möchte die Versicherung Kunstschaffende unterstützen, die mit ihren bereits realisierten Werken in Deutschland öffentliche Räume bereichern und die Gesellschaft aktiv miteinbeziehen. Es können permanente, temporäre, performative oder prozesshafte Werke sein, unabhängig von Genre und Form. Für die erste Vergabe des LMV-Kunstpreises waren zudem Arbeiten von Nevin Aladag, Ruth Buchanan, Heike Mutter und Ulrich Genth, der Gruppe terra0 mit Paul Kolling, Max Hampshire und Paul Seidler sowie von Sasha Waltz nominiert. |